Ohne Elefanten, ohne Gepäck

Die Alpen zu Fuß überqueren: Mit dieser Route kann das nun fast jeder

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Einmal wie Hannibal zu Fuß die Alpen überqueren. Das war lange nur erfahrenen Alpinisten vorbehalten. Doch eine neue Route macht das sogar für fitte Durchschnittswanderer möglich. Ohne Elefanten. Und ohne Gepäck.

Alpen - Das Foto im Prospekt zeigt ein herrliches Bergpanorama mit Sonnenschein und einer Aussicht bis ins Pfitschtal. Doch Fotos sind Momentaufnahmen. Und im Moment hängt ein grauer Schleier über dem Tal. Vom Himmel fällt Regen, der Weg ist nass und der Wind pfeift über die Ebene.

„Wir müssen abbrechen“, sagt Georg Pawlata. Der 46-Jährige ist Bergführer, Geograf und Wegefinder, wie er sagt. Vor Jahren hat er eine Route entworfen, die auf vorhandenen Wegen über die Alpen führt und als leicht bis mittelschwer einzuschätzen ist: Seit 2014 bietet er die Tour an, die er „die Alpenüberquerung“ nennt.

Mit dieser neuen Route kann fast jeder Wanderer zu Fuß die Alpen überqueren

Die Teilnehmer laufen dabei in sieben Etappen vom Tegernsee über Achensee und Zillertal bis nach Sterzing. Der Weg ist je nach Variante 95 bis 110 Kilometer lang. Übernachtet wird in Hotels, Pensionen oder Gasthöfen. Und noch etwas ist angenehm: Das Gepäck wird jeweils zum nächsten Etappenziel transportiert.

Selbst bei Regen ist es in den Bergen wunderschön. Beim Wandern muss man aber gerade bei Nässe vorsichtig gehen.

„Ich beschäftige mich seit fast 20 Jahren mit Weitwanderwegen. Es gibt fünf bis zehn gut begangene Alpenüberquerungen, die aber technisch anspruchsvoll sind, weil man schwindelfrei sein muss und viele Höhenmeter macht. Deshalb habe ich eine Route gesucht, die auch der Durchschnittswanderer schafft“, erläutert Pawlata.

Er ist jede Etappe schon zig Mal gegangen. Doch eine Strecke kann noch so leicht sein: „Wenn sie mit Schnee bedeckt ist, ist sie trotzdem gefährlich.“ Und der Schneefall hat gerade eingesetzt. Deshalb heißt es Umkehren. Es ist die sechste Etappe. Eigentlich sollte heute der Alpenkamm überquert werden. Doch so als würde die Natur Pawlatas Entscheidung bestätigen wollen, ertönt Donner. In den Bergen hört sich das noch mal unheimlicher an. Jetzt heißt es, trittsicher nach unten kommen.

Türkises Wasser lädt zum Baden ein

An den vorherigen Tagen war das Wetter herrlich. Die dritte Etappe führt am Westufer des Achensees entlang, der wie ein Fjord den Wanderern zu Füßen liegt. Die Sonne brannte vom Himmel, während das klare, türkise Wasser zum Baden einlud. Und an der Gaisalm, die nur zu Fuß oder mit dem Schiff erreichbar ist, konnte man draußen sitzen.

Wissenswert

„Die Alpenüberquerung“ vom Tegernsee nach Sterzing dauert eine Woche und ist von Juni bis Mitte Oktober buchbar. Täglich müssen zwischen 6 und 20 Kilometer gewandert und bis zu maximal 900 Höhenmeter überwunden werden.

Insgesamt ist die Route zwischen 95 und 110 Wanderkilometer lang (je nachdem, welche Variante man bei der ersten Etappe wählt). Hinzu kommen etwa 60 Kilometer, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Taxi zurückgelegt werden.

Die einzelnen Etappen führen von Gmund am Tegernsee nach Wildbad Kreuth (1), von Wildbad Kreuth nach Achenkirch (2), von Achenkirch nach Maurach am Achensee (3), von Maurach am Achensee nach Hochfügen (4), von Hochfügen nach Mayrhofen (5), von Mayrhofen nach Pfitsch (6) und von Pfitsch nach Sterzing (7). Übernachtet wird in Gasthöfen, Pensionen oder Hotels.

Kosten: Der Preis beginnt ab 790 Euro im Doppelzimmer. Inbegriffen sind dabei Hotels mit Frühstück, aber nicht der Gepäcktransport. Für 1090 Euro im Doppelzimmer bekommt man das Gepäck zur nächsten Etappe gefahren und hat außerdem Halbpension. Für 1390 Euro sind darüber hinaus geführte Überquerungen buchbar.

Anreise: Am besten mit der Bahn bis nach Gmund am Tegernsee.

Mit Blick auf den jetzt hereinbrechenden Winter kommt einem ein Satz in den Sinn: In den Bergen ist das Wetter unberechenbar. Mit festen Schuhen und regenfester Kleidung ist man gut beraten. Der 25-jährige Julius Frederking, der der Gruppe an diesem regnerischen Tag begegnet, hat das richtig gemacht. Sein langes rotes Regencape schützt Kopf und Rucksack.

Der Geograf und Wegefinder Georg Pawlata hat eine Route über die Alpen gefunden, die als leicht bis mittelschwer gilt.

Der Kölner hat die harte Tour gewählt – und das im eigentlichen Wortsinn. Er läuft von München nach Venedig. In 28 Tagen will er es schaffen. Elf ist er schon unterwegs. Gut 20 Kilo trägt er auf dem Rücken. Nachts schläft er im Zelt, manchmal im Kuhstall. „Ich habe immer etwas gefunden“, berichtet er und man merkt, wie entschleunigt er ist.

Übernachtungen in Pensionen, Gasthöfen oder Hotels

Seine Route ist etwa fünf Mal so lang und deutlich anspruchsvoller als die gemütliche Tour, die Georg Pawlata entworfen hat. Auch der 46-Jährige kennt solche extremen Bergtouren, bei denen in Schutzhütten und Zelten übernachtet wird. „Mit 20 war das gut. Aber mittlerweile bin ich froh, nach einer Wanderung abends in einem richtigen Bett zu schlafen“, sagt er. Sein Angebot, bei dem die Hotels an den Etappenzielen reserviert werden, wird gut angenommen: Pro Jahr hat er etwa 5000 Buchungen.

Johann Nilkens und Winni Cramer haben ebenfalls bei Pawlata die Tour vom Tegernsee bis nach Sterzing gebucht. Die beiden – 58 und 63 Jahre alt – kommen aus Krefeld und Warstein. Jetzt sitzen sie im Hotel Kranebitt im Pfitschtal. Eigentlich wollten auch sie heute die sechste Etappe über den Alpenkamm meistern. Wegen des Wetters haben sie es gelassen.

„Der Reiz war da, aber das bringt ja nichts. Man hat nichts zu gucken, und nur um den Weg gelaufen zu sein, muss man das nicht machen“, meint Cramer. Auch wenn beide erfahrene Wanderer sind, ist es für sie die erste Alpenüberquerung. Es sei eine Genusswanderung, wie sie sagen. Nilkens, der selbst Wanderführer ist, fügt aber an: „Ein bisschen Erfahrung braucht man schon.“

Rubriklistenbild: © Daniela Petersen

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