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Bischof Michael Gerber: Sterbehilfe-Urteil kann Druck zur Selbsttötung verstärken

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Fulda - Der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber hat sich kritisch zum Sterbehilfe-Urteil geäußert. Seiner Meinung nach könne die Entscheidung des Bundesverfassungsgericht dazu führen, dass der Druck zur Selbsttötung verstärkt wird. Nachfolgend lesen Sie sein Statement im Wortlaut:

Aus der Begleitung von todkranken Menschen in Seelsorge und Palliativmedizin wissen wir, dass der Sterbeprozess auch emotional mit sehr unterschiedlichen Stadien verbunden ist. Meine persönliche Erfahrung als Seelsorger und auch mit eigenen Familienangehörigen lehrt mich, dass gerade in den letzten Sterbephasen noch wichtige Versöhnungsprozesse stattfinden: Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte, Versöhnung mit Menschen. Bisweilen steckt hinter dem Wunsch, das Leben angesichts des Leidens möglichst rasch zu beenden, auch die Erfahrung des Allein-Seins. Als Gesellschaft stehen wir vor der Herausforderung, Leiden und Sterben nicht auszublenden oder vorzeitig abzukürzen, sondern diese – trotz aller Schmerzen und häufig auch in Aussichtslosigkeit auf Genesung – als wertvolle Phase des Lebens zu gestalten.

Gleichwohl weiß ich darum, dass das Schicksal des Einzelnen oft so bedrängend ist, dass ich den individuellen Wunsch, das Leben rasch zu beenden, nicht pauschal verurteilen möchte. Ein Gesetz hat in diesem Kontext jedoch den Auftrag, die Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen, den Einzelnen in dieser schwierigen Phase des Lebens in seiner Würde und in seinem Lebenswillen zu stärken. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar hingegen kann dazu verleiten, den Druck zur Selbsttötung zu verstärken, wenn etwa dem Umfeld des Leidenden die emotionale und auch finanzielle Belastung als zu hoch erscheint. Die Art und Weise, wie das Bundesverfassungsgericht hier das Recht auf Selbstbestimmung ausgelegt hat, könnte somit auch das Gegenteil bewirken, indem es de facto – auch bei allem guten Willen der Beteiligten – die Fremdbestimmung fördert.

Im Bereich der Palliativmedizin sowie durch seelsorgliche und therapeutische Angebote wird im Interesse der Leidenden und auch der Angehörigen seit Jahren Bedeutendes geleistet. Allen, die sich hier einsetzen, gilt unser Dank. Wir werden uns als Kirche weiterhin mit Nachdruck in diesem Bereich engagieren. Und wir werden die Frage nach dem Schutz des menschlichen Lebens – insbesondere an dessen Anfang und Ende – weiterhin kritisch in die gesellschaftliche Auseinandersetzung und politische Willensbildung einbringen.“

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