Letzte Corona-Etappe?

Immunologe Kern dank Fortschritt bei Impfungen zuversichtlich: „Zwei Drittel des Weges sind geschafft“

  • Christof Völlinger
    VonChristof Völlinger
    schließen

Immunologe Peter M. Kern aus Fulda spricht im Interview mit unserer Zeitung über Hoffnungen dank der Impfstoffe und den Wettlauf mit Corona.

Fulda - Obwohl die Delta-Variante des Coronavirus im Land grassiert, sieht Prof. Dr. Peter M. Kern (61) dem Herbst entspannter entgegen als im Vorjahr - damals sprach er vor einem Tsunami-Potenzial. Gleichwohl warnt der Immunologe aus Fulda vor der Illusion zu glauben, man könne trotz fortschreitender Impfung alle Todesfälle vermeiden.

Wie viel Prozent der Corona-Pandemie haben wir inzwischen geschafft?
Ich glaube, wir sind ziemlich genau am Beginn des letzten Drittels. Zwei Drittel des Weges hin zu einer Immunisierung der Bevölkerung haben wir zurückgelegt. Das Virus holt mit der Delta-Variante aber gerade zum dritten Schlag aus.
Ist es für Entspannung also noch zu früh?
Die letzte Etappe wird ganz anders verlaufen als die vorherige. Wir werden steigende Infektionszahlen sehen, aber weniger Schwerkranke und Tote. Aber es wird weiter Todesfälle geben. Ich glaube, wir müssen nicht mehr ganz so sorgenvoll sein. Doch wenn wir im letzten Drittel dieses Rennens leichtsinnig werden, könnten wir am Ende das Ziel verpassen.

Corona-Experte macht Hoffnung: „Zwei Drittel des Weges sind geschafft“

Der Fuldaer Immunologe Prof. Dr. Peter M. Kern ist ob der Corona-Entwicklung zuversichtlich.
Derzeit gibt es Öffnungen in vielen Bereichen, wir sehen 60.000 entfesselte Fans im Londoner Wembley-Stadion. Parallel steigen die Fallzahlen fast überall. Um im Bild des Rennens zu bleiben: Sind die Briten zu schnell?
Blickt man allein auf die Tödlichkeit dieser Pandemie, kann man den britischen Weg der vollständigen Öffnung gut nachvollziehen, denn die pandemiehafte Mortalität ist sicher gebrochen. Die Briten werden wohl keine Übersterblichkeit mehr haben, aber dennoch deutlich mehr weitere Corona-Todesfälle. Das ist die Konsequenz des britischen Weges.
Und wir hier in Deutschland?
Erklärtes Ziel hierzulande war und ist, so viele Todesfälle wie möglich zu vermeiden. Unter dieser Prämisse bedeutet der britische Kurs zu viel Lockerungen. Ich halte es jedoch für naiv zu glauben, mit unserem vorsichtigeren Weg könnten wir alle Todes- oder Krankheitsfälle verhindern. Richtig wäre, die Corona-Maßnahmen altersspezifisch zu betrachten. Denn nach wie vor ist die Letalität stark abhängig vom Alter. Das Risiko eines 75-jährigen Infizierten, an Covid-19 zu sterben, ist 1000 Mal so hoch wie das eines 25-Jährigen.
Sind die Geimpften denn wirklich sicher?
Nicht 100 Prozent. Der Schutzgrad hängt vom eigenen Immunsystem und von der Wirkung der Impfung auf die jeweilige Virusvariante ab. Aus den bisherigen Analysen zeichnet sich als statistischer Wert ab, dass eine vollständige Impfung zu etwa 80 Prozent vor einer Infektion mit Delta schützt. Noch viel wichtiger ist, dass sie vor einem tödlichen Verlauf einer Infektion zu über 95 Prozent schützt! Das gilt in etwa ebenso für den Immunschutz nach durchgemachter Infektion. Das wäre dann die Basis für unsere neue Normalität.
Für wie gefährlich halten Sie die Delta-Variante?
Die Delta-Variante ist zwar deutlich ansteckender, aber zum Glück nicht tödlicher als die Alpha-Variante. Mehr Ansteckungen heißt aber eben auch mehr Erkrankungen und dadurch mehr Todesfälle! Insofern müssen wir Delta sehr ernst nehmen.
Stimmen Sie der Einschätzung zu, Corona werde aufgrund der fortschreitenden Impfung eine Krankheit ähnlich der normalen Grippe?
Das CoV-2-Virus und das Influenzavirus sind nicht vergleichbar, CoV-2 ist viel gefährlicher, und zwar wegen der viel höheren Ansteckungsrate. Die Krankheiten Covid und Grippe sind – für sich betrachtet – ebenfalls nicht vergleichbar. Covid ist bei Älteren viel gefährlicher. Dass wir die Folgen des Coronavirus auf das Niveau von Grippe-Infektionen drücken können, liegt an den ergriffenen Maßnahmen. Wir hatten bei der Grippe nie solche Impfquoten wie jetzt im Kampf gegen Sars-CoV-2 und nie „AHA-Regeln“. Dadurch bauen wir einen viel höheren Schutzwall auf. Aber das Coronavirus wird sich immer anders verhalten als ein Influenzavirus.
Manche Politiker schließen schon jetzt einen weiteren Lockdown im Herbst aus. Halten Sie das für richtig?
Welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, wird von den Auswirkungen der steigenden Infektionszahlen auf die Bevölkerung abhängen. Das können wir derzeit nicht genau abschätzen. Wenn wir es schaffen, die vulnerablen Gruppen zu schützen, werden wir Covid-19 auch wie andere Krankheiten behandeln können – ohne dass es tiefgreifende Maßnahmen geben muss.
Derzeit lässt die Impfgeschwindigkeit nach, auch weil sich doch relativ viele Menschen nicht impfen lassen wollen. Besorgt sie das?
Eine Pandemie kann nur durch Immunität überwunden werden. Und zur Immunität führen nur zwei Wege: Impfung oder Infektion. Die Vorstellung, dass man sich irgendwie um das Virus herumdrücken könnte, halte ich für fürchterlich naiv. Sars-CoV-2 wird in der Welt bleiben und immer wieder versuchen, die Ungeschützten zu befallen. Verstecken ist bei diesem Virus keine Option. Wer sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später infizieren.

