Maria Cristina, Covid-19-Patientin, macht einen Videoanruf, nachdem sie die Intensivstation in einem Krankenhaus in Lima verlassen hat.
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Verlassen Covid-Patienten mit schweren Verläufen die Intensivstation, ist die Krankheit noch nicht überstanden (Symbolbild).

Vier Phasen

Herz-Jesu-Chefarzt aus Fulda sagt: Die Hälfte der Corona-Patienten leidet monatelang an Folgen

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Das Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda hat bisher über 200 Covid-Patienten behandelt. Viele von ihnen kämpfen noch Monate nach der Infektion mit Folgeschäden. Welche Auswirkungen Corona hat, erklärt Chefarzt Bernd Kronenberger.

Fulda - Bernd Kronenberger, Chefarzt im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda, erklärt im Corona-Interview, dass die Sars-COV-2-Infektion in Phasen abläuft. Nach der Akutphase kann sich der Zustand nochmals verschlechtern. 

Herr Professor Kronenberger, wir leben nun fast seit einem Jahr mit der Coronakrise. Welche Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gewonnen?
Anders als zum Beispiel bei der Influenza verläuft eine Covid-Infektion in verschiedenen Phasen ab. Die Akutphase geht von Tag 1 bis Tag 8 oder 10. In dieser Phase haben die Patienten Fieber und leiden an starker Müdigkeit. Dann verschwindet das Virus und die Immunreaktion tritt auf. Allerdings können Patienten in dieser postakuten Phase, wo deutlich erhöhte Entzündungen beobachtet werden, richtig schwer krank werden.

Coronavirus: Die Hälfte der Covid-Patienten leidet noch monatelang an den Folgen

Wie meinen Sie das?
In dieser Phase, die etwa bis zu einem Monat dauert, ist Covid eigentlich schon weg, aber es können bakterielle Infektionen, Lungenembolien, Herz-Rhythmus-Störungen oder andere Organkomplikationen auftreten. Patienten kommen dann häufig mit einer schweren Lungenentzündung und Atemnot zu uns. Es kommt durch die Covid-Infektion zu einer Lungenschädigung, die den Boden ebnet für weitere Erkrankungen. Es fällt wirklich auf, dass Patienten, die in dieser zweiten Phase sind, mit Komplikationen zu uns kommen. Da sind auch viele Jüngere dabei, die eigentlich davon ausgegangen sind, das Virus schon überstanden zu haben. Diese Patienten kommen dann mit einer schweren Lungenentzündung, was man sonst bei 25- oder 30-Jährigen eher selten sieht. 
Wie oft kommt ein junger Mensch mit Lungenentzündung zu Ihnen? Und wie häufig war das vor der Pandemie der Fall?
Das kann ich nur schätzen. Vorher waren es vielleicht ein bis zwei Patienten im Monat, jetzt sind es zehn. Aber es ist ja auch so, dass diese Patienten sehr lange bleiben müssen, mitunter vier bis sechs Wochen. Und wenn wir sie dann entlassen, dann haben sie oft noch Folgesymptome.
Bernd Kronenberger, Chefarzt im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda, erklärt, dass eine Corona-Infektion in Phasen abläuft.
Welche sind das?
Die Patienten sind einfach nicht fit, leiden an anhaltender Luftnot, Husten, Muskelschwäche, Müdigkeit und einer deutlich verminderten Belastbarkeit. Diese dritte Phase wird auch als Long-Covid bezeichnet. 
Wie viele Patienten kommen in diese Phase?
Etwa die Hälfte der Covid-Patienten haben auch nach drei Monaten noch Symptome. Diese dritte Phase dauert von einem bis drei Monate. Danach schließt sich die vierte, die chronische Phase an. Dazu weiß man noch nicht viel. Aber es ist denkbar, dass Covid auch Krankheitszustände hervorruft, die irreversibel sind, zum Beispiel eine Vernarbung der Lunge oder dass Autoimmunerkrankungen aufkeimen.
Wie lassen sich diese Folgeschäden behandeln?
Das ist nicht einfach. Man muss schauen, welches Organ geschädigt ist, dann kann man organspezifisch behandeln. Bei Herzschwäche besteht auch ein Risiko der Herz-Rhythmus-Störung, was zu einem akuten Problem führen kann. Wir raten daher Covid-Patienten, die bei sich noch eine Leistungsschwäche beobachten, keinen Sport zu treiben und bis zu drei Monate sehr vorsichtig zu sein. 
Beim Thema Impfung hat die Forschung Erstaunliches geleistet, doch bei den Medikamenten, die bei der Covid-Behandlung eingesetzt werden, waren keine großen Sprünge zu beobachten, wie es zuletzt auch Immunologe Prof. Dr. Peter M. Kern vom Klinikum Fulda angesprochen hat. Ist der Eindruck richtig?
Es wurden schon große Fortschritte gemacht – allein durch die Erfahrung. Man hat zum Beispiel festgestellt, dass die Thrombose-Neigung ein Problem ist. Deshalb verabreicht man in der frühen Phase Blutverdünner. Auch bei der Sauerstofftherapie hat man viel gelernt. Jetzt wissen wir, dass es bei einer Covid-Infektion nicht gut ist, zu früh Sauerstoff zu verabreichen. Wenn die natürliche Sauerstoffaufnahme ausreichend ist, dann ist Sauerstoff eher schädlich. Dasselbe gilt für die invasive Beatmung. 
Inwiefern?
Eine Intubation bedeutet, gerade für ältere Menschen, ein Risiko. Es ist frustrierend: In dem Moment, in dem ein Über-80-Jähriger beatmet wird, folgt oft auf eine Komplikation die nächste, dies führt zu einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit. Bei der Beatmung wird der Patient ja ins Koma versetzt. Durch den Druck, der in die Lunge gepresst wird, kann diese verletzt werden. Man ist davon abgekommen, sehr früh zu beatmen und versucht nun länger die schwierige Phase mit Sauerstoff durchzustehen. Es wird versucht, möglichst lange um die Intubation herumzukommen. Das ist anders als bei einer Lungenentzündung. 

