Im Interview mit unserer Zeitung hat Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (links) seine Corona-Strategie vorgestellt. Ein Weg auch für Osthessen? Vogelsberger Landrat Manfred Görig (Mitte) und Fuldas OB Heiko Wingenfeld (rechts) reagieren.
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Im Interview mit unserer Zeitung hat Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (links) seine Corona-Strategie vorgestellt. Ein Weg auch für Osthessen? Vogelsberger Landrat Manfred Görig (Mitte) und Fuldas OB Heiko Wingenfeld (rechts) reagieren.

Oberbürgermeister der Curevac-Stadt

Nach Boris-Palmer-Interview: Tübinger Corona-Strategie auch etwas für Osthessen? - So reagiert die Politik

Nach dem Interview mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) reagieren Politiker aus der Region auf die Corona-Strategie, die die Curevac-Stadt fährt. Es gibt wenig Lob aber viel Kritik.

Fulda/Tübingen - Billige Taxifahrten, spezielle Zeitfenster im Supermarkt fürs Einkaufen, kostenlose FFP-2-Masken – so will die Stadt Tübingen Corona-Fälle bei Senioren verhindern. Nachdem Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) im Interview mit der Fuldaer Zeitung erklärt hat, dass die Maßnahmen erfolgreich sind, haben wir Politiker in der Region gefragt: Wäre der „Tübinger Weg“ auch ein Modell für Osthessen?

Nach Boris-Palmer-Interview: Ist Tübinger Corona-Strategie auch etwas für Osthessen? Politiker reagieren

Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (CDU) hält Aktionismus nicht für den Weg für Fulda: „Ich halte die Äußerungen meines Tübinger Amtskollegen in einigen Ansätzen für bedenkenswert. In der Tat erweist sich das hohe Niveau des Datenschutzes in Deutschland mitunter als Hindernis, um effektiv für Gesundheitsschutz und Sicherheit Sorge zu tragen.“ Hier müsse man aus der aktuellen Situation lernen und besser werden. „In weiten Teilen jedoch sind Palmers Thesen aus meiner Sicht fragwürdig und nicht auf Fulda übertragbar“, betont Wingenfeld. „Die Bekämpfung der globalen Pandemie kann sich nicht an Stadtgrenzen orientieren, sondern muss gemeinsam und abgestimmt erfolgen – zumindest innerhalb einer gesamten Region. Hier sind wir in Stadt und Kreis Fulda gut aufgestellt und ziehen an einem Strang.“

Dem Palmer-Zitat „Unser Land hat bei der Bekämpfung der Pandemie von Anfang an die falsche Strategie gewählt“ will Wingenfeld ganz ausdrücklich widersprechen. „Unser Land hat von Anfang an vieles richtig gemacht. Ich bin froh, in einem Land zu leben, das einen Weg gegangen ist, auf dem von Anfang an ein enger Austausch mit der Wissenschaft gesucht wurde.“ In Brasilien, Großbritannien und den USA sehe das leider ganz anders aus. „Auch den schwedischen Sonderweg haben viele Menschen mit dem Leben bezahlt. Die Erfolge in der Corona-Bekämpfung in einigen asiatischen Ländern wiederum, namentlich in China, wurden mit einer Härte und Konsequenz errungen, die in einer freiheitlichen Gesellschaft weder vorstellbar noch erstrebenswert sind.“ Für die Leistungsfähigkeit unseres freiheitlichen Systems spreche im Übrigen, dass die größten Fortschritte bei der Entwicklung des Impfstoffs offenbar in freiheitlichen Ländern wie Deutschland gemacht würden.

Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld: Tübinger Aktionismus nicht der Weg für Fulda

„Unser Weg ist es, immer wieder an die Vernunft, Disziplin und Eigenverantwortung der Menschen zu appellieren. Damit haben wir in der Region Fulda bereits gute Erfolge erzielt. Mein Dank gilt allen, die sich verantwortungsvoll und solidarisch verhalten und dazu beitragen, dass das Infektionsgeschehen bei uns immer noch vergleichsweise glimpflich verläuft“, sagt Wingenfeld. „Einzelne Maßnahmen im Zuge des Lockdowns werden sicherlich als ungerecht empfunden. Dass Gastronomen und Kulturschaffende, die sich in besonderer Weise durch Hygienekonzepte vorbereitet haben, enttäuscht sind, ist allzu verständlich.“ Wenn der Lockdown länger anhalte, müsse dies unbedingt auf den Prüfstand. „Aber in der jetzigen Situation, wo viele Krankenhäuser in Deutschland an ihre Grenzen stoßen und die Zahl der Covid-19-Toten beklagenswerte Höchststände erreicht - zuletzt 410 Tote an einem einzigen Tag -, sind alle diese Maßnahmen dazu geeignet, die Zahl der Kontakte zu reduzieren und damit das Infektionsgeschehen einzudämmen“, so Wingenfeld.

Bei der Eindämmung könne es grundsätzlich durchaus sinnvoll sein, regional differenziert vorzugehen. „Die Regionen Tübingen und Fulda sind dabei aber anders strukturiert. Wir als Stadt Fulda sind – anders als Tübingen – nicht Träger von Altenhilfeeinrichtungen.“ Als Träger des Klinikums Fulda nehme die Stadt Fulda hingegen in der Bekämpfung der Pandemie und in der Versorgung der Patienten für eine Region von rund 400.000 Einwohnern eine zentrale Rolle ein.

Heiko Wingenfeld appelliert an Verantwortung der Bevölkerung in Corona-Krise

„Viele der genannten Maßnahmen in Tübingen - etwa Sammeltaxis statt Busse oder nach Altersgruppen getrennte Einkaufszeiten in den Geschäften - erscheinen aus Fuldaer Perspektive eher als Aktionismus, denn als wirklich durchdachte und nachahmenswerte Schritte zum Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen: Schließlich sitzt man gegebenenfalls in einem Taxi viel enger beisammen als in einem halbleeren Bus“, macht Wingenfeld klar. „Und der Vormittag ist erfahrungsgemäß nicht die Tageszeit, zu der die Jugend die Geschäfte der Fuldaer Innenstadt stürmt.“

Gut sei, dass die Schritte zur Bekämpfung der Pandemie umfassend diskutiert und gut abgewogen werden. „Aber weder mit kommunalen Sonderwegen noch mit Verharmlosung kommen wir dabei weiter“, sagt Wingenfeld.

„Ja, es ist eine Zeit, in der wir auf vieles verzichten müssen. Doch ich möchte alle Bürgerinnen und Bürger darum bitten, weiterhin Verantwortung zu übernehmen. Auf die Weise kann es uns gelingen, die Zeit bis zu einer Impfmöglichkeit, die sich ja jetzt auch für die Region Fulda konkret abzeichnet, bestmöglich zu überbrücken“, so der Oberbürgermeister.

Video: Boris Palmer geht in Tübingen in der Corona-Krise den schwedischen Weg

Landrat Manfred Görig: Vogelberg in Corona-Krise nicht vergleichbar mit Tübingen

Der Landrat des Vogelsbergkreises Manfred Görig (SPD) hält den Vogelsberg für nicht vergleichbar mit Tübingen. „Wenn Maßnahmen ihre Wirkung bei der Eindämmung der Corona-Pandemie zeigen, ist das natürlich zu begrüßen“, sagt Landrat Manfred Görig (SPD). „Allerdings müssen sich diese Maßnahmen an den zur Verfügung stehenden Mitteln orientieren. Labore stoßen schon jetzt an Grenzen – PCR-Testungen nach dem Gießkannenprinzip bringen uns nicht weiter. Zielgerichtete Screenings sind viel eher geeignet, Infektionsgeschehen zu lokalisieren und einzudämmen“, sagt Görig. 

„Der ÖPNV spielt bei uns nicht die Rolle wie in der Großstadt, auch in Bezug auf das Infektionsgeschehen bei Senioren“, sagt Landrat Görig zu den Tübinger Maßnahmen. „Egal ob beim Einkaufen, unterwegs oder im Privaten – es bleibt beim Appell, sich an Abstands- und Hygieneregeln zu halten, und Kontakte einzuschränken. Jung und Alt muss sich verantwortungsbewusst der Situation stellen“, fügt Görig an. 

Wäre der Tübinger Weg mit seinen verpflichtenden PCR-Tests für Pflegepersonal ein Vorbild für die Region? „Die Pflegeeinrichtungen im Vogelsbergkreis stimmen Schutzmaßnahmen eng mit unserem Gesundheitsamt ab und arbeiten im Ernstfall gut mit uns zusammen“, sagt Görig. Die Einrichtungen seien momentan gut mit Schutzmaterial ausgestattet, und bei Bedarf würden Screening-Untersuchungen bei Bewohnern und Personal durchgeführt. „Wenn groß angelegte Testungen infektionsmedizinisch angezeigt sind, führen wir sie durch – Testungen ohne Ziel versuchen wir zu vermeiden. Wie bereits angedeutet: Das Fahren auf Sicht ist ein Weg, der sich bisher bewährt hat. So kann mit Bedacht und bei Bedarf nachgesteuert werden.“

Görig: Beschränkung beim Einkaufen wie in Tübingen in Corona-Krise nicht sinnvoll

Außerdem sei der Vogelsbergkreis mit seinen kleinteiligen Einheiten nicht mit Tübingen zu vergleichen, meint Görig. Man habe 186 Ortsteile mit zum Teil 300 Einwohnern und weniger. Was also ist zielführend?„Die Behörde stimmt sich eng mit den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen der Region ab und bietet Informationen für Bürgerinnen und Bürger. Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – drei Dinge die einfach umzusetzen sind und helfen können“, so der Landrat. Außerdem biete der Vogelsbergkreis mit der Fachstelle „Prävention im Alter – PrimA“ Beratungsangebote, die gerade auch Senioren dabei helfen können, gut und gesund durch die Corona-Pandemie zu kommen. Auch eine Beschränkung beim Einkaufen sei nicht sinnvoll, eher sollte man sich überlegen, in weniger frequentierten Zeiten einkaufen zu gehen. 

„Die Maßnahmen, die die Landesregierung ergriffen hat, sind ausreichend“, betont Görig. „Aber Gesetze, Verordnungen und Verbote allein reichen nicht aus – im Privaten liegt der Schlüssel zur Eindämmung!“

Lesen Sie die Reaktionen von Fuldas Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt (CDU/„Separieren wäre nicht richtig“), Hünfelds Bürgermeister Benjamin Tschesnok (CDU/„Den Weg nicht infrage stellen“) und dem Leiter der Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises, Dieter Bien, („Die Möglichkeit von Tests ist beschränkt“) in der Freitag-Ausgabe der Fuldaer Zeitung sowie im E-Paper.

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