Winfried Happ muss unpopuläre Entscheidungen treffen und sorgt sich unter den aktuellen Umständen ernsthaft um die Zukunft der Amateurvereine.
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Winfried Happ muss unpopuläre Entscheidungen treffen und sorgt sich unter den aktuellen Umständen ernsthaft um die Zukunft der Amateurvereine.

Unpopuläre Entscheidung

Wegen Corona-Regeln: Fußball-Hessenligist Flieden streicht freien Eintritt für Spielerfrauen und Kinder

  • Ralph Kraus
    vonRalph Kraus
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Corona und die Folgen für die kleinen Amateurvereine – es noch ist nicht abzusehen, wie schwerwiegend die Veränderungen auf die Clubs einwirken. Winfried Happ, Vorsitzender von Fußball-Hessenligist Buchonia Flieden, schlägt jetzt aber Alarm.

Flieden - Schon vor dem ersten Heimspiel der Hessenliga sei man bei Buchonia Flieden so langsam an den Grenzen angekommen: „Ich glaube, dass ich für alle Vereine spreche, dass Corona und die Hygienemaßnahmen eine derartige Herausforderung sind, dass sie ehrenamtlich kaum noch zu leisten sind“, verdeutlicht Happ, der dem Club seit über 40 Jahren vorsteht.

Wegen Corona: Fußball-Hessenligist streicht freien Eintritt für Frauen und Kinder

„Es geht ja nicht nur um die erste und zweite Seniorenmannschaft, sondern es sind alle Spiele und jeglicher Trainingsbetrieb betroffen. Wenn ich unser Beispiel nehme, dann kommen zu den zwei Senioren- noch 15 Jugendteams dazu. Und überall gelten die gleichen Regeln – von der Registrierung bis hin zur Desinfektion.“

Da spiele es keine Rolle, ob es sich um ein Hessenligaspiel oder die G-Junioren handelt. „Das zu meistern, ist eine enorme Herausforderung“, verzweifelt Happ. „Schließlich muss ja immer auch entsprechend Personal in Form von Helfern da sein und die tragen eine enorme Verantwortung für die Gesundheit aller Anwesenden.“

Happ betont, „dass an vorderster Stelle die Gesundheit aller steht. Die Leute müssen genauso gesund wieder nach Hause gehen, wie sie gekommen sind. Die Problematik dabei ist nur die, dass die gesamte Verantwortung auf die Vereine abgewälzt wird.“ Als Beispiel nennt Happ den Hessenliga-Auftakt am Samstag gegen Eddersheim.

Für diesem haben die Fliedener beim Gesundheitsamt Fulda eine Sondergenehmigung gestellt, um insgesamt 500 Zuschauer an den Platz zu lassen. Ob dem stattgegeben wird und was der Verein dafür alles umsetzen muss, ist noch nicht endgültig entschieden.

„Fakt ist aber jetzt schon, dass es eine der Maßnahmen ist, die Zuschauer in zwei Gruppen trennen zu müssen. Das ist alles noch machbar. Bloß: Was passiert denn nach dem Spiel? Die beiden Zuschauergruppen dürfen sich auch nach dem Spiel nicht vermischen. Das heißt im Klartext, dass wir auch nur eine der beiden Gruppen ins Vereinsheim lassen dürfen.“

Happ weiter: „Der zweiten Gruppe müssen wir den Zugang verwehren. Wer soll denn aber die Leute, die nachher ins Häuschen wollen, alle kontrollieren und wegschicken? Hier werden Dinge von ehrenamtlichen Helfern verlangt, die selbst die Polizei nicht oder nur schwer umsetzen kann“, mahnt Happ.

