Altenheime in Osthessen sind wieder Brennpunkte für Corona-Infektionen geworden (Symbolfoto).
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Altenheime in Osthessen sind wieder Brennpunkte für Corona-Infektionen geworden (Symbolfoto).

Viele Infektionen

Altenheime sind wieder Corona-Hotspots: So regeln Einrichtungen in Osthessen den Zugang für Besucher

  • Volker Nies
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Altenheime werden immer mehr zu Corona-Hotspots. Allein in der vergangenen Woche meldeten die osthessischen Gesundheitsämter zahlreiche Infektionen in Senioren-Einrichtungen in Hofbieber, Gersfeld, Alsfeld, Hanau und Langenselbold. Trotzdem dürfen die Heime den Umgang mit Besuchern selbst bestimmen.

Osthessen - In Gersfeld wurden in der vergangenen Woche 14 Mitarbeiter und 20 Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet, in Hofbieber waren es zwölf Bewohner und zwei Mitarbeiter. In den beiden Einrichtungen starben insgesamt fünf Bewohner. Allein am Montag meldete der Landkreis Fulda vier neue Todesfälle, drei davon starben in Altenheimen: Die Bewohner – 87, 91 und 92 Jahre alt – waren schon vor ihrer Corona-Diagnose palliativ versorgt worden – sie waren also schwer krank.

Im Frühjahr waren allein in einer Senioreneinrichtung in Fulda sechs Bewohner gestorben. In dem Heim in Alsfeld, in dem mehrere Corona-Infektionen festgestellt wurden, starb jetzt eine Bewohnerin (Corona-Ticker für den Vogelsbergkreis). Auch in zwei Altenheimen in Hanau und in Langenselbold war es zu vielen Covid-19-Infektionen gekommen.

Corona: Altenheime sind wieder Brennpunkte - zahlreiche Infektionen und Todesfälle

In Hessen haben seit Beginn der Pandemie 246 von gut 800 Pflegeeinrichtungen Corona-Infektionen gemeldet, also jedes vierte Heim. Nach einer Auswertung des Regierungspräsidiums Gießen, das als obere Heimaufsicht für ganz Hessen zuständig ist, verstarben von April bis 18. November 453 Menschen in Einrichtungen der Altenpflege und der Behindertenhilfe.

Zahlen

15 Bewohner von Altenheimen im Kreis Fulda sind seit April an oder mit dem Coronavirus gestorben.
14 Einrichtungen der Altenpflege im Kreis haben seit April infizierte Bewohner oder Mitarbeiter gemeldet.
7 Einrichtungen im Kreis melden aktuell positiv getestete Mitarbeiter oder Bewohner.

Aktuell sind in hessischen Senioreneinrichtungen 767 Mitarbeiter und 1297 Bewohner infiziert. Im Kreis Fulda sind – Stand Montagvormittag – 46 Bewohner und 31 Mitarbeiter in sieben Einrichtungen positiv getestet worden.

„Jede Nachricht, dass in einem Altenheim in der Nähe ein Bewohner gestorben ist, lässt die Mitarbeiter aufschrecken“, berichtet Markus Otto, Leiter des Geschäftsbereichs Senioren beim Kreisverband Fulda des Deutschen Roten Kreuzes. „Solche Fälle mahnen jeden Mitarbeiter noch einmal zu ganz besonderer Vorsicht“, sagt Otto. „Dabei arbeiten unsere Mitarbeiter unter schwierigen Umständen: Allein acht Stunden die Maske zu tragen, bedeutet eine physische Mehrbelastung. Dafür gebührt unseren Mitarbeitern hohe Anerkennung.“

„Die Sorge vor Covid-19-Infektionen von Pflegebedürftigen und Mitarbeitern zählen zu den größten Herausforderungen und Belastungen in den Pflegeeinrichtungen“, bestätigt Sigrid Wieder von der Awo. „Bei Bewohnern und Mitarbeitern wird täglich Fieber gemessen, bei Pflegebedürftigen sogar zweimal am Tag. Bei Anzeichen von Erkältungssymptomen wird der Arzt informiert und ein Abstrich genommen. Eine Belastung bedeutet es auch, wenn ein Mitarbeiter in Quarantäne muss, weil Familienangehörige positiv getestet wurden.“

