Die Corona-Infektionszahlen in Deutschland steigen seit wenigen Wochen wieder. (Symbolfoto)
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Die Corona-Infektionszahlen in Deutschland steigen seit wenigen Wochen wieder. (Symbolfoto)

Umgang mit Covid-19-Fallzahlen

Zweite Corona-Welle? Immer mehr Experten fordern neue Bewertung der Pandemie-Lage

  • Daniel Krenzer
    vonDaniel Krenzer
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Nicht zuletzt die erschwerten Reisebedingungen für Bewohner aus inländischen „Risikogebieten“ haben die Diskussion angeheizt, ob der Umgang mit den Werten der Corona-Neuinfektionen noch der richtige ist – und welche Werte relevant sind.

Deutschland - Wir sind es seit Monaten so gewohnt: Jeden Tag wandert der Blick auf die neuen Coronavirus-Infektionswerte, die das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht – sie sind der Gradmesser für die politische Bewertung der Gefahr durch die Pandemie. Und so erschrecken uns zuletzt Werte von mehr als 5000 Neuinfektionen am Tag. Eine Kommune mit 50 oder mehr positiven Tests pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche ist gebrandmarkt als „Seuchenherd“, und viele fiebern nun mit ihrer Region täglich mit, einen möglichst niedrigen Inzidenzwert verkündet zu bekommen, um kein Beherbergungsverbot fürchten zu müssen. Doch ob diese Fokussierung auf die reine Quantität der Pandemie (noch) richtig ist, das zweifelt eine zunehmende Zahl an Gesundheitsexperten an.

Zunächst die Fakten: Im Frühjahr stiegen die Infektionszahlen in Deutschland sehr schnell an – und mit ihnen die Zahl der an Covid-19 erkrankten Intensivpatienten in den Kliniken sowie die Todesfälle mit und durch die Corona-Erkrankung. All diese Zahlen sanken über den Sommer auf ein vergleichsweise niedriges Niveau. Nun steigen die Infektionszahlen seit wenigen Wochen wieder, die Zahl der Todesfälle und Klinikpatienten allerdings in sehr viel geringerem Maße als noch im Frühjahr – die Tendenz ist zuletzt aber ebenfalls wieder leicht ansteigend. (Lesen Sie hier: News-Ticker zum Coronavirus in Hessen: Infektionen steigen drastisch.)

Covid-19 in Deutschland: Ist der Umgang mit den Werten der Corona-Neuinfektionen noch der richtige?

Mögliche Gründe dafür gibt es einige, die vermutlich alle mehr oder weniger hineinspielen und über die es sich vortrefflich streiten lässt: zeitliche Verzögerungen, mehr infizierte junge Menschen, medizinischer Erkenntnisgewinn, geringere Ansteckungsintensität durch Maske, Abstand und Co. – und so weiter.

Übersterblichkeit

„Es sterben bisher in diesem Jahr in Deutschland nicht mehr Menschen als in jedem anderen Jahr ohne Corona“, sagt Andreas Gassen, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Der Blick auf die offizielle Sterbefall-Statistik von 2016 bis 2020 bestätigt dies. In diesem Jahr sind bislang sogar etwas weniger Menschen in Deutschland gestorben als im Schnitt in den vergangenen vier Jahren.

Dies legen die einen als Beweis für bislang gelungene Corona-Maßnahmen in Deutschland aus, die anderen hingegen sehen darin die Bestätigung dafür, dass Covid-19 nicht gefährlicher sei als jede grassierende Grippe. Dass es so einfach mit dem Coronavirus aber nicht ist, zeigt der Blick in andere Länder. So berichtete die Europäische Statistikbehörde Eurostat Ende Juli von massiv gestiegenen Sterbezahlen im Frühjahr insgesamt, aber vor allem mit Blick auf die Risikogruppen in einigen Ländern wie Italien, Spanien, Belgien oder Schweden.

