Eine Kassiererin sitzt in einem Supermarkt hinter einer Plexiglasscheibe.
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Im Corona-Interview äußert sich Experte Gerhard Scheuch zum Nutzen von Plexiglas-Scheiben, wie es sie etwa im Supermarkt gibt. Fazit: Sie bringen nicht viel. (Symbolbild)

Interview mit Gerhard Scheuch

Corona: Viele Ansteckungen in Innenräumen - „Aerosol-Papst“ verrät, wie man sich schützen kann

  • Manfred Schermer
    vonManfred Schermer
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Er gilt als „Aerosol-Papst“ und ist in diesen Pandemie-Zeiten ein viel gefragter Gesprächs- und Interviewpartner. Gegenüber unserer Zeitung verrät Gerhard Scheuch, warum das Ansteckungsrisiko im Freien zu vernachlässigen ist und gibt Tipps für Innenräume.

Fulda - Im Interview mit der Fuldaer Zeitung erklärt „Aerosol-Papst“ Gerhard Scheuch, dass das Ansteckungsrisiko im Freien in der Corona-Pandemie zu vernachlässigen ist.

Viele Menschen arbeiten im Homeoffice, seit Monaten gibt es in vielen Bereichen einen Lockdown, nicht selten auch nächtliche Ausgangssperren – und trotzdem sind die Infektionszahlen wochenlang gestiegen. Wo haben sich die Menschen infiziert?
Man kennt die Orte nicht so genau. Beim Robert Koch-Institut heißt es, man wisse in drei Viertel der Fälle nicht, wo die Ansteckung erfolgt ist. Nur eines wissen wir ziemlich genau: Draußen steckt sich so gut wie niemand an. Die Hauptansteckungen finden in Innenräumen statt. Das bestreitet inzwischen niemand mehr.
Lässt sich das anhand von Zahlen verifizieren?
Ich denke, dass sich die Menschen in über 99 Prozent der Fälle in Innenräumen anstecken. Denn das liegt einfach an der Art und Weise, wie man sich ansteckt – über die Luftübertragung, über die Aerosole. Diese mikroskopisch kleinen Schwebeteilchen werden in der Lunge produziert. Durch sie gelangen die Coronaviren bei infektiösen Personen in die Luft. Diese Teilchen sind sehr klein und können sich sehr lange in der Luft aufhalten.

Corona: „Aerosol-Papst“ Gerhard Scheuch rät, an die frische Luft zu gehen

Warum ist es ein Unterschied, ob man sich drinnen oder draußen aufhält?
Weil Aerosole sich in Innenräumen anreichern können. Man muss sich das so vorstellen: Wenn man im Außenbereich ausatmet, dann verfliegt die Aerosolwolke sofort. Sie verdünnt sich unendlich. Wenn man einen Meter vor einem anderen steht, der normal ausatmet, dann bekommt man kaum etwas von diesen Partikeln ab. Es kommt auch noch ein weiterer Effekt hinzu: Wenn man bei normalen Temperaturen draußen ist, dann steigt die Luft beim Ausatmen sofort nach oben, weil sie wärmer als die Umgebungsluft ist – es sei denn, draußen sind es 40 Grad. Das heißt, die Atemluft steigt nach oben und verdünnt sich dann sofort.
Und wie ist das in Innenräumen?
Wenn man im Büro sitzt oder – noch schlimmer – in einem Fahrstuhl steht, also einem sehr engen Raum, dann atmet man Aerosole aus und reichert, wenn man infektiös ist, die Virenkonzentration in der Raumluft mit jedem Atemzug weiter an. Wenn jetzt ein anderer in diesen Raum reinkommt – und man muss selbst gar nicht mehr drin sein –, dann kann er sich sehr leicht anstecken. Das ist das tückische an diesen Aerosolen, die noch in der Luft schweben, wenn der Infektiöse den Raum längst verlassen hat. Draußen passiert das nicht. Wenn zum Beispiel jemand im Freien eine Zigarette geraucht hat, dann riecht man zwei Minuten später nichts mehr. Draußen reichert sich nichts an, drinnen dagegen schon – das ist der große Unterschied.
Wie kann man sich in Innenräumen schützen?
Es gibt sechs Möglichkeiten, sich zu schützen: Man sollte sich nicht mit zu vielen Leuten treffen, da sonst die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Infektiöser dabei ist, der dann viele andere anstecken kann. Die wichtigste Maßnahme, die die Bundesregierung in dieser Pandemie überhaupt veranlasst hat, war das Verbot von Großveranstaltungen. Zweiter Punkt: Man sollte sich in Innenräumen nicht allzu lange aufhalten. Die Zeit spielt eine entscheidende Rolle, wenn man mit einem Infizierten zusammen ist. Ich habe schon im vergangenen Jahr dafür plädiert, dass man auf keinen Fall Schulstunden über 90 Minuten machen sollte, sondern nur 45 oder besser sogar nur 30 Minuten lang. Dadurch reduziert sich die Gefahr einer Ansteckung erheblich. Dritter Punkt: Man sollte möglichst große Räume bevorzugen. Eine Halle ist viel weniger gefährlich als ein Aufzug, eine Toilette oder ein kleines Büro. Vierter Punkt: lüften, lüften, lüften. Der fünfte Punkt sind die erwähnten Raumluftreiniger. Und der sechs Punkt lautet: Masken tragen. Wenn man von diesen sechs Punkten immer zwei, drei miteinander kombiniert, dann ist das sehr effizient. In Schulen zum Beispiel würde ich lüften, Raumluftfilter einsetzen und die Schulstunden begrenzen. Dann hat man schon drei Maßnahmen eingeführt und braucht keine Masken.
Wo noch außer in Schulen und Läden sind solche Raumluftfilter angebracht?
Vor allem in Alten- und Pflegeheimen, denn dort halten sich die Menschen ja viel länger beziehungsweise ständig auf. Eine Schulstunde kann man verkürzen oder durch Lüftungsintervalle unterbrechen. Das kann man im Altenheim nicht machen. Man kann ja nicht alle 20 Minuten sämtliche Fenster aufreißen.

Zur Person

Gerhard Scheuch (65) ist Physiker und gilt als einer der weltweit führenden Aerosolwissenschaftler. Er war beteiligt an verschiedenen pharmazeutischen Entwicklungen in der Inhalationstherapie. Unter anderem war er von 2011 bis 2013 Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosolmedizin (ISAM). Er ist zudem Gründer und Geschäftsführer der Firma GS-Bio Inhalation (Beratung im Bereich Aerosole, Aerosolmedizin und Medizintechnik).

Corona-Experte Scheuch überzeugt: Plexiglas-Scheiben im Supermarkt haben keinen Nutzen

Bringen denn diese Scheiben aus Plexiglas etwas, die man überall sieht, etwa an Supermarktkassen?
Nein, die bringen überhaupt nichts. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Es gibt eine Studie aus den USA, die gezeigt hat, dass solche Plexiglasscheiben in Schulklassen einen negativen Effekt haben: Der Raum lässt sich schlechter belüften, wenn man solche Hindernisse in den Weg stellt. Übrigens auch, wenn wie beispielsweise in Supermärkten Lüftungsanlagen zum Einsatz kommen: Auch dann können sich hinter diesen Plexiglaswänden tote Stellen bilden, wo nicht genug frische Luft hinkommt und sich die Aerosole samt Viren anreichern können. Das hätte ich so auch nicht vermutet, aber wir lernen eben immer wieder dazu.
Sie haben Masken als eine Schutzmöglichkeit angesprochen. Wie gut schützen die denn wirklich?
Die schützen schon gut, insbesondere FFP2-Masken – wenn sie denn richtig sitzen. Wenn die Maske nicht zur Gesichtsform passt, dann nützt das beste Material nichts. Man kann das daran erkennen, dass sich eine gut sitzende Maske beim Sprechen oder Atmen bewegt. Tut sie das nicht, sitzt sie nicht richtig und die Luft geht an den Maskenrändern vorbei. Wenn zum Beispiel die Brille beschlägt, sitzt die Maske falsch. Negativ an Masken ist, dass sie beim längeren Tragen die Atmung behindern. Nicht ohne Grund empfehlen Arbeitsschützer ja auch, nach 75 Minuten Tragezeit eine Pause von 30 Minuten zu machen. Wenn man acht Stunden arbeiten muss, dann sollte man keine FFP2-Maske tragen. Oder man müsste ständig Pausen machen. 

