Bischof Dr. Michael Gerber blickt auf drei Jahrzehnte der Wiedervereinigung Deutschlands zurück
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Bischof Dr. Michael Gerber blickt auf drei Jahrzehnte der Wiedervereinigung Deutschlands zurück.

Wiedervereinigung Deutschlands

Bischof Michael Gerber zur Deutschen Einheit: „Wir haben allen Grund, dankbar zu sein“

Bischof Dr. Michael Gerber blickt in einem Gastkommentar auf drei Jahrzehnte der Wiedervereinigung Deutschlands zurück und plädiert dafür, die große Weitsicht der damaligen Akteure zum Maßstab heutigen Handelns zu machen. 

Fulda - Dreißig Jahre der Wiedervereinigung Deutschlands: Wir haben allen Grund, für diesen in der Weltgeschichte einmaligen Vorgang dankbar zu sein. Die Teilung eines Landes, ja eines ganzen Kontinents als Konsequenz einer politischen Neuordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde in einem friedlichen Prozess überwunden. Dies ist dem Einsatz vieler Menschen zu verdanken: Nicht nur jenen, die sich mutig in Friedensgebeten und Kundgebungen für Freiheit und Bürgerrechte eingesetzt haben. Zu danken ist auch all jenen, die auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene geduldig an „Runden Tischen“ zukunftsweisende Regelungen aushandeln konnten.

Der Blick auf die aktuelle geopolitische Lage lässt die Ereignisse damals noch einmal in einem besonderen Licht erscheinen. Für die staatliche Einheit war – neben dem Handeln der Verantwortlichen in Ost- und Westdeutschland – auch der Einsatz weiterer internationaler Akteure entscheidend: insbesondere der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Wären diese Ergebnisse, die Deutschlands Wiedervereinigung im Herzen Europas ermöglicht haben, auch mit einer von Donald Trump geführten US-Regierung und einer von Wladimir Putin gelenkten Präsidialadministration Russlands denkbar gewesen?

Bischof Michael Gerber: In der Gegenwart stets die globale Situation im Blick behalten

Das Handeln vor dreißig Jahren geschah mit einer großen Weitsicht, die auch heute – mit Blick auf die Konflikte etwa in Nahost oder im Mittelmeer – geboten ist. Dieses Handeln setzt eine innere Freiheit voraus. Bin ich Getriebener bestimmter Interessen? Oder habe ich den Blick auf die großen Zusammenhänge? Welche Haltung wird künftig wesentliche politische Weichenstellungen bestimmen? Ist es die Devise: „Wir zuerst – und der Rest der Welt soll sich um sich selbst kümmern?“ Oder speist sich politisches Handeln aus der Einstellung: „Wir haben eine Erstverantwortung für den unmittelbaren Nahbereich – das eigene Land: Dieser Verantwortung werden wir jedoch nur gerecht, wenn wir zugleich auch das große Ganze, auf die globale Situation, im Blick haben?“ Es verlangt uns einiges ab zu verstehen, wie die großen Fragen unserer Gegenwart miteinander verzahnt sind – darunter Klimaschutz, Migration, Corona-Krise, politische Konflikte. Doch jede Demokratie lebt davon, dass mündige Bürgerinnen und Bürger sich über die komplexen Zusammenhänge informieren und bei zu einfachen Erklärungen und Schuldzuweisungen misstrauisch bleiben.

Die „Wende“ und manche Entwicklungen, die ihr folgten, haben bei nicht wenigen Menschen leider auch tiefe Verletzungen hinterlassen. Sie fühlen sich abgehängt oder ausgebremst. Dieses Gefühl kann sich durch die Krisen der Gegenwart einmal mehr verstärken. Menschen erfahren dies als Demütigung und Kränkung. Politik, Kirchen und weitere gesellschaftliche Kräfte sind herausgefordert, solche Trends sehr ernstzunehmen und aufmerksam als Gefahr im Blick zu behalten. Sonst werden wir wieder erleben müssen, dass gefährliche politische Kräfte diese Grunderfahrungen von Demütigung und Kränkung für ihre Ziele instrumentalisieren. Die Entstehungsgeschichte der Diktaturen der vergangenen 100 Jahre auf unserem Kontinent mahnt uns zu Wachsamkeit und klarer Positionierung.

„Er führt mich hinaus ins Weite ...“ Dieser Vers aus Psalm 18 könnte Menschen in den Sinn gekommen sein, die nach dem Fall der Mauer vor drei Jahrzehnten erstmals aus dem Osten die innerdeutsche Grenze überqueren durften. So kann der Jahrestag der Deutschen Einheit für uns alle Anlass sein, neu zu spüren, welche Weite und welche Freiheit unserem Land neu geschenkt wurde. Und: Welche Verantwortung sich damit heute und in Zukunft verbindet.

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