Fotos: André Druschel

Pro & Contra: Ist das Sterbehilfe-Urteil richtig?

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Das Bundesverfassungsgericht hat das Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe gekippt, weil es das Recht auf selbstbestimmtes Sterben zu sehr einschränkt. Das als historisch bewertete Urteil des höchsten deutschen Gerichts hat ein geteiltes Echo ausgelöst. Lesen Sie unser Pro & Contra:

Pro – Wer selbstbestimmt lebt, sollte auch über seinen Tod bestimmen dürfen, meint Redaktionsmitglied Nadine Buß:

Selbstbestimmtheit – also das eigenverantwortliche Denken und Handeln – ist eine Maxime, nach der Menschen streben. Seit Jahrzehnten arbeiten wir in unserer Gesellschaft darauf hin, diese zu stärken. Doch ausgerechnet die essenziellste aller Lebensfragen wird tabuisiert: Das würdevolle selbstbestimmte Sterben.

Das Leben kann ein Geschenk sein. Es kann sich aber auch zu einer unvorstellbar großen Qual entwickeln – sei es durch körperliche oder psychische Leiden. Eine Qual, die letztlich den Wunsch nach dem eigenen Tod aufkommen lässt. Wer einer solchen Situation nicht selbst ausgesetzt war, der kann sich zwar in die Schmerzen hineinfühlen, weiß aber nicht, wie es ist, sie zu durchleben.

Daher sollte sich kein Land, keine Religion, keine Partei und keine Person anmaßen, über diesen letzten eigenen Wunsch zu urteilen. Niemand sollte gezwungen werden, mit dem Auto gegen einen Baum fahren zu müssen.

Sterbehilfe-Vereine helfen, lassen sich ihre Dienste aber bezahlen. Die Förderung des Ablebens einer Person sollte nicht mit dem Ziel der Gewinnmaximierung geführt werden – so viel Moral ist nötig. Es braucht daher einen gesetzlichen Rahmen.

Contra – Wir brauchen Hände, die Leid lindern, nicht Hände, die den Tod bringen, meint Redaktionsmitglied Volker Nies:

Das Urteil öffnet Türen in eine unmenschliche Zukunft. Wie human ist eine Gesellschaft, die den Patienten fragt, ob er die Medizin gegen Schmerzen will oder lieber gleich das Mittel, das ihn tötet? Karlsruhe erschaudert nicht bei dieser Frage. Selbsttötung wird zur normalen Behandlungsoption für Kranke.

Der Druck auf Alte, sich – dank jetzt frei zugänglicher assistierter Sterbehilfe – das Leben zu nehmen, um der Familie nicht mehr zur Last zu fallen, wächst: Der Weg zur aktiven Sterbehilfe wie in den Benelux-Ländern ist kurz. In Holland wird bereits diskutiert, ob nicht auch alte, gesunde Menschen einen Anspruch auf Sterbehilfe erhalten, wenn sie ihr Leben als vollendet betrachten.

Wie viel Wert hat Leben da noch? Und wenn der Suizid Ausdruck der Würde ist, wie die Richter meinen: Darf man da noch jemanden, der sich in die Tiefe stürzen will, davon abhalten? Verlangt die Würde nicht vielmehr, Menschen vor dem Suizid aus Schmerz oder Lebensüberdruss zu schützen?

Karlsruhe hätte entscheiden müssen, dass nicht die todbringende Hand das neue Maß aller Dinge wird, sondern die helfende, schmerzlindernde und tröstende Hand, die Halt gibt bis zum letzten Atemzug.

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