Video: Charité-Chef rechnet mit besseren Therapien für Covid-19-Patienten

Aber die Krankheit äußert sich doch häufig in Form einer Lungenentzündung. 
Ja, in der postakuten Phase entstehen oft bakterielle Lungenentzündungen. Aber in der Frühphase sieht das nur so aus wie eine schwere Lungenentzündung. Das täuscht. Bei einer Lungenentzündung ist die Lunge eher verklebt. Der Druck bei der invasiven Beatmung kann helfen, die Lungenbelüftung zu verbessern. Um ein Lungenversagen zu verhindern und die Restlunge zu erhalten, muss man früh intubieren. Bei Covid ist das anders. Hier sind die Blutgefäße der Lunge sehr weit, die Lunge selbst ist eher schlaff. Das nächste, das wir gelernt haben, ist, dass wir Cortison geben müssen. Das bringt vor allem in der zweiten Phase sehr viel. 
Also in der Phase, in der Corona den Weg für andere Krankheiten, wie etwa die bakterielle Lungenentzündung, geebnet hat. 
Genau. In dieser Phase, in der die überschießende Immunreaktion zu Organschäden führt. Dabei wirkt Cortison entzündungshemmend und stabilisierend. 

Corona: Auch bei niedergelassenen Ärzten ist das Folgeschäden-Problem noch nicht so bekannt

Sind die Folgeschäden auch im Röntgenbild sichtbar?
Ja, 38 Prozent haben zwei Monate nach der Infektion noch eine Veränderung im Röntgenbild, 9 Prozent dieser 38 haben sogar eine Verschlechterung. 
Wie gefährlich schätzen Sie die Folgesymptome ein? Machen die Ihnen größere Sorgen als noch vor einem Jahr?
Ja, das hat man vor einem Jahr einfach gar nicht gewusst. Da ist man immer von dieser akuten Covid-Erkrankung ausgegangen und stellte fest, dass der eine Patient ein Organversagen entwickelt und der andere nicht. Inzwischen kann man Covid-19 wirklich ganz genau in diese verschiedenen Stadien einteilen und muss die Organkomplikationen gezielt behandeln. 
Werden diese Folgeerkrankungen von der Bevölkerung unterschätzt?
Die meisten wissen über die Folgen nicht Bescheid. Viele Patienten wundern sich, dass es ihnen, obwohl sie ihre Covid-Infektion überstanden haben, plötzlich schlechter geht. Auch bei den niedergelassenen Ärzten ist das Problem noch nicht so bekannt. 

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