Annette Imhof (von links), Steffen Korell, Selwyn Sack, Michael Imhof, Gideon Sack und Liora Sack vor dem Judendenkmal in der Hochstraße in Gersfeld. / Foto: Charlotte Neumann

Australierin sucht Spuren ihrer Vorfahren in Gersfeld

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Gersfeld - Seit 1582 kann man urkundlich nachvollziehen, dass Juden in den Dörfern und Städten der Rhön gelebt haben. Unter anderem gehörten dazu auch die Vorfahren der Australierin Liora Sack. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn wollte sie mehr über die Geschichte ihrer Vorfahren erfahren und begaben sich auf Spurensuche in Gersfeld.

Von Charlotte Neumann

Das Ehepaar Liora und Selwyn Sack besuchte für knapp zwei Wochen ihren Sohn Gideon Sack in Berlin. Im Zuge dessen beschloss die Familie, die zuvor noch nie in Deutschland gewesen war, einen Tagestrip nach Fulda und Gersfeld zu unternehmen, um mehr über die Geschichte von Lioras Vater, welcher bis vor seiner Flucht nach Südafrika im Jahr 1935 in Gersfeld lebte, zu erfahren.

Dr. Michael Imhof, der seit 1980 die Geschichte der Juden in Fulda und der Rhön recherchiert und ein Experte auf diesem Gebiet ist – unter anderem schrieb er das Buch „400 Jahre Juden in der Rhön“ –, begleitete und informierte die Familie. Der Kontakt zu Imhof entstand über den Vorsitzenden des Förderkreises Synagoge Laufersweiler Christof Pies.

Besuch der Synagoge in Fulda

Gemeinsam mit Annette und Michael Imhof besuchten die australischen Gäste zunächst die Synagoge in Fulda. Roman Melamed führte die durch den Heiligen Ort und erläuterte die Geschichte der jüdischen Gemeinde. Danach machte die Familie eine Stadttour in Fulda und besuchte das „Fenster der Erinnerung“ in der Altstadt. Anschließend fuhren sie zum jüdischen Friedhof in Weyhers. „Der Besuch war für die Sacks sehr emotional. Als sie ein Grab von ihren Vorfahren namens Wahlhaus entdeckten, beteten sie gemeinsam das Totengebet der Juden, das Kaddisch“, sagte Imhof.

Empfang bei Bürgermeister Korell

Anschließend ging es nach Gersfeld, wo die Vorfahren und Lioras Vater gelebt haben. Dort wurde die Familie von Bürgermeister Dr. Steffen Korell (CDU) im Rathaus empfangen. „Wenn es um das Thema Juden in der Rhön geht, sind Imhofs Werke die ersten, auf die wir zurückgreifen“, lobte Korell.

Familie musste Namen ändern

Die Familie Wahlhaus lebte in Gersfeld und war in der Landwirtschaft tätig, erläuterte Imhof. Das Haus der Familie stand neben dem Rathaus in Gersfeld. Wahlhaus ist der deutsche Nachname. Ursprünglich hieß die Familie Judakatz. Doch 1817 wurde vom Staat angeordnet, dass jüdische Familien deutsche Nachnamen annehmen müssen. Hintergrund sei eine besserer Integration gewesen, wie Imhof erläuterte. „In dem Haus der Familie wurden die Wahlen der jüdischen Gemeinde durchgeführt, deshalb der Name Wahlhaus“, erklärte Imhof. Insgesamt lebten 24 Personen mit diesem Nachnamen in Gersfeld.

Fünf Familienmitglieder wurden im Zweiten Weltkrieg umgebracht

Als sie merkten, dass die Juden von den Nationalsozialisten immer mehr verfolgt wurden, flüchteten drei Mitglieder der Familie Wahlhaus nach Südafrika. Unter den Geflüchteten war auch Liora Sacks Vater, der 1935 zusammen mit einem Bruder geflohen ist. Nicht allen gelang eine Emigration. Fünf Mitglieder der Familie Wahlhaus wurden in den Konzentrationslagern umgebracht.

Der Tag war, vor allem für Liora Sack, sehr emotional. „Diese Informationen überwältigen mich. Zu wissen, was hier passierte, wo meine Vorfahren, vor allem mein Vater, herkommen, das ist schon Wahnsinn“, sagte sie mit Tränen in den Augen zum Abschied.

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