Video: Wo ist die Ansteckungsgefahr am höchsten?

Von der Arbeitsunterbrechung einmal abgesehen – warum ist das problematisch?
Weil man die Maske abnimmt und dann ohne Schutz dasteht. Die Forderung, in Betrieben eine FFP2-Maskenpflicht einzuführen, halte ich deshalb für absurd, weil man damit wahrscheinlich das genaue Gegenteil erreicht. Dann würden alle 75 Minuten alle die Masken abnehmen und sich gegenseitig anstecken. FFP2-Masken sind für ein solches Einsatzszenario einfach nicht gedacht. Die sind gut, wenn man in einem verschmutzten Raum arbeiten muss. Man geht rein, hat die Maske auf, ist in dieser Zeit geschützt, geht wieder raus, setzt die Maske ab und gut. Aber genau das wäre bei einer ständigen Maskenpflicht nicht der Fall. 
Häufig sieht man Menschen, die Masken im Freien tragen. Ist das sinnvoll?
Das ist in den meisten Fällen überflüssig. Man braucht Masken nur dann, wenn man sehr lange sehr dicht mit jemandem zusammensteht. Zum Beispiel ist es sicher nicht verkehrt, bei einer längeren Unterhaltung vor der Haustür in einem windgeschützten Bereich eine Maske aufzuziehen. Aber beim Spazierengehen, Joggen oder Radfahren ist das völlig überflüssig. Hier sollte man entsprechende Verordnungen lockern und nicht noch weiter verschärfen. 
„Aerosol-Papst“ Gerhard Scheuch hat im Interview mit der Fuldaer Zeitung dazu geraten, in Corona-Zeiten häufig an die frische Luft zu gehen.
Geben Sie aufgrund Ihrer Erkenntnisse als Aerosolforscher grünes Licht für Biergärten oder Open-Air-Veranstaltungen? 
Das predige ich schon die ganze Zeit. Ich habe sogar einen entsprechenden Slogan: „Open Air statt Ausgangssperre“. Ich meine damit nicht die Ausgangssperren, die politisch verordnet werden, sondern wenn man sich selbst einsperrt. Man sollte unbedingt rausgehen an die frische Luft. Wir müssen sehen, dass die Leute aus den Häusern rauskommen, denn dort finden die Ansteckungen statt. Wir müssen die Biergärten aufmachen und auch die Sportarten im Freien wieder zulassen, und zwar alle. 
Der Sommer steht vor der Tür – sind Sie mit Blick auf die sinkenden Infektionszahlen optimistisch?
In dieser Hinsicht bin ich schon die ganze Zeit optimistisch. Wir konnten ja schon im vergangenen Jahr beobachten, wie ab 11. Mai die Zahlen quasi gegen null gingen. Im Augenblick gehen sie auch stark nach unten, wobei wir in diesem Jahr das Pech mit dem nasskalten Frühjahrswetter hatten. Bei wärmeren Temperaturen wären die Infektionen wahrscheinlich noch weiter gesunken. Denn der Rückgang liegt allein am Verhalten der Menschen, die nach draußen gehen und sich deshalb weniger leicht anstecken können. (Lesen Sie hier: Corona-Experte Hendrik Streeck macht Hoffnung auf Sommer-Urlaub 2021)

Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Das komplette Gespräch mit „Aerosol-Papst“ Gerhard Scheuch lesen Sie in der Ausgabe der Fuldaer Zeitung vom 22. Mai sowie im E-Paper. Experten aus Fulda hatten beim Akademieabend des Bonifatiushauses in Fulda diskutiert, ob die Corona-Maßnahmen zu weit gehen würden.

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