Ein rot-weißes Flatterband ist an Fahrradtrainern befestigt, die in einem Fitnessstudio stehen.
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Ein rot-weißes Flatterband ist an Fahrradtrainern befestigt, die in einem Fitnessstudio stehen.

Im Corona-Lockdown

Präsidentin des Sportstudio-Verbandes: Schließung der Fitnessstudios „unverschämt“ - So ist die Lage in Fulda

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Im Schatten der Corona-Pandemie verstauben seit Monaten die Sportgeräte der Fitnessstudios. Sportler müssen umdenken und verlagern ihre Aktivitäten ins Private – mit Folgen für die Studios? 

Fulda - Mindestens dreimal in der Woche verabredet sich der Erhan Sarvan aus Fulda mit seinem Kumpel zum Trainieren. In einer 25 Quadratmeter großen Garage haben sich die Freunde ihr eigenes Fitnessstudio mit Hantelbank, Lastzug und Co. aufgebaut. „Was blieb uns auch anderes übrig? Wir waren aufgrund des Lockdowns gezwungen, nach Alternativen zu suchen“, erklärt der 25-Jährige mit Blick auf die Corona-Pandemie. Ähnlich ergeht es Sportstudent Jannes Ehresmann, der gewöhnlich viermal in der Woche ins Studio geht. „Jetzt treibe ich jeden Tag daheim Sport. Das Gleiche ist es aber nicht“, bedauert der 22-jährige Petersberger.

Hinzu kommt, dass Sportgeräte aufgrund der hohen Nachfrage derzeit seltene und teure Ware sind. Eine Marktlücke, auf die auch zahlreiche Discounter in den vergangenen Wochen gestoßen sind und entsprechende Produkte angeboten haben. Zudem liegen digitale Fitness-Angebote im Trend. Das beste Beispiel ist der US-Konzern Peloton, der teure Fitnessgeräte für zu Hause und dazu passende Kurse anbietet – für mittlerweile 1,3 Millionen Nutzer. Die Aktie des Unternehmens stieg von 20 Euro im Februar 2020 auf aktuell über 125 Euro. Viele Freizeitsportler haben sich der Situation in der Corona-Pandemie angepasst und die eigenen vier Wände zum Kraftraum umgestaltet. Ist das das Ende der Fitnessstudios?

Corona-Lockdown: Fehlen den Fitnessstudios die Kunden? So ist die Lage im Landkreis Fulda

„Auf keinen Fall“, entgegnet der 49-jährige Hassan Chlili, Inhaber des Fit & Fun Petersberg. „Über Jahre kaufen sich Menschen Fitnessgeräte, die am Ende kaum genutzt werden, weil die Motivation fehlt.“ Allerdings sind viele von Chlilis Kollegen alarmiert: „Wir müssen damit rechnen, dass wir einen Verlust von etwa zwei Millionen Mitgliedern haben werden“, erläutert Birgit Schwarze, Präsidentin des Deutschen Sportstudio-Verbandes (DSSV), auf Nachfrage. Vor dem Corona-Lockdown waren rund 12 Millionen Deutsche in einem Fitnessstudio angemeldet. Chlili aber relativiert: „Die Kündigungsrate ist identisch mit der aus den vergangenen Jahren. Es fehlen uns eben die Neukunden.“

Tatsächlich sind die Monate Januar und Februar die wichtigsten für Fitnessstudios, weil Kunden mit guten Vorsätzen ins neue Jahr starten. So kommt mindestens ein Drittel der jährlichen Neuanmeldungen in den ersten beiden Monaten zustande. „Ich gehe aber davon aus, dass der Trend der guten Vorsätze auch nach dem Lockdown anhalten wird“, zeigt sich der 49-Jährige zuversichtlich.

Inhaber des Fit & Fun Fulda glaubt, dass Kunden nach Corona-Lockdown den Weg ins Fitnessstudio finden

Jetzt aber bestimmen fehlende Beitragszahlungen und anstehende Rechnungen den Alltag der Betreiber im Landkreis Fulda. Wie auch das Fit & Fun verzichtet ein Großteil der Fitnessstudios auf die monatliche Zahlung ihrer Mitglieder. Rechnungen werden aktuell mit Rücklagen beglichen – auch, weil die Hilfen vom Staat ausbleiben. „Wir warten immer noch auf die November- und Dezemberhilfe“, ärgert sich der Inhaber, der in seinem Petersberger Studio 2830 Mitglieder betreut. Lediglich Abschlagszahlungen wurden durch den Staat geleistet. Die finanzielle Situation in der Corona-Pandemie ist ernst.

Video: Kommt die Fitnessstudio-Pleitewelle wegen Corona?

