Rund die Hälfte der Menschen in Hongkong lebt in einfachen Wohnblocks (oben). Die Wut der Bürger auf die Herrschenden  entlädt sich seit einiger Zeit in Protesten.
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Rund die Hälfte der Menschen in Hongkong lebt in einfachen Wohnblocks (oben). Die Wut der Bürger auf die Herrschenden entlädt sich seit einiger Zeit in Protesten.

Zu Besuch in Fulda

Hongkong-Auswanderer Wolfgang Trost: „Ich habe auch schon eine Portion Tränengas abbekommen“

  • Volker Feuerstein
    vonVolker Feuerstein
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Wolfgang Trost aus Fulda lebt seit 1976 in Hongkong. Gerade besucht er wieder einmal seine alte Heimat. Diesmal bleibt er länger als geplant, denn auch er fürchtet das neue Sicherheitsgesetz. 

  • Im Interview sagt Wolfgang Trost aus Fulda, der seit 1976 in Hongkong lebt, dass er auch schon mal „eine Portion Tränengas abbekommen“ habe.
  • Die Krux beim „Nationalen Sicherheitsgesetz“ sei, dass die Formulierungen bedrohlichen Raum für willkürliche Anwendung gegen jegliche unbequeme Opposition lassen.
  • Wolfgang Trost sagt, dass er dennoch mutig bleibt. „Einschüchterung durch Peking ist nicht mein Ding!“, erklärt er.
Wie ist die Situation der Bürger aktuell in der Sonderverwaltungszone?
Generell hat Hongkong einen vergleichsweise hohen Lebensstandard ohne Elendsviertel wie in vielen anderen Ländern. Das gilt auch für den Rest Chinas, wenn man von Metropolen wie Shanghai absieht, wo große Teile der Bevölkerung auch einen hohen Lebensstandard haben. Aber durch die enorme Zuwanderung –es gab Jahre mit rund 70.000 in der Regel reichen Bürgern der Volksrepublik, die wegen des liberaleren Systems nach Hongkong kamen –hat sich vieles verändert. Schätzungen gehen von insgesamt einer Million Zuwanderer aus. Vor allem in den Jahren nach 1997 stiegen deshalb die Kosten für alles, was zu vermieten ist: Wohnungen, Geschäfte, Hotels und Restaurants. Das führte zu absurd hohen Preisen und Mieten, die letztlich jeden betreffen. 
Was bedeutet das im Hinblick auf die Wohnsituation?
Rund 45 Prozent aller Bürger leben in sogenannten „Housing Estates“, das sind Wohnblocks einfachster Bauweise mit Apartments von 20 bis 30 Quadratmetern Wohnfläche, die oft von vier bis sechs Personen genutzt werden. Die müssen, wie ich selbst bei Bekannten erlebt habe, dann schon mal im „Schichtbetrieb“ schlafen. In den frühen Jahren hatten solche Apartments extrem niedrige Mieten. Auf dieser Basis hat Hongkong über viele Jahre, trotz enormer Zuwanderung aus dem Rest Chinas, seit den 50er Jahren seine Wettbewerbsfähigkeit geschaffen und erhalten. Aber inzwischen hat sich die Kluft zwischen den Mieten für solche Wohnungen und den Kosten auf dem freien Immobilienmarkt astronomisch erweitert, so dass viele junge Leute, wenn sie sich etwa durch Heirat eine eigene Wohnung schaffen wollen, keine Chance mehr dafür sehen. Diese Menschen bilden den Hauptteil der Protestbewegung.
