Professor Dr. Reinald Repp ist seit 2002 Direktor der Kinderklinik am Klinikum Fulda.
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Professor Dr. Reinald Repp ist seit 2002 Direktor der Kinderklinik am Klinikum Fulda.

Doktorarbeit (1986) über Corona

„Absolution für Geimpfte ist ein Fehler“: Klinikum-Arzt Reinald Repp im Interview

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Der bekannte Fuldaer Kinderarzt Reinald Repp hat seine Dissertation in den Achtzigern über Coronaviren geschrieben. Er kritisiert den Druck, der derzeit auf Ungeimpfte aufgebaut wird.

Fulda - Professor Dr. Reinald Repp ist seit 2002 Direktor der Kinderklinik am Klinikum Fulda. Dort hat er sich vor allem bei der Behandlung von Frühchen überregional einen Namen gemacht. Die wissenschaftlichen Wurzeln des 64-Jährigen liegen allerdings in der Virologie.

In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich der Mediziner bereits 1986 mit Coronaviren. Damals allerdings noch mit einem Coronavirus der Mäuse, das bei diesen eine Krankheit verursachen kann, wie die Multiple Sklerose beim Menschen. An eine Pandemie durch Coronaviren war damals laut Repp noch nicht zu denken, wie er im Interview mit unserer Zeitung sagt.

Corona: Arzt Reinald Repp kritisiert Druck auf Ungeimpfte

Deutschland erlebt in den vergangenen Tagen ständig neue Rekorde bei den Corona-Infektionszahlen. Wie dramatisch ist die Lage aus Ihrer Sicht?
Das hängt stark davon ab, was man unter dramatisch versteht. Wir beobachten derzeit täglich rund doppelt so viele Infektionen wie vor knapp einem Jahr und die Zahlen steigen weiter exponentiell an. Das kann man durchaus als dramatisch bezeichnen. Betrachtet man allerdings die Zahl der Menschen, die jeden Tag an Corona sterben, dann war es damals in der zweiten Welle noch viel schlimmer. Damals starben jeden Tag bis zu 1250 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19. Heute sind es 250. Aber es werden auch jeden Tag mehr Menschen sterben, wenn die Infektionszahlen weiter so steigen.
Das sogenannte Boostern wird vor allem von vielen Politikern als wichtiger Beitrag zur Pandemiebekämpfung gefordert. Empfehlen Sie die dritte Impfung?
Es gibt sehr gutes Datenmaterial aus England. Das besagt, dass 16-Jährige noch fünf Monate nach ihrer zweiten Impfung zu 70 Prozent vor einer Corona-Infektion geschützt sind. Bei den über 65-Jährigen liegt der Wert immerhin noch bei 55 Prozent. Das bedeutet, dass sie selbst nach diesem Zeitraum nur das halbe Risiko einer Infektion im Vergleich zu Ungeimpften haben. Vor Tod und schwerem Krankheitsverlauf schützt die Impfung laut der Studie nach sechs Monaten noch zu 90 Prozent. Mit der Boosterimpfung erreicht man in der Regel ein noch höheres Schutzniveau als nach der zweiten Impfung. Man begibt sich damit also wieder auf das Top-Level.

Video: Gilt man ohne Booster-Impfung bald als ungeimpft?

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Und wie lange hält dieser Schutz dann an, bevor eine vierte Impfung nötig wird?
Ich gehe davon aus, dass die dritte Impfung einen höheren Langzeiteffekt haben wird. Es gibt hierzu zwar noch keine verlässlichen Daten, aber bei anderen Impfschemata kann man einen ähnlichen Effekt beobachten. Bei einer Tetanusimpfung zum Beispiel hat man einen langanhaltenden Schutz, wenn man die dritte Impfung nach sechs Monaten bekommen hat. Ähnlich ist es bei FSME.
Hätte die Wissenschaft das nicht von Anfang an wissen können? Von einer dritten Impfung war zumindest anfangs nie die Rede.
In der Langzeitbetrachtung hätte man das sicherlich wissen können. Man darf aber auch nicht außer Acht lassen, dass wir es mit einer völlig neuen Impfstoffklasse zu tun haben. Bei bisher verwendeten Impfstoffen ist das Dreier-Schema geübte Praxis. Bei mRNA-Impfstoffen gab es anfänglich nur wenig Daten. Die erste Studie von Biontech in Brasilien hat schnell erkennen lassen, dass man bereits zwei Wochen nach der zweiten Impfung einen Top-Effekt hat.
Wäre es nicht durchaus sinnvoll, die Anzahl der eigenen Antikörper zu bestimmen und daraus die Entscheidung über eine dritte Impfung abzuleiten?
Es gibt keine eindeutige Korrelation, ab welchem Wert ein ausreichender Schutz vorliegt. Bei Tetanus zum Beispiel ist das anders. Da weiß man genau, dass bei einer bestimmten Anzahl an Antikörpern Immunität besteht. Bei Corona gibt es aber zumindest eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch mit Antikörpern deutlich oberhalb der Nachweisgrenze gut geschützt ist.
Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland haben eine Corona-Infektion überstanden, ihr Genesenen-Status ist aber nach sechs Monaten abgelaufen. Ist das verhältnismäßig im Vergleich zu doppelt Geimpften?
Genesene sind nach sechs Monaten besser geschützt als doppelt Geimpfte. Studien in Israel zeigen das ganz klar. Sie zeigen auch, dass der Immunschutz bei Genesenen viel länger anhält als bei doppelt Geimpften. Dass man die besser geschützten Genesenen nach sechs Monaten mit der 2G-Regel wieder von vielem ausschließt, aber die Geimpften zeitlich unbegrenzt ohne Testpflicht zu allem zulässt, halte ich persönlich für falsch. Das trägt möglicherweise dazu bei, dass die Infektionszahlen wieder ansteigen. In Israel macht man es besser. Dort wird beiden, den Geimpften und den Genesenen, der Immunstatus nach sechs Monaten aberkannt, wenn sie sich nicht impfen lassen – die Genesenen zum ersten und die Geimpften zum dritten Mal. Das ist wissenschaftlich fundiert und gerecht.

„Von einer Pandemie der Ungeimpften zu sprechen, halte ich für falsch“

Vor allem von Seiten der Politik wird der Druck auf Ungeimpfte stetig erhöht. Handelt es sich in Deutschland tatsächlich um eine „Pandemie der Ungeimpften“?
Diese Formulierung ist eine unnötige Polarisierung, die nicht zielführend ist. Wir befinden uns zwar in einer Pandemie, von der mehr Ungeimpfte als Geimpfte betroffen sind. Geimpfte haben außerdem ein deutlich geringeres Risiko, das Virus weiterzugeben und schwer zu erkranken. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass – Stand vor rund drei Wochen – auf den normalen Stationen in den hessischen Krankenhäusern 55 Prozent der Covid-Patienten doppelt geimpft waren. Auf den Intensivstationen lag der Anteil immerhin bei rund 30 Prozent. Bei diesen Zahlen von einer Pandemie der Ungeimpften zu sprechen, halte ich für falsch.
Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, hat in einer Talkshow sogar von einer „Tyrannei der Ungeimpften” gesprochen.
Das ist ein weiteres Beispiel für eine aus meiner Sicht unnötige Polarisierung. Das ist definitiv nicht das, was wir in der Medizin brauchen. Zum Selbstverständnis eines Arztes gehört, für alle Menschen da zu sein, egal ob geimpft oder ungeimpft. Das ist unsere Grundregel. Wir sind da, um den Menschen zu helfen – nicht über sie zu urteilen.
Andere Länder gehen wieder in den Lockdown, in Deutschland sind derzeit noch Weihnachtsmärkte und Weihnachtsfeiern geplant. Sind wir hierzulande zu unvorsichtig?
Das ist schwer zu beantworten. Ich bin der Meinung, dass wir mit allen Maßnahmen die Sache nur verzögern. Das kann allerdings helfen, wenn es gelingt, in dieser Zeit mit dem Impfen voranzukommen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch dieses Virus bekommen wird. Ist man geimpft, hat man dann allerdings ein viel geringeres Risiko, daran zu sterben. Typisch für alle Atemwegsviren ist, dass man sie nach ein paar Jahren immer wieder bekommt. In der Regel dann als einfachen Schnupfen.
Covid wäre auch deutlich harmloser, wenn es jeder Mensch im Kleinkindesalter bekommen hätte. Die Erstinfektion wäre dann in der Regel harmlos verlaufen und der Körper hätte in dieser Phase eine Grundimmunität aufgebaut. Da es sich bei dem Virus aber um einen „Quereinsteiger“ handelt, erwischt es die meisten Menschen erstmals im fortgeschrittenen Alter, in dem der Körper dann nicht mehr so problemlos damit klarkommt.

Coronaviren-Experte Reinald Repp: Impfpflicht wäre der ehrlichste Weg

Haben Sie eigentlich Verständnis für Menschen, die sich bislang noch nicht für eine Impfung entschieden haben, weil sie dem Vakzin nicht trauen?
Ich habe generell Verständnis für Menschen, die sich Sorgen um ihre Unversehrtheit machen. Und einige rigide Maßnahmen, die wir erlebt haben und teilweise noch erleben, entsprechen nicht unserem Verständnis von einem freien Land. Ich bin garantiert kein Anhänger einer allgemeinen Impfpflicht. Das wäre aber der ehrlichste Weg. Das ist politisch allerdings nicht mehr vermittelbar, weil die Impfpflicht frühzeitig ausgeschlossen wurde.
Gar nichts halte ich von einer Impfpflicht nur für bestimmte Berufsgruppen, die in der Pflege und Medizin arbeiten. Das sind die Menschen, die in den ersten Wellen ohne Impfung und teils noch ohne ausreichende Schutzausrüstung die ansteckenden Covid-Patienten versorgt haben. Warum will man jetzt genau diesen Menschen die Freiheit nehmen, über ihre Impfung selbst entscheiden zu können, damit andere die Freiheit behalten können, sich selbst gefährden, indem sie die Impfung verweigern?
Heißt das im Umkehrschluss, dass man den Druck auf Ungeimpfte beispielsweise mit 2G-Regelungen erhöhen muss?
Druck aufzubauen ist eine unehrliche Intention. Man kann allerdings akzeptieren, dass Ungeimpfte aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens herausgenommen werden. Denn sie haben nachweislich ein erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken oder gar zu sterben.
Aber ist es nicht die freie Entscheidung eines jeden Menschen, sich diesem Risiko bewusst auszusetzen?
Das wäre es, wenn es keine Auswirkungen auf andere hätte. Es gibt aber den Grundsatz, dass wir allen Menschen helfen, ganz egal wie fahrlässig sie mit ihrer Gesundheit umgehen. Da es zu unserem Selbstverständnis gehört, auch Ungeimpften die bestmögliche Behandlung anzubieten, könnte die negative Impfentscheidung erhebliche Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben. Wenn sich viele Ungeimpfte gleichzeitig anstecken, könnte es sein, dass das System überlastet ist und Patienten, die beispielsweise dringend eine neue Herzklappe brauchen, länger warten müssen. Damit ist es keine individuelle Entscheidung des Ungeimpften mehr.
Ist eine Überlastung auf der Intensivstation am Klinikum Fulda aufgrund ungeimpfter Covid-Patienten spürbar?
In Fulda ist die Situation angespannt, bisher haben wir aber noch keine Überlastung der Intensivstationen. Allerdings kann sich das auch sehr schnell ändern.

Infos zum Interview

Das Interview mit Reinald Repp, das am Samstag, 20. November, in der Fuldaer Zeitung erschienen ist, führten Daniela Petersen, Thomas Schafranek, Bernd Loskant und Tobias Farnung. Nicht alle Fragen bzw. Antworten sind in diesem Online-Artikel vorhanden. Das vollständige Interview ist in der gedruckten Samstagausgabe zu lesen.

Die Politik hat entschieden, dass der bisher gängige Antigen-Schnelltest nicht mehr ausreicht, um beispielsweise in ein Restaurant oder Kino zu gehen. Ist der PCR-Test so viel besser?
Man unterstellt den Schnelltests, dass die Qualität sehr unterschiedlich ist. Sowohl das Produkt an sich als auch die Durchführung. Wir verwenden am Klinikum beispielsweise Tests mit einer Sensitivität von 97,6 Prozent. Das bedeutet, dass weniger als einer von 40 Coronapositiven bei diesen Tests übersehen wird. Dem PCR-Test sagt man eine Sensitivität von mehr als 99 Prozent nach. Ich finde, dass man noch weiter an der Qualität der Schnelltests arbeiten und nicht jedem, der ein Zelt hat, ermöglichen sollte, ein Testcenter zu eröffnen. Denn klar ist auch: Der PCR-Test hat den erheblichen Nachteil der Zeitverzögerung, weil er im Labor ausgewertet wird. Hier hat man in der Regel heute ein Ergebnis für den Test von gestern.
Die bereits abgeschafften kostenlosen Bürgertests wurden nun wieder eingeführt. Ist dieser Schritt richtig?
Ich finde diesen Schritt absolut richtig. Es war falsch, durch das Abschaffen der kostenlosen Tests den Druck auf Ungeimpfte zu erhöhen. Es ist übrigens auch ein Fehler, dass man Geimpften die Absolution erteilt, immer und überall ungetestet durchzugehen. Denn wir wissen, dass nach einigen Monaten die Wahrscheinlichkeit einer Infektion wieder ansteigt und viele Infizierte es aufgrund des milderen Verlaufs nicht so schnell merken.
In meinen Augen hat man unlautere Druckmittel aufgebaut: Die Geimpften sollten so viel wie möglich bekommen, um so einen Impf-Anreiz zu schaffen. Und die Ungeimpften sollten maximal geärgert werden, damit sie sich doch noch impfen lassen. Alles was wir tun, sollten wir aber nicht tun, um Ungeimpfte zu ärgern, sondern um die Pandemie positiv zu beeinflussen.

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