„Kann nachts nicht schlafen“

Warten auf ein Lebenszeichen: Parvez Khan-Heidar aus Fulda bangt um seine Familie in Afghanistan

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
    schließen

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat die Bundeswehr unter schwierigsten Bedingungen mit einer Luftbrücke zur Rettung von Deutschen und Afghanen begonnen. Viele Afghanen in Deutschland sind in Sorge um ihre Familien. Auch Parvez Khan-Heidar aus Fulda, der seit Wochen auf ein Lebenszeichen wartet.

Kabul/Fulda - Die Evakuierungsaktion sei jetzt „voll angelaufen“, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) in Berlin. Zudem stoppte die Bundesregierung die staatliche Entwicklungshilfe und alle anderen Hilfszahlungen für Afghanistan. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte, Deutschland müsse alles daransetzen, die eigenen Landsleute und die Afghanen, die ihnen jahrelang zur Seite gestanden hätten, in Sicherheit zu bringen.

Die Bundesregierung geht von einer Fluchtbewegung aus dem Land aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) räumte das Scheitern des Westens bei dem Versuch ein, in Afghanistan ein nachhaltiges politisches System mit mehr Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten aufzubauen. „An dieser Stelle müssen wir einfach konstatieren, dass wir unsere Ziele nicht erreicht haben.“ Nach der Machtübernahme der Taliban sehe man mit Sorge, „dass das alles jetzt zurückgedreht werden kann“

Fuldaer Flüchtling wartet auf ein Lebenszeichen seiner Familie in Afghanistan

Viele Afghanen in Deutschland bangen um ihre Familien - auch Parvez Khan-Heidar. Er beurteilt es als großen Fehler, dass die Nato-Truppen abgezogen wurden, wie er im Interview mit der Fuldaer Zeitung sagt. Der 21-Jährige floh 2015 nach Fulda. Sein Vater wurde von den Taliban entführt, führt er aus. Seit vier Wochen hat Parvez Khan-Heidar nichts mehr von seiner Mutter und den Geschwistern in Afghanistan gehört.

Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Familie in Afghanistan gesprochen?
Das war vor etwa vier Wochen. Meine Mutter lebt dort mit meiner elfjährigen Schwester und dem 15-jährigen Bruder. Mein älterer Bruder ist 30 und innerhalb Afghanistans auf der Flucht. Meine Mutter war bei dem Telefonat in Panik, meine Schwester hat geweint und nach unserem Vater gefragt. Seitdem das System kollabiert ist, erreiche ich meine Familie nicht mehr. Die Leitung ist tot. Es klingelt gar nicht mehr.
Was ist mit Ihrem Vater?
Er wurde Ende 2014 von den Taliban entführt. Er war beim Militär. Wir haben Drohungen erhalten, weil die Taliban wollten, dass sich unsere Familie ihnen anschließt. Unser Dorf in der Provinz Logar ist schon länger in den Händen der Islamisten. Es wurden einige Bewohner entführt, die mit der Regierung zusammen gearbeitet haben. 
Parvez Khan-Heidar aus Fulda ist mit 15 Jahren geflohen. Nun blickt er mit Sorgen auf die Geschehnisse in Afghanistan.
War das der Grund, weshalb Sie geflüchtet sind?
Ja. Die Taliban haben gezielt nach Jungen gesucht, die lesen und schreiben können. Sie waren mehrmals bei uns zu Hause, um mich mitzunehmen. Meine Mutter hat mich im Ofen versteckt, da habe ich gesehen, wie sie von ihnen geschlagen wurde. Danach bin ich geflüchtet. Das war im August 2015. 
Wie geht es Ihnen damit, nicht zu wissen, was jetzt mit Ihren Angehörigen ist?
Man kann den Schmerz kaum in Worte fassen. Ich muss ständig daran denken, kann nachts nicht schlafen und mache mir große Sorgen. Als ich hierherkam, hatte ich Heimweh, machte dann meine Ausbildung zum Industriekaufmann. Ich arbeite bei FFT und konnte meine Familie finanziell unterstützen. Jetzt habe ich wieder Heimweh. Wenn ich könnte, würde ich hinfliegen und sie suchen. Aber das geht nicht. Mein Asylantrag wurde anerkannt. Ich darf nicht nach Afghanistan. Und das würde ich auch nicht überleben. 
Wie war die Lage in Ihrer Heimat zuletzt?
Die Situation ist in den letzten zwei Wochen schlimmer geworden. Die Provinz Logar liegt kurz vor Kabul und war ein Türöffner für die Taliban, um Kabul einzunehmen. 

„Das war ein großer Fehler“ - Fuldaer äußert sich zu Abzug der Nato-Truppen

Wie beurteilen Sie es, dass die Nato-Truppen abgezogen wurden?
Das war ein großer Fehler. Es gibt ein Sprichwort, das lautet: Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit. Genau so ist es bei den Taliban. Sie haben die 20 Jahre, die die Truppen im Land waren, einfach abgewartet und sich versteckt. Sie wussten, dass die Nato irgendwann abzieht und dass dann ihre Zeit kommt. Genau das ist passiert. Dass es aber so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Es ist ja kaum einen Monat her. Ohne Kämpfe haben sie das Land erobert. 
Woran liegt das? Wie ist die Stimmung gegenüber den Taliban?
Klar gibt es Menschen, die mit den Taliban sympathisieren. Aber es ist auch so, dass einige zwangsweise zustimmen, weil sie keine andere Wahl haben. Gerade jetzt, wo das Land in den Händen der Taliban ist, gibt es im Prinzip nur eine Entscheidung: Entweder du stimmst zu oder du stirbst. 

Lufthansa-Maschine mit Evakuierten aus Kabul in Frankfurt gelandet

In Frankfurt ist am frühen Mittwochmorgen eine Lufthansa-Maschine mit rund 130 Evakuierten aus Kabul gelandet. Der Airbus 340 kam aus Taschkent. Am Dienstag hatte ein Transportflugzeug der Bundeswehr ihre Luftbrücke zur Rettung von Deutschen und Afghanen begonnen und die Menschen in die usbekische Hauptstadt geflogen.

Die Bundesregierung hatte den Langstreckenjet gechartert. Die Lufthansa wird in Absprache mit der Bundesregierung auch Evakuierungsflüge aus Doha in Katar und möglicherweise auch aus anderen Anrainerstaaten Afghanistans anbieten, wie ein Sprecher am Dienstag sagte. Für die nächsten Tage sei eine noch unbekannte Zahl von Flügen geplant. (dpa)

Wie wird sich das Land nun verändern? 
Afghanistan hatte sich entwickelt. Eine Demokratie wäre möglich gewesen. Das Land war auf dem richtigen Weg. Es gab Wahlen, bei denen das Volk den Präsidenten bestimmt hat. Das war gut. Leider ist die Hoffnung nun gestorben. Ich befürchte, dass wir eine Situation bekommen wie in den 90er Jahren als die Taliban schon einmal an der Macht waren. 
Vor allem für Frauen bedeutet das große Einschränkungen.
Ja, Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen und ausgebildet werden. Das ist ein großer Rückschritt. Ich habe gehört, dass die Taliban, die Dschihadisten und Islamisten Mädchen, die älter als 15 Jahre sind, beziehungsweise Frauen, die keinen Ehemann haben, Witwe oder geschieden sind, zur Heirat mit einem Taliban zwingen wollen. Ich bin froh, dass meine Schwester erst 11 ist. 

Rubriklistenbild: ©  Javed Tanveer/AFP; privat

Das könnte Sie auch interessieren