Foto: dpa

„Als die Mauer fiel“: Leser erzählen uns ihre Geschichten

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Region - Der Moment, als die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet wurde, hat das Land in einen Ausnahmezustand versetzt. Menschen aus der Region erzählen, wie sie die erste Zeit nach der Wende erlebt haben.

Bernd Woide, Fulda, Landrat Landkreis Fulda Ich glaube, nahezu jeder, der den 9. November 1989 erlebt hat, kann sich heute noch gut an diesen Tag erinnern. Es war einfach ein besonderer Tag in einer besonderen Zeit. Selbst wenn man die Ereignisse nicht hautnah verfolgt hat und nicht um Verwandte in der DDR bangen musste – der Mauerfall, der jahrzehntelang unmöglich schien, ist zu einem Synonym der Freiheit geworden, für die die Menschen friedlich gekämpft haben.

Diese Aufbruchstimmung war bereits in den Tagen zuvor deutlich zu spüren, und diese gespannte Erwartung war auch bei uns zu Hause merkbar. Am Abend des 9. November war ich bei meinen Eltern, und wir sahen gemeinsam die denkwürdige Ausgabe der Tagesthemen, in der Hanns-Joachim Friedrichs verkündete „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Bernd Schäfer, Schlitz An diesem Tag feierte mein Vater seinen 81. Geburtstag und dafür bekam sein Bekannter aus Thüringen im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs die Besuchserlaubnis. Vorher waren viele abgelehnt wurden. Als meine Tante später kam und sagte, dass die Grenze geöffnet sei, wollte es keiner glauben.

Das Fernsehen hat es bestätigt. Natürlich war die Freude riesengroß. Unser Gast „von drüben“ war völlig durcheinander. Seine Erlaubnis galt noch länger, aber er wollte unbedingt nach Hause. Am nächsten Morgen brachte ich ihn nach Hersfeld zum Bahnhof. Da lief der erste DDR-Sonderzug mit euphorischen Menschen ein, wir stellten uns hinter Pfeilern, um nicht überrannt zu werden. Unser Gast fuhr mit dem nächsten Zug nach Hause, die Freundschaft besteht bis heute.

Annett Näser, Burghaun (lebte vor 30 Jahren in Leipzig) Für mich war der 9. November 1989 ein Tag wie jeder andere auch, Schule, Hausaufgaben, Sport. Ich hab am Fernseher den „Fall der Mauer“ verfolgt und mich gefragt: Was kommt jetzt? Mit 14 konnte ich noch gar nicht blicken, was sich alles ändern wird und was die DDR Bürger veranlasst hat, nach einer Veränderung zu schreien.

Mir hat nie etwas gefehlt, ich hatte eine sehr schöne Kindheit und hatte am Anfang mit dem Wegfall der Mauer meine Probleme. Meine Mutter wurde sehr schnell arbeitslos und hat nie wieder einen Job gefunden (was mich im Nachhinein sehr wütend gemacht hat). Ich musste die Schule wechseln, da plötzlich auf Grund von Schülermangel die Klassen zusammengelegt werden mussten. Und im Handball wurden wir von unserer Heimhalle in eine kleine Bruchbude verfrachtet.

Im Prinzip kann ich sagen, dass für mich erst einmal eine Welt zusammengebrochen ist und ich mit der ganzen Situation überfordert war.

Carmen Kässler, 47, Oberleichtersbach (lebte vor 30 Jahren in Meiningen) Wir waren in Hohenprießnitz und hatten Faschingsvorbereitungen. Mit einmal hieß es, die Grenzen sind offen. Alle wie die Wahnsinnigen aufgestanden und sind nach Berlin. Der Faschingsausschuss war geblieben, ganz alleine, ich auch. Nachts kamen die Studenten wieder und brachten uns Bananen und Mandarinen mit. Ich konnte es nicht fassen, bin am nächsten Tag heim nach Meiningen.

Silke Schaab, 47, Schönderling (lebte vor 30 Jahren in Meiningen) Ich verfolgte die Nachrichten im Fernsehen, dann die Botschaft, die Grenzen seien auf und mit einem Visum im Perso, ausgestellt von der Polizei, könne man rüber. Also habe ich mich am nächsten Tag mit in die Schlange gestellt, das Visum bekommen und mit dem übervollen Bus, der nun ständig die Neugierigen von Meiningen nach Mellrichstadt fuhr. An der Grenze kam Furcht auf, aber es lief ohne Probleme. In Mellrichstadt habe ich das Begrüßungsgeld erhalten, mich mit Kaugummis und einer Winterjacke eingedeckt und den Supergeruch im Kupsch genossen, der mich an Westpakete erinnerte.

Das könnte Sie auch interessieren