1. Fuldaer Zeitung
  2. Fulda

Corona sorgt für Fahrrad-Engpass: Käufer müssen bis zu ein Jahr auf ihr Wunschrad warten

Erstellt:

Von: Alina Komorek

Wer sich ein neues Fahrrad zulegen will, der muss lange warten. Die Händler sitzen wegen Corona-bedingten Engpässen auf dem Trockenen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage.

Fulda - Bei fast allen Fahrradmarken kommt es derzeit zu Lieferengpässen. Käufer müssen mit Lieferzeiten von bis zu einem Jahr rechnen. Ursachen dafür gibt es mehrere: Erstens ist seit Beginn der Corona-Pandemie die Nachfrage stark gestiegen. Zweitens haken die Lieferketten weltweit. Und drittens stockt häufig die Produktion der Fahrradteile wegen Covid-Fällen in Asien.

Dass bestellte Räder über lange Zeiträume nicht im Geschäft ankommen, weiß Frank Kaiser von Fahrrad Keller in Fulda. „Ich warte noch auf 60 E-Bikes, die im Januar 2021 kommen sollten.“ (Lesen Sie auch: Corona-Trend Fahrrad: Immer mehr E-Bikes fahren durch den Wald)

Corona: Lieferengpässe bei Fahrrädern - Bis zu einem Jahr Wartezeit

Kaiser vermutet, dass es noch drei bis vier Jahre dauern wird, bis sich die Liefersituation normalisiert hat. „Es dauert ewig, bis das wieder läuft – das zeiht einen Rattenschwanz hinter sich her“, erklärt er mit Blick auf die Produktions- und Transportketten. Er rät allen, die in sein Geschäft kommen: „Wunschfarben gibt es nicht. Wenn’s passt, nimm’s mit.“

Auch Kai Nüchter von Velocultour in Neuhof gibt an, dass sich etwa 30 bis 40 Prozent der bestellten Lieferungen verspäten – und dann auch gleich um drei bis sechs Monate. Seiner Kundschaft bietet er häufig Alternativen an, wenn das Wunschfahrrad nicht lieferbar ist. „Früher war es so, dass man die Hälfte für das Sortiment und die andere Hälfte auf Wunsch der Kunden hin bestellt hat“, sagte Nüchter. „Inzwischen muss ich schon jetzt überlegen, was ich 2023 geliefert bekommen möchte.“ (Lesen Sie auch: Spar-Idee in der Corona-Krise: Ganz einfach wird aus dem eigenen Fahrrad günstig ein E-Bike)

Jens Salomon Geschäftsführer von „Bike 950“. Er berichtet, dass er frühzeitig auf die Lieferengpässe reagiert habe. „Geschäfte bekommen nur 25 Prozent der Bestellungen geliefert. Wir haben deshalb gepokert und mindestens 50 Prozent mehr bestellt als sonst.“ Damit könne der Fahrradladen nun die meisten Kundenwünsche erfüllen. Aber: „Als Händler kann ich keine festen Zusagen für ein Rad geben. Es fehlen häufig einzelne Teile, die aber in allen Rädern verbaut werden, sodass alle Marken und Modelle betroffen sind“, sagt Salomon.

Lieferprobleme: Viele Fahrräder bei Hersteller „Cube“ nicht verfügbar

„Cube“ heißt die Marke, die die beliebtesten Räder herstellt, wie eine Umfrage von Check24 ergeben hat. Auf der Seite des Unternehmens steht bei den Produkten der Hinweis: „Aufgrund der aktuell durch Covid-19 verursachten Probleme in den Lieferketten kann das Bike mit Abweichungen geliefert werden.“ Abweichungen? Kann das bedeuten, dass die Ausstattung, Größe oder Farbe, in der sich jemand das Rad wünscht, vielleicht gar nicht verfügbar ist – und dann anstelle eines blauen Bikes ein pinkes zugesendet bekommt? Leider antwortet die Marke mit Sitz in Bayern nicht auf diese Fragen.

Also wird weitergesucht, auf anderen Internetseiten. Meist muss man das Produkt selbst gar nicht anklicken, sondern liest schon auf der Übersicht: „Nicht verfügbar“ – ohne Hinweis darauf, wann das Rad in der passenden Größe wieder lieferbar ist.

„Billiger wird es sicher nicht“: Handelsverband rät jetzt zum Fahrrad-Kauf

Tobias Hempelmann ist Vorstandsmitglied im Verband des deutschen Zweiradhandels. Dass seit den vergangenen zwei Jahren viele Menschen ein Fahrrad kaufen, führt er vor allem auf die Pandemie zurück: „Viele sind wegen Corona vor den öffentlichen Verkehrsmitteln geflüchtet. Dann haben viele Urlaub in Deutschland gemacht – mit dem Rad. Und es handelt sich um einen Sport, den man immer machen durfte und der für die ganze Familie geeignet ist.“

Hempelmann empfiehlt Interessierten, sich bald ein Rad zu kaufen: „Billiger wird es sicher nicht. Und im Februar sind die Geschäfte noch gut bestückt“, sagt er mit Blick auf die verkleinerten Bestände und lange Lieferzeiten im Handel.

Wer online ein Fahrrad bestellen will, muss aktuell geduldig und flexibel sein.
Wer online ein Fahrrad bestellen will, muss aktuell geduldig und flexibel sein. © Zacharie Scheurer/dpa

Zum Thema Anstieg der Preise erklärt Tim Salatzki, für den Zweirad-Industrie-Verband (ZIV): „E-Bikes verzeichnen die größte Nachfrage, und die bewegen sich auf einem hohen Preisniveau.“ So habe es in der Entwicklung von Fahrrädern, vor allem bei solchen mit elektrischer Tretunterstützung, in letzter Zeit einige Qualitätssprünge gegeben.

Außerdem seien die Transportkosten für die Fahrradteile gestiegen. „Die Erhöhung der Containerpreise wird auf das Produkt umgelegt – die Fahrradbranche versucht schon gegenzusteuern und produziert in Europa, um die Lieferwege zu verkürzen“, beschreibt Salatzki die Entwicklungen in der Branche.

Corona-Fälle bei Shimano - Radteile-Produzent macht ganze Fabriken dicht

Neben Lieferketten, die durch die Pandemie ins Stocken geraten sind, und dem schnell entstandenen Fahrradboom gibt es noch einen Grund für die Engpässe: In den meisten Rädern sind Teile, vor allem die Verschleißteile, von einem einzigen Hersteller verbaut: vom japanischen Produzenten Shimano. Felix Lindhorst spricht für den Bundesinnungsverband des Zweirad-Handwerks und sagt: „Bremsen, Schaltwerke, Ketten... Bis auf die Rahmen stellt Shimano alles her.“

Die Shimano-Fabriken befinden sich in Asien – und dort werden Fabriken häufig komplett geschlossen, sobald nur wenige Corona-Fälle auftreten. Die Lücken, die das in die Produktionsketten reißt, seien bei gleichzeitig hoher Nachfrage und Transportproblemen nur verzögert schließbar. Lindhorst sagt, dass alle Marken und ihre verschiedenen Modelle gleich stark betroffen sind. „Shimano ist der größte Hersteller, weil er von günstiger bis zu Premiumware alles abdeckt.“ 

Auch interessant