Altenheime in Osthessen sind wieder Brennpunkte für Corona-Infektionen geworden (Symbolfoto).
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Altenheime in Osthessen sind Brennpunkte für Corona-Infektionen (Symbolfoto).

Brennpunkte auch in Fulda

Corona-Hotspot Altenheime: Zwei Drittel aller Todesfälle mit Covid-19 in Senioreneinrichtungen

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    vonLeon Schmitt
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Die Seniorenheime im Landkreis Fulda werden zum Corona-Brennpunkt: Zahlreiche Pflegeeinrichtungen melden Corona-Infektionen und Todesfälle mit dem Virus.

Fulda - In den vergangenen zweieinhalb Wochen meldeten Pflegeeinrichtungen in Hofbieber, Hilders und Gersfeld jeweils mehr als 40 Corona-Fälle, eine Einrichtung in Fulda mehr als 90 Fälle – obwohl die Mitarbeiter sehr viel Energie in die Hygiene investieren. „In den vier Einrichtungen wurden insgesamt 79 Mitarbeiter und 145 Bewohner positiv auf das Virus getestet“, sagt Vize-Landrat Frederik Schmitt (CDU).

In jedem der vier Häuser starben mehrere Bewohner mit dem Virus. Seit dem 19. November sind 27 Personen aus dem Landkreis Fulda mit dem Coronavirus verstorben. 23 davon lebten in Alten- oder Pflegeheimen.

Corona in Fulda: Zahlreiche Infektionen und Todesfaelle in Altenheimen

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Bundesweit entfallen wahrscheinlich zwei Drittel aller Covid-Todesfälle auf Alten- und Pflegeheime. Ganz genau weiß niemand, wie viele der mehr als 20000 deutschen Corona-Toten aus Senioreneinrichtungen stammen. Eine wissenschaftliche Erhebung gibt es nicht. Auch die näheren Umstände der Todesfälle von Pflegeheimbewohnern und die Erfolge präventiver Maßnahmen sind weitgehend ungeklärt, klagt Prof. Dr. Gabriele Meyer, Pflegeforscherin an der Uni Halle und Sprecherin des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Man weiß allerdings: 86,7 Prozent aller Corona-Toten sind über 70 Jahre alt. Es starben mehr Menschen über 100 an dem Virus als Menschen unter 40.

Auch wenn die Wissenschaft noch keine Antworten hat: Die Mitarbeiter der Senioreneinrichtungen müssen in ihrer tagtäglichen Arbeit sehen, wie sie Corona-Ausbrüche verhindern – obwohl überall in Deutschland die Infektionszahlen in die Höhe schießen. „Die Situation ist sehr besorgniserregend“, sagt Vize-Landrat Schmitt. „Es ist aber klar, dass bei hoher Inzidenz die Wahrscheinlichkeit eines Eintrages in eine Einrichtung trotz der guten, engagierten Arbeit vor Ort steigt.“

Fulda: Altenheim-Betreiber von Corona-Ausbrüchen überrascht

Vor diesem Dilemma stehen auch die Betreiber der Einrichtungen: „Die Wucht, mit der sich die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen in verschiedenen Pflegeeinrichtungen im Kreis entwickelt haben, hat alle Betreiber überrascht“, sagt Mediana-Geschäftsführer Bastian Hans. Jede Maßnahme zum Schutz der Bewohner – wie Kontaktbeschränkungen – schränke zugleich die Bewohner und ihre Angehörigen ein, die gerade geschützt werden sollen.

„Grundsätzlich greifen die Hygienekonzepte gut, ein hundertprozentiger Schutz vor einem Ausbruchgeschehen ist aber nicht möglich, will man die betreuten Menschen nicht einer völligen Isolation aussetzen“, sagt auch Dr. Christian Scharf, Sprecher der Caritas in Fulda. Dass die Mitarbeiter höchste Hygienestandards einhalten, betont auch Markus Otto, Geschäftsführer der Pflegeeinrichtungen des Roten Kreuzes. Und dennoch habe eines der DRK-Heime mit einem Corona-Ausbruch zu kämpfen.

„Vermehrte Kontakte bergen vermehrte Infektionen. Die Besuchsbeschränkungen sind aufgehoben, auch Ausflüge oder Besuche bei Angehörigen oder Freunden sind möglich. Dadurch kann das Risiko einer Infizierung steigen“, gibt Sigrid Wieder von der AWO zu bedenken. „Alles, was von Seiten der Einrichtungen getan werden kann, wird streng umgesetzt“, sagt sie. Die Arbeiterwohlfahrt hat Erfolg – und vielleicht auch ein bisschen Glück: In den Awo-Heimen im Kreis Fulda gibt es derzeit kein Infektionsgeschehen.

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Um die Infektionszahlen zu drücken, setzen Bund und Land auf Schnelltests. Für jeden Bewohner und Tag soll es einen Schnelltest geben. In Tübingen werden Bewohner und Mitarbeiter mindestens einmal pro Woche getestet. Auch Vize-Landrat Schmitt sagt: „Je früher ein Ausbruch in einer Einrichtung erkannt wird, desto effektiver können weitere Infektionen verhindert werden. Daher ist es wichtig, dass die Möglichkeit regelmäßiger Schnelltests gerade für das Personal besteht.“

Doch umfassend testen die Heime in Osthessen (noch) nicht. „Wir setzen Tests ein, aber sie geben keine vollkommene Sicherheit“, sagt Mediana-Geschäftsführer Bastian Hans. Die Caritas testet Bewohner und Mitarbeiter in der Regel alle zwei Wochen. Das Rote Kreuz testet „Mitarbeiter regelmäßig und Bewohner situationsbedingt“, aber von (fast) täglichen Tests sind die Heime weit entfernt. Auch bei der AWO wird getestet – aber nicht jeden Tag. Fachleute mahnen allerdings, dass regelmäßige Tests für die Bewohner auch eine Belastung sind.

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