„Das sind unsere Kinder, die nicht ihre Großeltern und Onkel verlieren wollen“, schreibt Lorena Fladung.
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„Das sind unsere Kinder, die nicht ihre Großeltern und Onkel verlieren wollen, die sie so sehr lieben – trotz der großen Entfernung und der einzigen Kontaktmöglichkeit über Videoanrufe“, schreibt Lorena Fladung.

Als Ortskraft gearbeitet

Chaos in Afghanistan: Wie Lorena Fladung für die Ausreise ihres Schwiegervaters kämpft

Seit Wochen kämpft Lorena Fladung aus Fulda um die Ausreise ihres Schwiegervaters, der als afghanische Ortskraft von 2010 bis 2017 in Diensten einer deutschen Entwicklungsorganisation stand.   

Fulda/Kabul - Es ist Montag, der 16. August, 9.15 Uhr, und seit dem Vorabend überschlagen sich die Meldungen aus dem Land am Hindukusch. Eigentlich wollte Lorena Fladung um 9 Uhr in die Redaktion nach Fulda kommen, hatte vor wenigen Tagen noch darauf gedrängt, so schnell wie möglich ein persönliches Gespräch zu führen, um ihrem Anliegen öffentliche Resonanz zu verschaffen. Dass sie den Termin nun ohne Absage einfach verstreichen lässt, verwundert zunächst.

Doch nach einer halben Stunde klingelt das Telefon: Es ist Lorena Fladung. Sie telefoniere schon den ganzen Morgen mit den deutschen Behörden, entschuldigt sie sich. Sie klingt gehetzt, hält kurz inne, bevor sie weiter spricht. Die Bundeswehr sei jetzt auf dem Weg nach Afghanistan, erklärt sie, und dass sie nun hofft, ihren Schwiegervater endlich außer Landes zu bekommen.

Afghanistan: Lorena Fladung aus Fulda kämpft um Ausreise des Schwiegervaters

Von 2010 bis 2017 habe er in Diensten der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gestanden. Nun lasse ihn die Bundesregierung einfach zurück, der Rache der Taliban schutzlos ausgeliefert, die ihn als Kollaborateur der westlichen Besatzer betrachten.

Mit Wut und Unverständnis blicke sie auf die Arbeit der deutschen Behörden, von denen sie schildert, dass keine für den Fall ihres Schwiegervaters zuständig sein will. Ferner klagt die junge Frau die Praxis der deutschen Behörden an, zwischen den Ortskräften, die direkt beim Bund angestellt waren, und den Angestellten von Organisationen, die dem Bund lediglich vor Ort zuarbeiteten, zu unterscheiden.

Da das Dienstverhältnis ihres Schwiegervaters bei der GIZ länger als zwei Jahre zurückliege, falle er nicht in die Gruppe jener Ortskräfte, die einen Anspruch auf Ausreise besäßen – habe man ihr von staatlicher Seite mitgeteilt.

Lorena Fladung lässt nichts unversucht. Über Instagram kontaktiert sie Außenminister Heiko Maas (SPD), gibt dem Stern ein Online-Interview, mit dem sie versucht, die Öffentlichkeit auf das Schicksal ihres Schwiegervaters, der im Auftrag der GIZ unter anderem Informationen über die Taliban gesammelt habe, aufmerksam zu machen. (Lesen Sie hier: Warten auf ein Lebenszeichen: Parvez Khan-Heidar aus Fulda bangt um seine Familie in Afghanistan)

Video: Afghanistan-Evakuierung: Erleichterte Passagiere in Frankfurt

Bereits 2016 sei er von den radikalen Islamisten bedroht und sogar beschossen worden. Er habe auf Deutschland vertraut, er habe Hoffnungen in die deutsche GIZ gesetzt. Nun sitze er mit seinen Familienangehörigen in seiner Kabuler Wohnung und hoffe, den Taliban nicht in die Hände zu fallen.

Die junge Frau formuliert daher einen deutlichen Appell an die deutsche Regierung und die GIZ. Es liege nun an ihnen, sich ihrer Verantwortung zu stellen und damit ihr Gesicht zu wahren. Ihr Schwiegervater und seine Kernfamilie müssten nun so schnell wie möglich aus der „Todesfalle“ herausgeholt werden.

Zur Person

Lorena Fladung ist mit einem aus Afghanistan stammenden Mann verheiratet. Zusammen mit ihren zwei Kindern lebt das Paar in Fulda. Seit Wochen kämpft die junge Deutsche darum, ihrem afghanischen Schwiegervater die Ausreise nach Deutschland zu ermöglichen. 

Das Gleiche fordere sie für alle ehemaligen Ortskräfte, ganz egal, ob sie nun über Organisation wie die GIZ indirekt oder unmittelbar für die Bundesrepublik Deutschland tätig gewesen seien. (Von Tobias Kannapin)

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