Bis Dienstag in Kabul

Aus Afghanistan evakuiert: Familie aus Fulda berichtet von ihrer Heimreise und dramatischen Szenen

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
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Samsama und Noor Mohammad Khoja aus Fulda gehören mit ihren Kindern zu den ersten Evakuierten, die aus Afghanistan ausgeflogen wurden. Doch bis es soweit war, durchlebte die Familie bange Stunden.

Fulda/Kabul - Am Flughafen von Kabul ist kein Weiterkommen. Hunderte Menschen, die das Land verlassen wollen, drängen sich vor einer Absperrung. Ganz vorne stehen bewaffnete Amerikaner, schießen in die Luft, lassen niemanden durch. Auch Familie Khoja aus Fulda ist mitten in dem Gedränge. Sie sind vor vier Wochen nach Afghanistan geflogen, um bei der Beerdigung eines Verwandten mit dabei zu sein. Eigentlich wollten sie bis zum 28. August bleiben. Doch nachdem die Taliban die Stadt am Sonntag so plötzlich eingenommen haben, versuchen sie so schnell wie möglich auszureisen. Als Deutsche ist es zu gefährlich zu bleiben.

Samsama Khoja trägt den einjährigen Sohn Musawwir auf dem Arm, der ältere Sohn Yunus krallt sich an die zierliche Frau: „Halt mich bloß fest. Lass mich nicht los“, fordert sie ihn auf und schiebt sich nach vorne – der Abstand zu Vater Noor Mohammad, der eben noch hinter den dreien war, wird immer größer.

Afghanistan: Dramatische Heimreise für Familie aus Hessen

Es geht gut aus. Die Familie schafft es in die Maschine der Bundeswehr und landet Mittwochmorgen in Frankfurt. Jetzt, zwei Tage später – zu Hause in Fulda – können sie aufatmen. Die Wohnung zeigt die zwei Welten, in denen die Familie lebt: Eine Wand mit der Skyline von New York und gegenüber ein Bild des Korans sowie ein Wandteppich mit den Provinzen Afghanistans.

Samsama wohnt seit 2001 in Deutschland, Noor Mohammad seit 2011. „Für die Afghanen sind wir Deutsche, für die Deutschen sind wir Ausländer“, sagt die 27-Jährige. Ihr Herz schmerzt, wenn sie an die Zukunft Afghanistans denkt. „Man weiß nicht, wie skrupellos die Taliban sind. Dass sie sich gemäßigt geben, ist sicher nur am Anfang so.“

Familie Khoja aus Fulda gehört zu den ersten Evakuierten, die aus Afghanistan ausgeflogen wurden.

Die bangen Stunden steckten ihr noch in den Knochen, sagt sie. „Ich muss immer wieder daran denken und habe mir sogar eingebildet, Schüsse zu hören. Auch die Kinder sind noch verschreckt.“ Wenn sich der neunjährige Yunus an die Szenen am Flughafen erinnert, erzählt er davon, wie er über Kinder, die in der Menge hingefallen waren, drüber steigen musste, dass er Angst hatte und dass Musawwir weinte. Der Junge erzählt von einem Kind, das im Flugzeug einen Fieberkrampf erlitt und dass er nicht weiß, wann er seinen Onkel Said Mohammad wiedersehen wird. (Lesen Sie hier: Chaos in Afghanistan: Wie Lorena Fladung für die Ausreise ihres Schwiegervaters kämpft)

Noor Mohammad Khoja hat seine Familie in Afghanistan regelnmäßig besucht

Bei ihm waren die Khojas zuletzt. Der Onkel – der Bruder von Noor Mohammad – lebt in Kabul. „Er traut sich momentan nicht raus. Wir haben auch Angst, dass die Nachbarn ihn an die Taliban verraten, weil er Besuch aus Deutschland hatte“, erklärt Noor Mohammad. Der 32-Jährige hat seine Familie in Afghanistan immer regelmäßig besucht.

„Noch im vergangenen Jahr haben wir uns in Kabul sicher gefühlt“, erklärt er, und Samsama fügt an: „Man weiß, dass die Taliban da sind, aber sie hielten sich im Hintergrund und waren hauptsächlich in den Dörfern. Wir haben befürchtet, dass sie das Land einnehmen, aber wir sind fest davon ausgegangen, dass das erst ab September sein kann.“ Die Stimmung in Kabul sei kurz vor der Machtübernahme sehr bedrückend gewesen. „Es war so, als würde jeder merken, dass es dem Ende zugeht“, sagt die 27-Jährige.

Als am Samstag Helikopter über der Stadt kreisen, die Leitungen der Telefone und das Internet nicht mehr funktionierten und auch Schüsse zu hören waren, weiß Samsama, dass etwas passiert sein muss: „Mein Mann ist dann raus und hat nachgesehen. Als er wieder kam, sagte er, dass es schlecht aussieht und der Präsident geflohen ist.“

Daraufhin registriert sie die Familie in der Krisenliste des Auswärtigen Amts. „Ich sollte dann auf eine E-Mail warten. Als am Montag kein Flugzeug mehr ging, hatte ich die Hoffnung fast aufgegeben.“ (Lesen Sie auch hier: Warten auf ein Lebenszeichen: Parvez Khan-Heidar aus Fulda bangt um seine Familie in Afghanistan)

Video: Afghanistan-Evakuierung: Erleichterte Passagiere in Frankfurt

Am Dienstagmittag kommt schließlich die erhoffte Mail: Die Familie soll umgehend zum Flughafen kommen. Er liegt nur sieben Kilometer entfernt, doch diese sieben Kilometer werden zum Spießrutenlauf: „Überall waren Checkpoints der Taliban. Ich hatte Panik, dass sie uns nicht durchlassen. Ich habe keine Burka, trug aber afghanische Kleidung, einen langen schwarzen Mantel, Kopftuch und Mundschutz“, erinnert sie sich. Und sie hat noch eine weitere Angst: Dass die Taliban merken könnten, dass sie Deutsche sind. „Wir haben Yunus gesagt, dass er nicht sprechen soll, weil man dann erkennen könnte, dass er keinen afghanischen Akzent hat.“

Dass sie es letztlich ins Flugzeug schaffen und zu den 130 Evakuierten gehören, die mit einer der ersten Maschinen nach Deutschland ausgeflogen werden, dafür ist die Familie dankbar. „Wir hatten großes Glück.“

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