Das ZDF berichtete über die Statistiken von Mitte März bis Anfang Mai, der „ersten Welle“: „Vor allem Menschen ab 70 waren besonders betroffen: Europaweit gab es 56 Prozent mehr Todesfälle bei den Männern dieser Altersgruppe, bei den Frauen lag die Zunahme bei 44 Prozent im Vergleich zu den vergangenen Jahren.“ Die Unterschiede zwischen den Nationen waren dabei aber enorm. Allerdings sanken über den Sommer nahezu in ganz Europa die Sterbezahlen wieder auf ein normales Niveau. Einen Ausreißer nach oben gab es jedoch in Deutschland im August – wegen einer Hitzewelle.

„Wir erleben da eine Entkopplung“, stellte Prof. Ursel Heudorf, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen und ehemalige stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes in Frankfurt, in einem „ARD extra“ fest. Statt die reinen Infektionszahlen zu betrachten, rät sie dazu, den Fokus auf die Anzahl der schweren Fälle zu richten. 9000 der etwa 9500 Todesfälle in Deutschland habe es vor Juli gegeben, seitdem nur noch 500 Tote – und das trotz zuletzt steigender Infektionszahlen, sagte sie in dem Interview. „Wir müssen langsam in die nächste Phase übergehen, wie sie das RKI ja ebenfalls vorsieht“, sagte Heudorf – und meint die Konzentration auf den Schutz der Risikogruppen. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagt auch der angesehene Virologe Prof. Hendrik Streeck von der Uniklinik in Bonn. Vorrangiges Ziel müsse es sein, jedem Patienten mit einem schweren Covid-19-Verlauf eine adäquate Behandlung zu ermöglichen, ohne das öffentliche Leben über Gebühr einzuschränken.

Lesen Sie hier: Virologe Hendrik Streeck entkräftet Corona-Verschwörungstheorien.

Coronavirus: Experten fordern Konzentration auf den Schutz der Risikogruppen

Nicht nur die Zahl der neuen Infektionen bei der Berechnung eines Inzidenzwertes zu berücksichtigen, sondern auch die Schwere der Erkrankung, dafür plädierte jüngst auch der Leiter des Gesundheitsamtes in Aichach-Friedberg, Friedrich Pürne. Dabei kritisiert er offen das Vorgehen der bayerischen Landesregierung und damit auch seinen obersten Dienstherrn Markus Söder (CSU). Und auch René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, stellt fest, dass es trotz steigender Fallzahlen „weniger schwere Erkrankungen mit weniger Krankenhauseinweisungen“ gebe. Zwar nehme er Covid-19 durchaus als ernst zu nehmende Situation wahr, dennoch müsse die Diskussion „über rein virologische Fragen hinaus ethische Aspekte sowie rechtliche Fragen zum legitimen Zweck, der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen umfassen“.

Ein Blick auf die aktuelle Auslastung der Intensivstationen deutscher Krankenhäuser zeigt, dass (Stand Donnerstag, 15. Oktober) – 71 Prozent der Intensivbetten im Land belegt sind, in Hessen sogar 76 Prozent. Das klingt zunächst viel, allerdings sind die wenigsten Patienten an Covid-19 erkrankt, und es melden 779 von 1227 Klinikstandorten noch freie Kapazitäten, 358 berichten über erste Engpässe und 90 sind ausgelastet. Allerdings könnten im Falle eines erneuten Anstiegs der Zahl der schwerkranken Patienten bis zu 12.000 weitere Intensivbetten eingerichtet werden. Derzeit sind aber noch mehr als 8000 Plätze frei. Aktuell werden bundesweit etwa 650 Menschen mit Covid-19 auf Intensivstationen behandelt, etwa die Hälfte wird künstlich beatmet.