Einrichtungen sollen trotz Corona offen bleiben: Altenheime regeln Zugang für Besucher selbst

Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr wurden die Altenheime über Wochen für die Öffentlichkeit gesperrt. Jetzt entscheiden die Altenheime selbst, ob und unter welchen Umständen sie Besucher zulassen. Bei Angehörigen wächst die Gereiztheit. Im Frühjahr war sogar Seelsorgern der Zutritt zu Altenheimen untersagt – was für heftige Kritik sorgte. Das hat das Land Hessen jetzt korrigiert: Es schreibt Altenheimen vor, dass Seelsorger (sowie Rechtsanwälte und Notare) immer ein Zutrittsrecht haben; ebenso hat jeder Sterbende ein Recht auf Besuch – auch durch Familienangehörige. Ausgeschlossen vom Besuch sind Menschen mit Krankheitssymptomen. Ansonsten lässt das Land den Altenheimen viel Spielraum bei der Ausgestaltung der Corona-Regeln.

Video: Corona-Test-Bus: Schnelle Ergebnisse für Schulen und Pflegeheime

Im Ergebnis reduzieren alle Einrichtungen die Kontakte. Bei der Awo müssen sich Besucher vorher anmelden. Die Bewohner können aber jederzeit die Einrichtung verlassen. Die Besucher werden von Besuchslotsen – die die Awo neu eingestellt hat – empfangen und in die Einhaltung der Schutz- und Hygienemaßnahmen eingewiesen, berichtet Sprecherin Sigrid Wieder.

„Die Kontaktreduzierung führt zu einer Mehrbelastung der Mitarbeiter. Unterstützung durch Angehörige ist nur eingeschränkt möglich und muss vollständig durch die Pflegeeinrichtung ausgeglichen werden. Auch die An- und Zugehörigen leiden unter den eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten“, berichtet Wieder. Die Reizbarkeit wächst: „Viele Leitungskräfte und Beschäftigte zeigen größtes Verständnis für die Sorgen und Ängste der Angehörigen von Pflegebedürftigen. Trotzdem stellen die ‚Ansprüche‘ der Angehörigen eine zusätzliche Belastung dar. Wir beobachten seit Wochen eine zunehmende Reizbarkeit von Angehörigen – und eine steigende Erwartungshaltung an alle Pflegekräfte.“

Coronavirus: Main-Kinzig-Kreis verhängt Besuchsverbot für einige Altenheime

„Der Spagat zwischen Vorsicht und Austausch zulassen ist groß“, bestätigt Markus Otto vom Roten Kreuz. Auch hier müssen sich Besucher anmelden. Besuche sind auf eine Stunde pro Tag begrenzt. Noch aus Zeiten der ersten Corona-Infektionswelle im Frühjahr stehen Besuchscontainer vor den Einrichtungen: Hier können sich Bewohner und Angehörige vor dem Heim treffen. Pro Wohngruppe sind ein bis zwei Besucher gleichzeitig erlaubt. Die Caritas hat in ihrem Taubblindenheim einen isolierten Besuchsbereich mit drei Zimmern eingerichtet, wo Besuche von einer Person je Bewohner möglich sind. Auch bei der Caritas müssen sich Besucher anmelden.

Nicht überall sind allerdings Besuche möglich. Trotz der Beschlüsse der Ministerpräsidenten und der Bundesregierung, die Altenheime während der zweiten Welle für Besucher offen zu halten, wurde bereits zu Beginn des Herbstes wieder eine erhebliche Anzahl von Heimen geschlossen. Teilweise gehen diese damit eigenmächtig weit über die geltenden Rechtsverordnungen hinaus – meist aus Angst vor einem Corona-Ausbruch. Auch Behörden schließen Besucher von Alten- und Pflegeheimen während der zweiten Welle bisweilen kategorisch aus. In Osthessen sperrte der Main-Kinzig-Kreis in Hanau und Langenselbold drei Heime zeitweise für Besucher.

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