Hoffnungsvoll stimmt eine Umfrage unserer Zeitung, nach der ein Großteil der Sportler nach der Öffnung wieder das Angebot der Fitnessstudios in Anspruch nehmen möchte. „Es ist einfach etwas anderes. Das Miteinander, der Austausch, die Motivation und die Vielzahl der Trainingsmöglichkeiten“, betont Ehresmann. Zwar räumt Chlili ein, dass digitale Angebote eine Hilfe seien. Das Persönliche, die Geräte, Atmosphäre und persönliche Beratung könnten allerdings nicht ersetzt werden. Auch die DSSV-Präsidentin Schwarze betont, dass das Fitnessstudio kaum zu ersetzen sei. „Wir müssen bedenken, dass das Durchschnittsalter in den Studios bei 42 Jahren liegt. Gerade für ältere Menschen ist eine korrekte und gezielte Anleitung der Übungen wichtig.“ Deshalb geht Chlili davon aus, dass nach der Wiederöffnung nach dem Corona-Lockdown so gut wie alle Mitglieder den Weg ins Fitnessstudio zurückfinden werden. „So war es auch nach dem ersten Lockdown.“

Schließung der Fitnessstudios im Corona-Lockdown ist „unverschämt“ - DSSV-Präsidentin wird deutlich

Von einer baldigen Öffnung im Corona-Lockdown ist allerdings nicht auszugehen. Die anhaltende Schließung stößt aufgrund der hohen Hygienestandards in den Fitnessstudios auf Unverständnis bei den Mitgliedern. Chlili selbst ist zwiegespalten: „Ich kann die Politik verstehen. Für uns ist es aber extrem bitter, da wir hohe Hygienestandards haben und keinen Corona-Fall im Fit & Fun hatten.“

Die Präsidentin des DSSV wird deutlicher und bezeichnet die Schließung im Corona-Lockdown als „unverschämt“. „Bestimmten Entscheidungsträgern ist anscheinend nicht klar, welche Rolle Sportstudios in der Gesellschaft haben.“ Aufgrund des Sportmangels sei daher nicht auszuschließen, dass Menschen schneller krank werden und ein schlechteres Immunsystem im Kampf gegen das Coronavirus haben. „Das bemängeln wir massiv“, betont Schwarze.

Drei Fragen an Peter Spahn (52), Inhaber des Paradiso Beauty & Fitness Clubs in Fulda

Haben Sie Verständnis für die anhaltende Schließung der Fitnessstudios?
Das Training dient als Stärkung des Immunsystems und ist damit nicht nur in meinen Augen, sondern auch in der unserer Kunden „persönlichrelevant“ – für die Politik aber anscheinend nicht systemrelevant. Fitnessstudios sind der größte Gesundheitsanbieter in Deutschland, und die Kunden zahlen ihre Beiträge selbst. Die erste Krankenkasse, die IKK Südwest, berichtet aktuell über explodierende Gesundheitskosten aufgrund geschlossener Fitnesseinrichtungen. Daher fordert sie deren schnellstmögliche Öffnung. Wann erkennt die Politik, dass wir keine Freizeiteinrichtung sind? In Freizeitbetrieben arbeiten weder Sportwissenschaftler, anerkannte orthopädische Rehasport-Trainer oder Master in Prävention und Gesundheit. 
Für Sportler rücken nun digitale Angebote in den Fokus. Haben Sie Angst, Kunden zu verlieren? 
Angst habe ich eher vor einer Verlängerung – der Verlängerung der Verlängerung. Sich selbst zu Hause auf Dauer für Sport zu motivieren, daran glaube ich beim besten Willen nicht. Jeder kennt den Stepper oder das Fahrrad, die oft nutzlos in der Ecke stehen. Fitness im Studio ist eben viel mehr, es ist für viele Menschen ein Teil des täglichen Lebens.
In Zukunft muss der Kunde zwischen Qualität, persönlicher Betreuung, Gruppentraining mit anspornendem Trainer oder einer billigen Variante entscheiden, die man vor einem Monitor absolviert. Welche Entscheidung er auch trifft, ich wüsste nicht, durch was Studios zu ersetzen wären.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
Während der Zwangsschließung haben wir uns dafür entschieden, keine Beiträge von unseren Kunden abzubuchen. Von der Novemberhilfe ist außer einer Abschlagzahlung nichts bei uns angekommen. Stattdessen fallen Kosten durch Löhne, Miete, Strom, Gas, Wasser, Leasings und Instandhaltung an. Wir Selbständigen verbrauchen gerade unsere Altersvorsorge zur Liquiditäts- und Arbeitsplatzsicherung. Sehr vielen Dienstleistern steht das Wasser nicht nur bis zur Unterlippe, sondern bereits in den Augen. Deshalb mein Wunsch, sobald der Lockdown zu Ende geht: Geht in Fulda einkaufen, geht wieder ins Restaurant, geht zum Training ins Studio. Wir Fuldaer Dienstleister brauchen euch mehr denn je – und zwar jeden Einzelnen.

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