Die Debatte um die Corona-Auffrischungsimpfungen nimmt Fahrt auf. (Symbolfoto)
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Die Debatte um die Corona-Auffrischungsimpfungen nimmt Fahrt auf. (Symbolfoto)

„Impf-Booster“

Kreis Fulda bietet keine Drittimpfung an - Arzt verärgert: „Wir haben den schwarzen Peter“

  • Sarah Malkmus
    VonSarah Malkmus
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Nachdem der Kreis Fulda bekanntgegeben hatte, keine Auffrischungsimpfungen im Corona-Impfzentrum anzubieten, kristallisierte sich heraus, dass auch längst nicht jeder Hausarzt den dritten Piks verabreicht. Die Gründe sind vielfältig.

Fulda - Dr. Thomas Sitte, Palliativmediziner aus Fulda, und sein Team bieten die Drittimpfungen seit dieser Woche an, berichtet er auf Nachfrage unserer Zeitung. Und das, obwohl die Verweigerung der Ärzte für die Booster-Impfungen laut Sitte eher dem Normalfall entsprechen. Denn: „Wir Ärzte bekommen den schwarzen Peter zugeschoben.“

Eine klare Empfehlung und Zulassung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für die dritte Corona-Impfung gebe es nicht, lediglich die Aufforderung aus der Politik. Wenn „etwas passiert“, so Sitte, heißt es gleich: „Das hätte der Arzt aber auch wissen müssen.“ (Lesen Sie auch: Sechs-Monate-Regel sinnvoll? Antikörper bei Genesenen länger nachweisbar)

Corona: Keine Auffrischung im Impfzentrum Fulda - Arzt ist verärgert

Überdies sei der Aufwand, der hinter den Drittimpfungen steckt, ein Problem. Diesen beschreibt der Mediziner als „unangemessen hoch“. Und die Bezahlung decke dabei lediglich in den Impfzentren die Kosten, nicht aber in den Praxen. Aus diesem Grund – so der Palliativmediziner – sei eine Verweigerung der Ärzte eher der Normalfall. Schließlich seien die Impfungen nicht zugelassen oder gar offiziell empfohlen.

„Es bedarf einer rechtlichen Zulassung, außerdem ist es ein hoher bürokratischer Aufwand“, sagt auch Dr. Jörg Simon, Aufsichtsratsvorsitzender des Gesundheitsnetzwerkes Osthessen (GNO). Er spricht etwa von acht Seiten Formular-Arbeit, die pro Patient anfielen. Dennoch verabreichten sein Team und er die Booster – jeweils für über 80-Jährige, deren zweite Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt, und für Patienten in Pflegeheimen und Patienten mit Immunschwäche und geplanter Chemo.

Video: Effekt, Zeitpunkt, Nebenwirkung - Die wichtigsten Fragen zur Corona-Drittimpfung

Einen weiteren Grund für die Verweigerung mancher Ärzte sieht Sitte darin, dass es widersprüchliche Informationen und Anweisungen von verschiedenen Stellen hinsichtlich Hygiene, Überwachung der Patienten nach der Impfung sowie Dokumentation gebe, die in der Praxis kaum umsetzbar seien. Hinzu kämen die Unsicherheit und die lange Verzögerung bei der Lieferung der Impfstoffe. „So macht die Arbeit nur wenig Freude, auch wenn wir wissen, wie wichtig das Impfen ist.“ Obendrein sei dann von den Ärzten auch noch das Alltagsgeschäft zu bewältigen.

Professor Dr. Dr. Dr. Christoph Raschka aus Hünfeld hingegen empfindet den Aufwand als nicht ausschlaggebend: „Es zahlt sich nicht immer alles in Münze aus, das ist unser Beitrag in der Pandemie.“

Drittimpfung

Die Gesundheitsminister der Länder haben im Einvernehmen mit dem Bundesminister für Gesundheit entschieden, dass Personen, bei denen nach einer vollständigen Corona-Impfung möglicherweise keine ausreichende oder eine schnell nachlassende Immunantwort vorliegt, eine Auffrischungsimpfung angeboten wird.

Zu diesen Personen gehören Bewohner von Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und weiteren Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen, sowie Personen mit einer Immunschwäche oder Immunsuppression sowie pflegebedürftige Menschen in ihrer eigenen Häuslichkeit und Menschen ab 80 Jahren. Auch Personen, die eine vollständige Impfserie mit einem Vektor-Impfstoff erhalten haben, wird eine weitere Impfung angeboten. Die Impfung wird mindestens sechs Monate nach Abschluss der ersten Impfserie durchgeführt.

Angenommen werde das Angebot in Simons Praxis zunächst verhalten. So auch bei Sitte: „Es gibt nur einzelne Anfragen und viel Unsicherheit“, sagt er. Künftig wird man sich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern andere Gruppen – also Jüngere – von den Booster-Impfungen betroffen sein werden. Ob und wann es dazu kommen könnte, sei „derzeit Kaffeesatzleserei und kann niemand wissen“, sagt Palliativmediziner Sitte. Viel wichtiger sei es zunächst, all diejenigen zu erreichen, die aus den verschiedensten Gründen noch nicht geimpft sind. „Das ist die eigentliche Herausforderung“, sagt er.

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