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Alte Wappen und eine zeitlose Weisheit: Turm am Blauen Schloss in Tann saniert

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Von: Redaktion Fuldaer Zeitung

Foto: Landkreis Fulda
Foto: Landkreis Fulda

Tann - „Es ist auch für mich ein Erlebnis“, sagt Besitzer Kilian von der Tann über den Anblick des frisch sanierten Turmes am Blauen Schloss in Tann. Bei den Renovierungsarbeiten an dem Bauwerk, dessen untere Stockwerke noch aus der Burgenzeit stammen, ist sogar ein kleiner Schatz entdeckt worden – nicht aus Gold, aber kulturhistorisch bedeutsam.

Sie lesen eine Pressemitteilung des Landkreises im Wortlaut:

Eine der zahlreichen Inschriften an der Turmfassade nennt Christoph von der Tann als Erbauer. Dieser hatte einen Teil der Burg von seinem Vater Melchior als Fuldaer Lehen übernommen und 1574 drei Stockwerke auf den Turm, der damals in einem Wassergraben stand und zu einer Zwingeranlage gehörte, aufsetzen lassen.

Melchiors Name und der seiner Gattin stehen zusammen mit den Namen ihrer 17 Kinder auf einer Steintafel unter dem Fenster im ersten Obergeschoss. Von seinen Nachkommen hat es Christophs älterer Bruder Eberhard zu Bekanntheit gebracht: als Gesandter der Herzöge von Sachsen sowie Streiter für die Reformation. Er starb im gleichen Jahr, in dem der Turm erhöht wurde, in Tann.

Eine weitere Inschrift benennt die sechs Kinder Christophs und seiner Frau.

Doch vor allem die Reihe bemalter Wappen, vormals unauffällige Sandsteinreliefs, stellen seit der Sanierung einen Blickfang dar. Dabei handelt es sich um die Adelsprobe des Christoph von der Tann: Links sind unter seinem Hoheitszeichen – der Forelle – die Wappen seiner Vorfahren mütterlicherseits bis ins achte Glied wiedergegeben; rechts befinden sich die acht Wappen seiner Frau Anna von Ebersberg. Als „in dieser umfangreichen Form einmalig für Hessen“ hat Professor Dr. G. Ulrich Großmann, Experte für mittelalterliche Kunstgeschichte, diese Wappendarstellung bewertet.

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert verwandelten die Familien von der Tann die romanisch-gotische Burg nach und nach in eine barocke Residenz, bestehend aus Rotem, Blauen und Gelben Schloss, wobei der Turm am Blauen Schloss weitgehend in der ursprünglichen Form erhalten blieb. Zwei seiner sechs Geschosse verschwanden in der Erde, als der Burggraben zugeschüttet wurde. Er diente jahrhundertelang als Brand- und Wehrturm, auf dem die Tanner Bürgerwehr den Wachdienst verrichtete.

Kilian von der Tann erinnert sich, dass 1975, als er nach Tann zog, das untere Geschoss des Treppenturms als Schaf- und Ziegenstall gedient habe. Als Wohnturm war er vermutlich zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt worden, als etwa 90 Flüchtlinge im Schloss untergebracht waren.

Obwohl die Anlage nie ihre Wehrhaftigkeit unter Beweis stellen musste, überstand der Turm die Zeit nicht unbeschadet. In den Jahren 2000 bis 2002 musste sein Dachstuhl erneuert werden. Zudem zeigten sich Risse, welche die Standsicherheit gefährdeten. Um die Statik zu ertüchtigen, begannen im Sommer 2016 aufwändige Renovierungsarbeiten.

„Als erstes galt es herauszufinden, weshalb der Turm instabil geworden war“, berichtet Eva Kohlmann, die beim Landkreis für Denkmalschutz zuständig ist. Dabei stieß man auf der Ostseite auf eine neue, bis dato nicht dokumentierte lateinische Inschrift, die einem Brief des Humanisten Erasmus von Rotterdam aus dem Jahr 1539 zuordnet werden kann und übersetzt lautet: „Alles in dieser Welt wird besiegt durch lange Geduld, Arbeit und einen scharfen Geist“ – ein Zitat, das nach Ansicht von Eva Kohlmann „sowohl auf die Baumaßnahme als auch den Eigentümer zutrifft“.

Nach Untersuchung der Experten hatte hauptsächlich der Umbau der Schießscharten zu Fenstern die Rissbildung im Mauerwerk ausgelöst. Zur Stabilisierung wurden Öffnungen wieder verkleinert, Risse geschlossen, die Verfugung erneuert, Bewährungsnadeln und ein Ringanker eingebaut. Mit Beharrlichkeit gelang es Kilian von der Tann, finanzielle Unterstützung von Bund, Land und Kreis zu erhalten.

Seit Anfang Juli ist der Turm nun wieder standfest und präsentiert sich mit einer Fassade, die seine geschichtliche, künstlerische und städtebauliche Bedeutung unterstreicht. Auch die Inschriften – Namen, Bibelverse und das neu entdeckte Zitat des Erasmus von Rotterdam – wurden nachgearbeitet, so dass sie nicht mehr so leicht zu übersehen sind.

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