Video: Das sind die deutschen Corona-Hotspots (RKI-Liste)

Zu den derzeit ausgelasteten Kliniken gehört der Standort der Main-Kinzig-Klinik in Schlüchtern (Lesen Sie hier: 53. Todesfall mit Covid-19 im Main-Kinzig-Kreis – Inzidenz steigt auf 26). „Das heißt aber nicht, dass wir keine Corona-Patienten aufnehmen können“, versichert Alexandra Pröhl, Sprecherin der Main-Kinzig-Kliniken. Derzeit werde in Schlüchtern kein einziger Covid-19-Patient behandelt, dank einer Isolierstation könnten es aber bis zu 30 auf einmal sein. „Niemand in der Region muss sich derzeit Sorgen machen, im Fall der Fälle nicht adäquat behandelt werden zu können“, sagt Pröhl und verweist auf ein stabiles, sicheres und gutes Stufenmodell, mit dem die Kliniken jederzeit kurzfristig auf sich ändernde Situationen reagieren könnten. Das gilt auch für Fulda, das derzeit ohnehin noch freie Kapazitäten bei den Intensivbetten vermeldet.

Lesen Sie hier: Ex-Covid-Patient spendet Main-Kinzig-Kliniken nach Behandlung Riesen-Summe.

Klar ist, dass aktuell trotz der steigenden Fallzahlen die Lage nicht so angespannt ist wie im Frühjahr, als deutlich mehr Intensivpatienten mit Covid-19 in den Kliniken behandelt wurden. Die Sorge besteht aber, dass sich dies schnell ändern könnte. „Wir bereiten uns darauf vor, auf eine neue Welle an Patienten, die schwer erkrankt sind“, sagte die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, bei der Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag. Die Ärzte erwarten laut Herold wieder einen deutlichen Anstieg der Corona-Patienten in den Kliniken. Erste Anzeichen dafür gibt es in Nordrhein-Westfalen, wo in der vergangenen Woche mehr als 500 Covid-19-Patienten stationär in den Kliniken behandelt wurden, während es vor einem Monat noch weniger als 200 waren. Die Kapazitätsgrenzen liegen aber auch hier noch deutlich entfernt. Allerdings kündigte die Berliner Charité an, planbare Operationen wieder auszusetzen, um Platz für mögliche Covid-Patienten zu schaffen.

Inzidenzwert

Der 7-Tage-Inzidenzwert gibt an, bei wie vielen von 100.000 Einwohnern in einem Gebiet innerhalb von einer Woche ein positives Testergebnis vorlag. Bei der Festlegung auf Richtwerte für nötige strengere Maßnahmen einigten sich vor einigen Wochen die Ministerpräsidentin mit der Kanzlerin auf einen Grenzwert von 50 als „Alarmstufe Rot“.

Diesen Richtwert wendet das RKI schon länger bei der Ausweisung von Risikogebieten für Auslandsreisen an, inzwischen gilt er – bis auf Ausnahmen – auch im Inland als Grenzwert für ein greifendes Beherbergungsverbot für Bewohner der betroffenen Regionen. Je weniger Einwohner ein Kreis hat, desto sprunghafter kann der Wert sein. Deshalb ist es wenig sinnvoll, den Wert für einzelne Kommunen zu errechnen. Bei 3000 Einwohnern würde dann ein infiziertes Paar alleine einen Wert von 66,7 verursachen.

In Hessen greifen bereits ab einem Inzidenzwert von 20 erste angepasste Maßnahmen, ab 35 weitere. Ab einem Wert von 75 übernähme dann der Planungsstab des Landes die Steuerung der medizinischen Lage.

Wie sich die Pandemie weiterentwickelt, ist der viel zitierte Blick in die Glaskugel. Aktuell ist die Zahl der schweren Covid-19-Verläufe glücklicherweise gering. Und das wird die Diskussion weiter anfeuern, ob die Festlegung auf einen Inzidenzwert von 50 als Stufe zum „Risikogebiet“ sinnvoll, überflüssig oder zumindest unter derzeitigen Vorzeichen zu niedrig angesetzt ist.

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