Corona-Experte rechnet nicht mit vielen infizierten Reiserückkehrern

In Hessen haben die Ferien begonnen: Spricht etwas gegen Reisen in diesem Sommer?
Das hängt von den tatsächlichen Infektionszahlen vor Ort ab. In den meisten Reisegebieten sind die Inzidenzen sehr niedrig. Das ändert sich etwa in Großbritannien, Irland oder in den Niederlanden gerade. Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass viele Urlauber infiziert zurückkehren. Ich sehe die Gefahren eher bei den Viren, die schon im Land sind. Die Delta-Variante dominiert mit 75 Prozent inzwischen schon das Infektionsgeschehen. Generell würde ich empfehlen, in Niedriginzidenzgebiete zu reisen und Hochinzidenzgebiete zu meiden.
Auch an den Schulen sehnt man sich nach Normalität. Erwarten Sie nach den Ferien einen reibungslosen Präsenzunterricht?
Daran glaube ich nicht. Die Neuinfektionen gerade unter jungen Menschen werden wieder zunehmen, und die Politik wird darauf mit Restriktionen reagieren. Um die Schulen uneingeschränkt offenzuhalten, wäre ein politischer Paradigmenwechsel nach britischem Vorbild nötig.

Hinweis

Dieses Interview ist ursprünglich in der Printausgabe der Fuldaer Zeitung erschienen. Die Langfassung finden Sie in der Samstagausgabe (17. Juli) der Fuldaer Zeitung sowie im E-Paper.

Halten Sie persönlich den deutschen oder den britischen Weg für besser?
Ich plädiere für einen Mittelweg. Der englische Weg ist getragen von der Grundhaltung, eine generelle Übersterblichkeit zu verhindern und nimmt vermeidbare Opfer in Risikogruppen in Kauf. Der deutsche Weg hat dagegen das Ziel, möglichst alle Infektionen zu vermeiden, was illusorisch und unnötig ist. Ich plädiere für einen adaptierten Weg, der sich nicht allein an der „Inzidenz“ orientiert, sondern die relevanten Risikofaktoren berücksichtigt. Wir werden eine gewisse Covid-Todesrate als Gesellschaft akzeptieren müssen, wie wir das auch bei anderen Erkrankungen tun. Und wir müssen wirksame Therapien entwickeln!
Würden Sie darüber gerne einmal mit dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach diskutieren, der beharrlich vor Delta und den Folgen warnt?
Es gibt durchaus Verbindendes bei uns beiden. Was uns unterscheidet: Herr Lauterbach hat sich schon 1000 Mal öffentlich zur Pandemie geäußert und ich nur 10 Mal. Was uns verbindet ist, dass wir beide 10 Mal richtig gelegen haben (lacht).

Rubriklistenbild: © Jacqueline Kleinhans

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema