Ehemalige Militärbasis am Finkenberg in Kleinlüder.
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Von diesen Hügeln umgeben waren die Raketen aufgestellt.

Heute Kompost, damals Raketen

Biogas-Anlage am Finkenberg war früher Militärbasis der US-Streitkräfte

  • Marcus Lotz
    vonMarcus Lotz
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„Fulda Gap“ nannten die US-Streitkräfte zu Zeiten des Kalten Krieges das Gebiet bei Fulda, das im Ernstfall eine mögliche wichtige Einfallsroute für die Streitkräfte der damaligen Sowjetunion gewesen wäre. Zur Abwehr installierten die Amerikaner unter anderem mobile Raketenbasen – eine davon am Finkenberg bei Kleinlüder.

Kleinlüder - Hinter einem Zaun mit Stacheldraht liegt heute das Gelände des Biogas-Parks „Am Finkenberg“ der Biothan GmbH bei Kleinlüder. Schätze gibt es hier aber nicht zu schützen – die Anlage wandelt organische Abfälle in Biogas um. Zaun und Stacheldraht sind Überbleibsel aus der Zeit des Kalten Krieges.

Damals – etwa Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre – stationierten die US-Amerikaner eine mobile Raketenbasis auf dem Finkenberg. „Der Standort wurde aufgrund seiner Nähe zur innerdeutschen Grenze, seiner erhöhten Position und seiner Abgeschiedenheit gewählt“, weiß Hobbyhistoriker Matthias Schweimer.

Künstliche Hügel erinnern an Raketenbasis

Wo früher US-Soldaten lagerten, tun es heute Komposthaufen, in riesigen Silos lagern Gärreste. Neben den großen Anlagen der Biothan GmbH wirken die künstlich aufgeschütteten, grasbewachsenen Hügel etwas abseits der Bebauung beinahe unscheinbar, doch sind sie eine der letzten Überbleibsel der damaligen Militäreinrichtung.

„Von den Hügeln umgeben, waren die Raketen aufgestellt. Die Erdhaufen dienten vermutlich zur Eindämmung der Druckwelle bei einem etwaigen Abschuss“, vermutet Schweimer und zeigt auf drei metallische Stangen, die wie riesige Speere aus dem Boden ragen. „Dabei handelt es sich vermutlich um Erdungsstangen, die die Allwetter-Raketen vor Blitzschlag schützen sollten.“ Unweit der Stangen sind noch heute kreisrunde Abdrücke im Boden zu begutachten, Spuren der Ausleger der Raketenbasis.

Das Foto zeigt den Bunker, wenige Meter vom Abschussort entfernt.

Einige Meter von der Abschuss-Stelle entfernt findet sich – versteckt im Grün – ein kleiner Bunker. „Das ist der ehemalige Kontrollraum, von dem aus der Abschuss erfolgt wäre“, so der Hobbyhistoriker.

Finkenberg war Teil einer militärischen Kette

Die Anzahl der damals hier vorgehaltenen Raketen ist heute ebenso unbekannt wie die Anzahl der einst hier stationierten US-Soldaten. Was man laut Schweimer weiß: Zu Anfang handelte es sich um Flugabwehrraketen vom Typ Hawk mit einer Reichweite von circa 40 Kilometern, die im Laufe der Jahre durch neuere Modelle der Typen Nike und Pershing mit größerer Reichweite und Durchschlagskraft abgelöst wurden. Im Ernstfall sollte mit ihrer Hilfe das Vorrücken der sowjetischen Truppen verlangsamt werden.

Der Finkenberg nahm dabei die Rolle eines einzelnen Stützpunkts in einer Kette ähnlicher Militäreinrichtungen ein. „Weitere Batterien gab es etwa in Bad Hersfeld und Bad Kissingen – immer in einer Entfernung von etwa 40 Kilometern zueinander“, erklärt Matthias Schweimer.

Friedensaktivisten wollten Gelände stürmen

Trotz seiner abgeschiedenen Lage sei der Stützpunkt ins Visier der Friedensbewegung geraten. „Die Menschen haben protestiert und teilweise auch versucht, das Gelände zu stürmen, insbesondere während Manövern. Solche Anlagen wurden – zu Unrecht – mit Giftgas und atomaren Sprengkörpern in Verbindung gebracht. Aber mit solchen Drohszenarien konnte die Bevölkerung mobilisiert werden.“

Biogasanlage seit 2012 in Betrieb

Mit Ende des Kalten Krieges in den 90er Jahren zogen auch die US-Streitkräfte auf dem Finkenberg ab. Ab 2011 begann der Aufbau der heutigen Biogasanlage, die seit 2012 in Betrieb ist.

Dass die US-Amerikaner für eine mobile Raketenbasis eine Anlage mit solchen Ausmaßen angelegt hatten, gibt Schweimer Anlass zur Spekulation: „Vielleicht war ja noch etwas anderes geplant? Wer weiß. Erfahren hat man es nie, denn die Mauer ist Gott sei Dank gefallen.“

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