Um den Nachwuchs in Fahrschulen steht es aktuell schlecht.
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Durch den Corona-Lockdown im Frühjahr konnten Tausende Prüfungen nicht stattfinden – und wegen der Coronaregeln sind die Fahrschulen derzeit überlastet. (Symbolbild)

Schulen am Limit

Fahrschüler im Prüfungsstau - Wegen Corona dauert es beim Tüv länger

  • vonMarius Scherf
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Corona sorgt auch in den Fahrschulen für Staus. Durch den Lockdown im Frühjahr konnten Tausende Prüfungen nicht stattfinden – und wegen der Coronaregeln sind die Fahrschulen derzeit überlastet. Auf die erste Fahrstunde müssen Schüler manchmal Wochen warten.

Fulda - 20.000 Fahrprüfungen konnten in der Zeit des ersten Corona-Lockdown durch den Tüv Hessen nicht abgenommen werden. Das berichtet Uwe Herrmann, Leiter der Technischen Prüfstelle Hessen, unserer Zeitung. „Die Fahrschulen durften erst wieder ab Ende Mai ausbilden, und bereits vorhandene Anträge zur Prüfung, die normalerweise in dieser Zeit abgelaufen wären, behielten ihre Gültigkeit.“ Die Folge: Die Zahl der zu prüfenden Fahrschüler staute sich. Mittlerweile habe man die Situation im Griff, die Zahlen bewegten sich fast wieder auf dem Niveau von vor Corona. Im Oktober habe der Tüv Hessen 9400 Fahrprüfungen abgenommen. 8800 waren es im Vorjahresmonat.

„Wir haben alles versucht, um der Prüfungen Herr zu werden“, sagt der 57-Jährige. Etwa durch veränderte Abläufe: Normalerweise treten am theoretischen Prüfungstag eine ganze Reihe Fahrschüler an, die – in Gruppen aufgeteilt – nacheinander geprüft werden. Nun sei es möglich, dass ein Prüfplatz gleich wiederbesetzt wird, sobald er frei wird. Es muss also nicht gewartet werden, bis eine Gruppe fertig ist. Aufgrund der geltenden Abstandregeln ist aber nur noch eine reduzierte Zahl von Prüflingen in einen Raum zugelassen. Wo zuvor zehn Menschen Platz fanden, kommen nun nur noch sechs unter.

Durch Corona: Interesse am Führerschein steigt - Das sorgt für Stau beim Tüv Hessen

Dabei sorgt Corona dafür, dass das Interesse am Führerschein steigt – zumindest bei einer bestimmten Art von Fortbewegungsmitteln: Im Juni gab es einen Boom bei Motorradführerscheinen, berichtet Herrmann. „Erst kam das Klopapier, dann das E-Bike und schließlich der Klasse-A-Führerschein“, sagt er. Im Vergleich zum Vorjahresmonat wurden im Juni 391 mehr Prüfungen in Fahrschulen durchgeführt. Das entspricht einem Plus von 20 Prozent. Der Grund für die gestiegene Nachfrage: „Viele konnten nicht in den Urlaub und haben sich anderweitig überlegt, was sie im Sommer mit ihrem Geld machen können“, vermutet Herrmann. Auch die Unabhängigkeit von Bus und Bahn könnte eine Rolle gespielt haben.

Das sagen Fahrschüler

Die 18-jährige Schülerin Melissa Schäfer macht gerade ihren Führerschein bei der Fahrschule Gottfried Weber in Fulda: „Meine Theorieprüfung hatte ich schon. Ich musste aber dann leider sechs Wochen auf meine erste Fahrstunde warten. Es verzögert sich durch Corona gerade alles. Schade für uns alle. Unter anderen Umständen könnte ich schon meinen Führerschein haben.“

Die 17-Jährige Schülerin Paula Diegelmann arbeitet im Nebenjob in der Fahrschule Gerhard Weber, wo sie vor einem Monat auch ihren Autoführerschein abgeschlossen hat. „In der Pandemie haben sich viele Schüler angestaut, und es kamen auch immer neue Anmeldungen hinzu. Das hat die Sache nicht gerade einfach gemacht. Wir haben auch fast nur Schüler, und die können eben nur nach der Schule. Wenn es schlecht läuft, müssen die auch zwei bis drei Wochen auf ihre Fahrstunden warten.“

Auch die Fahrschulen in der Region leiden unter den Engpässen beim Tüv, wo die Fahrprüfungen abgelegt werden. „Der Tüv stellt für uns momentan ein Riesenproblem dar“, sagt etwa Roland Klein, Fahrlehrer bei der Fahrschule Brieger in Fulda. Dort würde man gerne mehr Schüler durch die Prüfung bringen, doch die Plätze sind begrenzt. „Jede Fahrschule bekommt, je nach Größe, nur eine bestimmte Anzahl an theoretischen wie praktischen Prüfungsplätzen zugewiesen“, erklärt Christine Leyendecker von der Fahrschule Krebs in Fulda. „Die Fahrschulen in der Region sind daher alle ziemlich gut belegt.“

Schon vor Corona: Starker Andrang in Fahrschulen - Mangel an Fahrlehrern

Auch wenn sich die Lage langsam entspannt – wegen Corona werden in der Region bis Jahresende wohl insgesamt weniger Fahrschüler ihren Führerschein gemacht haben als 2019. Insgesamt 3727 Fahrerlaubnisse wurden im Landkreis Fulda 2019 erteilt – 2808 sind es bisher in diesem Jahr.

Im ersten Corona-Lockdown durften keine Prüfungen durch den Tüv abgenommen werden?

Das ist nicht ganz richtig. Für Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und in ihrem Job viel umherfahren müssen, galt eine Ausnahme. Sogenannte „Systemrelevante Fahrerlaubnisprüfungen“ waren daher sowohl für Krankenfahrer als auch für Lkw- und Busfahrer möglich.

„Es hat sich einiges angestaut“, berichtet auch Frank Dreier, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Hessen. Allerdings habe es auch schon vor Corona einen starken Andrang in den Fahrschulen gegeben. Es mangele an Fahrlehrern, und man könne weniger Praxisstunden durchführen – auch weil die Autos nun innen öfter desinfiziert werden müssen. (Lesen Sie hier: Auch in Thüringen herrscht ein Mangel an Fahrlehrern)

Verschiebungen der Prüfungen könnte Fahrschulen wegen Corona noch länger begleiten

„Bei Fahrschülern ist jetzt Geduld erforderlich. Prüfungen können sich auch jetzt noch bei mir bis zu zwei Monate verschieben“, sagt Jürgen Wehner, Inhaber der Fahrschule Mihm in Fulda. Alleine durch den ersten Corona-Lockdown konnten 60 Schüler nicht geprüft werden. In den Räumen seiner Fahrschule können zurzeit nur 10 Leute gleichzeitig unterrichtet werden, vorher waren es 30. Wo er früher für eine Lektion einen Tag brauchte, sind nun drei erforderlich, um alle Schüler unterzubekommen. „Wenn jetzt auch noch einer der vier Fahrlehrer bei mir ausfallen würde, wäre das eine Katastrophe.“

Mit einer Entspannung, wie sie der Tüv Hessen bei den Prüfungen in Aussicht stellt, rechnet Wehner in seiner Fahrschule sobald nicht. „Die Verschiebungen dürften die Fahrschulen noch bis Mitte nächsten Jahres begleiten.“ Die Lage könnte sich sogar noch verschlechtern: „Falls die Schulen wieder schließen müssen, ist bei uns auch wieder Schluss.“

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