Worin sehen Sie das Problem der chinesischen Initiative für ein „Sicherheitsgesetz“? 
Am 1. Juli hat die zentrale Regierung in Peking ein neues „Nationales Sicherheitsgesetz“ für Hongkong erlassen, das sich im Wesentlichen mit den Themen befasst: Separatismus, das heißt jegliche Aktivitäten, die auf eine Abtrennung Hongkongs von China abzielen, Terrorismus und geheime Absprachen mit dem Ausland. Dies mag zunächst ähnlich klingen wie Gesetze in vielen anderen Ländern der Welt zum Thema Staatssicherheit. Die Krux liegt aber darin, dass die Formulierungen sehr vage, um nicht zu sagen schwammig sind und bedrohlichen Raum lassen für willkürliche Anwendung gegen jegliche unbequeme Opposition. 
Wolfgang Trost (73) hat bei Valmeline in Fulda seinen Berufsweg begonnen und war seit 1976 in Hongkong erfolgreich als Export-Agent tätig. Inzwischen ist er im Ruhestand und mit vollem Wohn- und Wahlrecht permanent in der Sonderverwaltungszone eingebürgert.
Was heißt das konkret?
Ein bemerkenswerter Aspekt ist hierbei, dass die Regierung in Hongkong verpflichtet wird, umgehend für die Einsetzung eines „Komitees für die Sicherung und Überwachung der Nationalen Sicherheit“ in der Region zu sorgen und dies nur der zentralen Regierung in Peking unterstellt ist. Alles, was dieses Komitee plant und entscheidet, bleibt geheim und kann in keiner Weise eingesehen oder in Hongkong öffentlich kritisiert werden. Dies alleine gibt viel Anlass zu der Vermutung, dass damit das Grundkonzept „Ein Land –zwei Systeme“ erheblich in Frage gestellt oder gänzlich zunichte gemacht wird . 
Was ist der Hintergrund der chinesischen Initiative gerade jetzt?
Das ist nur schwer zu beantworten. Klar ist jedoch, dass die chinesische Führung um Präsident Xi Jinping in vielen Bereichen eine Politik der Stärke in nationalen Interessen betreibt, wobei es vor allem um die absolut uneingeschränkte Macht der Kommunistischen Partei Chinas geht. In diesem Zusammenhang waren die zum Teil gewaltsamen Proteste im letzten Jahr –auch mit Angriffen auf den Sitz der Repräsentanten von China – eine erhebliche Herausforderung für Peking. Mit dem Gesetz will man nun ein Ende der Proteste erzwingen.
Haben die Proteste denn eine breite Zustimmung in der Bevölkerung Hongkongs?
Ich kann mit Sicherheit sagen, dass alleine die riesige Zahl – manchmal eine Million Teilnehmer in den Straßen – Ausdruck einer weitverbreiteten Zustimmung bedeutet. Vor allem, was den Protest gegen die hohe Zahl der Zuwanderer und die damit verbundene „Schuldzuweisung“ an die Regierung für die extrem gestiegenen Mietkosten anbelangt. Hinzu kam auch viel Entrüstung über das zum Teil brutale Vorgehen der Polizei bei den Protesten. Ich habe ungeplant auch schon eine Portion Tränengas abbekommen. Da vergeht einem die Lust am Protestieren. 

Zur Person

Der Zwei-Meter-Mann aus Fulda ist schon früh zum Weltbürger geworden: Wolfgang Trost (73) hat bei Valmeline in Fulda seinen Berufsweg begonnen und war seit 1976 in Hongkong erfolgreich als Export-Agent tätig. Inzwischen ist er im Ruhestand und mit vollem Wohn- und Wahlrecht permanent in der Sonderverwaltungszone eingebürgert.

Trost hat noch immer viele Freunde und Geschäftspartner dort und lebt in Hongkong, wenn er nicht gerade in der Welt unterwegs ist. Er engagiert sich seit vielen Jahren auch für die Not der ethnischen Minderheiten in Burma.

Natürlich macht er sich Gedanken, wie es in Hongkong nach der jüngsten Entwicklung weitergeht. Mindestens einmal im Jahr besucht Trost seine Heimatstadt Fulda, wo seine Familie lebt. Wir trafen ihn diese Woche zum Gespräch.

Wäre es klüger gewesen, weniger aggressiv zu protestieren?
Es bleibt diskutabel, ob diese Proteste mehr Aussicht auf Erfolg gehabt hätten bei einer stärkeren Abgrenzung gegen die radikalen Elemente auf den Straßen. Auch ob dann die Reaktion Pekings erst noch ausgeblieben wäre. Aber dies ist im Nachhinein nur eine hypothetische Frage. Klar ist jedoch, dass die Regierung Hongkongs zu keiner Zeit zu wesentlichen Konzessionen bereit war . 
Haben Sie eine Vorstellung von der weiteren Entwicklung?
Wir müssen abwarten, in welchem Umfang dieses neue Gesetz von der Regierung angewandt wird. Erste Reaktionen bei Protesten in den letzten paar Tagen zeigen, dass vieles, was bisher relativ locker toleriert wurde, nun mit voller Härte unterbunden wird, auch mit Verhaftungen. Dies betrifft jedoch zunächst nur ein paar Hundert Personen, kann sich aber auch schnell ausweiten. Was sicherlich folgen wird, ist eine weitverbreitete „Selbstzensur“, sei es in der Presse oder auch im privaten Bereich. Dies wird aber aus meiner Sicht nicht zu einem Ende der Protestbewegung, vor allem bei den jungen Leuten, führen, aber gleichzeitig zu einer Welle der Abwanderung. Zumal Länder wie Großbritannien, Kanada und Australien bereits deutliche Aussagen gemacht haben, was die Aufnahme solcher Bürger von Hongkong anbelangt.

Stichwort 

Hongkong war ehemals britische Kronkolonie und wurde auf der Basis eines zum 1. Juli 1997 zwischen England und der Volksrepublik China ausgehandelten Vertrages wieder Teil Chinas mit dem Status einer Sonderverwaltungszone, mit hohem Grad von Autonomie, eigenen Wirtschaftbeziehungen und -verträgen, eigener Währung und durch eine streng kontrollierte Grenze vom Rest Chinas abgetrennt .

Laut diesem Vertrag sollte auf der Basis von „Ein Land – zwei Systeme“ Hongkongs besonderer Status für 50 Jahre gesichert werden. Dazu gehören Vereinbarungen, die vor allem die wirtschaftliche Stabilität und die Interessen der wichtigsten Teile der lokalen Wirtschaft – wie Industrie, Banken und große Immobilienfirmen – sichern sollen, verbunden mit einem Wahlsystem, welches durch selektive Repräsentanz diverser Interessengruppen dafür sorgt, dass es für jegliche Opposition nur sehr begrenzte Möglichkeiten für Veränderungen im Status Quo und der Gesetzgebung gibt.

Auch beinhaltet ein für Hongkong geltendes Grundgesetz den Schutz der international geltenden Menschenrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und eine freie Presse – alles, solange es nicht mit den in China geltenden Gesetzen kollidiert.

Dies sorgte zunächst für eine von der Bevölkerung weitgehend getragene Akzeptanz, so dass sich die große Welle der „besorgten“ Auswanderer vor 1997 ins Gegenteil verkehrte und zu einer erheblichen Rückwanderung nach Hongkong in den folgenden Jahren führte.

Werden Truppen aus China in Hongkong einmarschieren, wenn sich die Situation zuspitzt?
Ich glaube nicht, dass Peking schon bald chinesische Militäreinheiten in den Straßen von Hongkong einsetzen wird. Jedoch wird es sicherlich vermehrt Undercover-Agenten in vielen Bereichen der sogenannten Staatssicherheit geben. Konsequenzen sehe ich aber auch im wirtschaftlichen Teil für Hongkong durch bereits angekündigte Sanktionen, vor allem durch die USA und eine deutlich kritischere Haltung gegenüber China bei den meisten westlichen Ländern.
Wann fliegen Sie wieder zurück nach Hongkong? Oder haben Sie jetzt so viel Respekt vor der neuen Situation, dass Sie nicht mehr zurückkehren werden?
Ich plane, erst im November wieder nach Hongkong zurückzukehren. Bis dahin wird sich klarer abzeichnen, inwieweit Peking beabsichtigt, die im neuen Gesetz vorgesehenen Maßnahmen auch gegen Leute wie mich anzuwenden. In der Tat könnte, was immer ich mal kritisch gesagt habe zu Themen wie Tibet, Taiwan und die brutale Verfolgung der Uiguren, gegen mich bei der Rückkehr verwendet werden. Aber Einschüchterung durch Peking ist nicht mein Ding!

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