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„Er war ein Alltags-Ekel“ – Töchter sagen im Künzeller Mordprozess aus

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Künzell - Im Mordprozess gegen einen 55-Jährigen aus Künzell, der am 14. Juni 2019 seine Ehefrau getötet haben soll, ist am Montag am Landgericht Fulda die Familiensituation beleuchtet worden. Die Aussagen der Töchter brachten etwas Licht ins Dunkel.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Er sei dominant, stur und faul, ein „Alltags-Ekel“: „Er ließ sich nie etwas sagen. Von unserer Mutter schon gar nicht“, fasst die 23-jährige Tochter des Angeklagten zusammen. In ihrer Aussage findet sie deutliche Worte. Für Prozessbeobachter ist der Beschuldigte schwer einzuschätzen. Er wirkt passiv, irgendwie nicht präsent. Bisher hat er kaum ein Wort gesagt und sich auch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Fast nie zeigt er eine Regung. Auch dann nicht, als seine Tochter sagt, dass er an einem Herzinfarkt „leider“ nicht gestorben sei.

Paar führte „mittelalterliche Ehe“

Der Schmerz sitzt tief, das ist bei ihrer Aussage zu spüren – auch wenn die junge Frau die Situation zu Hause vernünftig analysiert. „Er war scheiße zu unserer Mutter, aber zu uns war das Verhältnis besser.“ Meist habe er im Wohnzimmer gesessen, geschlafen oder Fernsehen geschaut. „Es gab Zeiten, da hat er wochenlang nicht mit uns gesprochen, ohne dass wir wussten, warum.“

Die Mutter habe alles für den Vater getan. „Er ist morgens aufgestanden, da stand sein Tee schon am Tisch. Er bekam das Essen angereicht, sie legte ihm die Duschsachen heraus. Meine Eltern führten eine mittelalterliche Ehe“, sagt die 23-Jährige und erzählt, dass er seiner Frau Treffen mit Freundinnen verboten habe. „Auch ihren Bruder durfte sie nicht besuchen. Das hat sie aber alles nie ausgesprochen“, erklärt die junge Frau.

Opfer war Dreh- und Angelpunkt der Familie

Irgendwann habe er diese fixe Idee gehabt, dass die 52-Jährige eine Affäre an ihrer Arbeitsstelle habe. „Er hatte überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, ließ sich aber nicht davon abbringen, das zu glauben. Er hat sie kontrolliert und wollte sogar einen Vaterschaftstest machen lassen.“ Um die Wogen zu glätten, sicherte die 52-Jährige ihm zu, den Job in einem Supermarkt in Künzell zu kündigen. „Das fiel ihr nicht leicht. Die Arbeit war ihr Hobby. Sie war dort beliebt. Sie war sehr lebensfroh und hatte viele soziale Kontakte, im Gegensatz zu ihm“, erklärt die 23-Jährige.

Bei der Erinnerung an die Mutter bricht ihr die Stimme weg. So, wie die Tochter die Verstorbene beschreibt, war die Mutter Dreh- und Angelpunkt der Familie. Diejenige, die alles zusammenhielt, die sich um die sechs Kinder kümmerte, die das Geld verdiente und den Haushalt schmiss. Der Vater hingegen war seit zwei Jahren arbeitslos, hatte den Führerschein verloren, weil er zu schnell gefahren war, und habe sich auch nicht um eine neue Arbeitsstelle bemüht.

War die Tat von langer Hand geplant?

Im Mai, einige Wochen vor der Tat, habe die 23-Jährige, die unter der Woche an ihrer Ausbildungsstätte in Diez wohnt, gefragt, ob sie das Auto mitnehmen könne. „Daraufhin ist er ausgerastet. Ich gehe davon aus, dass er zu dem Zeitpunkt die Tat schon geplant hatte und wusste, dass er dafür das Auto brauchen würde. Er wusste vielleicht nur noch nicht, wann er es tun will.“

Die 52-Jährige ist am 14. Juni 2019 gegen Mittag auf einem Parkplatz in der Künzeller Peter-Henlein-Straße in diesem Auto mit fünf Messern angegriffen worden. Der Angeklagte saß auf dem Fahrersitz. Ihm wird vorgeworfen, seine Ehefrau erstochen zu haben. Als Motiv gehen die 23-Jährige und ihre 25 Jahre alte Schwester davon aus, dass er neidisch auf die Mutter war. „Sie hatte ein gutes Verhältnis zu uns, sie hatte viele Kontakte, war beliebt – und er nicht. Er hat vielleicht gemerkt, dass sie auch ohne ihn leben kann“, sagt die 25-Jährige.

Bereits im Mai eskalierte ein Streit

Körperliche Auseinandersetzungen zwischen den Eltern haben beide Töchter jedoch bis dahin nicht direkt miterlebt, ein Streit im Mai 2019 ist der 25-Jährigen aber in Erinnerung. Dabei ging es erneut um den Vorwurf, dass die Mutter eine Affäre habe. „Ich war zu dem Zeitpunkt schwanger. Er nahm sich ein Messer, fuchtelte damit herum und sagte, wir sollen Platz machen.“ Dabei habe im Raum gestanden, dass er sich selbst etwas antun wolle.

Am 24. Mai habe es dann eine Aussprache innerhalb der Familie gegeben, bei der sich der 55-Jährige entschuldigt habe. Danach habe sich die Situation gebessert – bis zu jenem 14. Juni. „Ich habe an dem Tag noch um 11.40 Uhr mit ihr geschrieben“, erinnert sich die 25-Jährige. Sie hat ihr Baby inzwischen bekommen. Bei der Frage, wie es ihr geht, bricht sie in Tränen aus: „Es vergeht kein Tag, an dem ich meine Tochter ansehe und nicht denke, dass meine Mutter sie in den Armen halten könnte.“

Der Prozess wird am Mittwoch um 10 Uhr fortgesetzt.

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