Dazu kommt die finanzielle Seite, die bei sämtlichen Vereinen durch die lange Pause nicht rosig ist. Auch Flieden muss einsparen und andere Wege finden, um Einnahmen zu generieren. „Ein Verein wie Flieden lebt einerseits von vielen kleinen Sponsoren. Die Hauptfinanzierung sind aber die Zuschauereinnahmen mit Verkauf und Bewirtung.“

Große finanzielle Probleme wegen Corona-Maßnahmen bei Amateurvereinen

„Das ist der wichtigste Faktor, um das Vereinsleben aufrecht zu erhalten“, verdeutlicht der Vereinschef, der zu bedenken gibt, „dass wir durch Corona seit zehn Monaten nur das eine Heimspiel im März gegen Johannesberg hatten. Das sagt ja schon einiges über die Löcher aus, die sich nicht nur bei uns auftun.“

Daher spart man in Flieden aktuell auch bei der Anfahrt zu Auswärtsspielen. Statt in Bussen geht es im privaten PKW auf Reisen. „Nehmen wir das vergangene Wochenende: Da war die Erste in Dreieich, die A-Jugend in Ederbergland, die C-Jugend in Marburg. Das war ein ganz normales Wochenende. Das hätte uns für die drei Mannschaften mit Bussen gut 1500 Euro gekostet“, so Happ, der das Fiasko in einer kleinen Kostenrechnung in Sachen Zuschauer verdeutlicht.

„Wenn man die tollen Zuschauerzahlen bei den Derbys mit einrechnet, dann liegen wir jede Saison bei einem Schnitt so um die 700 Besucher pro Heimspiel – also weit drüber über den jetzt zugelassenen 250 Plätzen. Das war auch in der Verbandsliga immer so“, sagt Happ.

„Was uns da im Schnitt jetzt fehlt und wegbricht, das kann sich jeder leicht selbst ausmalen. Dazu kommen die zusätzlichen Kosten wie Absperrzäune, möglicher Weise zusätzliche Toiletten und und und“, so Happ, der mit seinem Gremium daher eine höchst unangenehme Entscheidung fällen musste.

Buchonia Flieden streicht freien Eintritt für Spielerfrauen und Kinder

„Ab sofort muss bei unser jeder Eintritt zahlen. Sonst kommen wir nicht über die Runden“, sagt Happ, der auch dies wiederum an einem Beispiel erklärt: „In Flieden bekamen bisher alle Spielerfrauen der ersten und zweiten Mannschaft, sämtliche ehrenamtliche Jugendtrainer und Betreuer sowie die Jugendspieler bis 14 Jahre freien Einlass zu den Heimspielen.“

Die älteren Jugendspieler hätten einen vergünstigten Eintritt bekommen. „Wenn ich die 17 Mannschaften nehme und die dann alle mit mindestens 15 Leuten bestückt sind, dann weiß man, bei welcher Anzahl man da am Ende landet. Wenn ich dann noch 120 bis 150 Dauerkarteninhaber nehme, die fünf Schiedsrichter-Freikarten und die 30 möglichen Karten für die Gäste, dann sind die 250 zugelassenen Zuschauer ganz schnell weg.“

Letztlich würden vielleicht noch 50 bis 70 Karten in den freien Verkauf gehen. „Am Ende zahlen noch so wenige Leute Eintritt, dass du manches Mal von den Tageseinnahmen nicht mehr die Scheidsrichterkosten bezahlen kannst.“ In der Hessenliga liegen diese durchschnittlich bei knapp 200 Euro pro Heimspiel.

Deshalb hat sich Flieden mit den anderen heimischen Hessenligisten zusammengesetzt und beraten. Das Resultat für die Buchonia: Eventuell bezahlen bald alle Zuschauer ab sechs Jahren Eintritt – egal ob eigene Jugendspieler, Trainer oder Helfer, egal ob Spielerfrauen.

„Wir Vereine sind dazu gezwungen, solche Wege zu gehen, um wirtschaftlich überleben zu können. Das hält aber kein Verein lange durch, denn uns ist bewusst, was diese Leute für den Verein leisten. Die machen eine überragende Arbeit, stecken ihr eigenes Einkommen noch in die Fahrten, weil wir nicht mal ein Kilometergeld bezahlen können.“

Happ weiter: „Deshalb sage ich ganz deutlich: Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir vor lauter Verwaltungstätigkeiten und Corona die Sache nicht so sehr überspitzen und ausreizen, dass uns die Leute den Bettel hinschmeißen. Die Vereine befinden sich aktuell auf einem ganz schmalen Grad.“

Auch deshalb wird gehofft, dass eine höhere Kapazität genehmigt wird. „Dann können wir auf solche unpopulären und durchaus bedenklichen Maßnahmen verzichten.“

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