Fitnessstudios leiden unter dem Lockdown. Sportgeräte sind mit Plastikplanen verhängt. // 17.04.2021: Europa, Deutschland
Die Fitnessstudios müssen nach der Corona-Notbremse schließen, wenn die Inzidenz in einem Kreis über 100 liegt.
+
Die Fitnessstudios müssen nach der Corona-Notbremse schließen, wenn die Inzidenz in einem Kreis über 100 liegt.

Folge der Bundes-Notbremse

Fitnessstudios verlieren in Corona-Krise Mitglieder: Existenzen gefährdet - „So langsam geht allen die Luft aus“

Die Fitnessstudios sind in den meisten Bundesländern weiterhin dicht – alte Mitglieder kündigen, neue bleiben fern. Die Aussichten für die Studios sind unsicher.

Berlin/Fulda - Was macht man mit einer Fitnessstudio-Mitgliedschaft, wenn man nicht trainieren gehen darf? Immer mehr Mitglieder kündigen derzeit ihre Verträge. Seitdem die Öffnungen immer nur verschoben würden, hätten die Menschen einfach keine Geduld mehr, sagt der Vorsitzende des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit (DIFG), Ralph Scholz. „Sie stellen sich die Frage: Warum sollen wir für eine Leistung bezahlen, die wir nicht in Anspruch nehmen können?“

Die Kunden sind außerdem oft selbst knapp bei Kasse. Viele Minijobs etwa in der Gastronomie sind weggefallen, andere Menschen sind in Kurzarbeit. Folge: Unnötige Verträge werden aufgelöst. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Hessen auf dem Laufenden.)

Corona: Fitnessstudios verlieren Mitglieder - „So langsam geht allen die Luft aus“

Jahrelang ist die Nachfrage nach Fitnessstudios immer weiter gestiegen. 2019 verzeichneten sie gut 11,6 Millionen Mitglieder. Dann kam Corona. 2020 hat die Branche dem Arbeitgeberverband für Fitness- und Gesundheitsanlagen DSSV zufolge rund 11,6 Prozent ihrer Kunden verloren. Von den verbliebenen 10,3 Millionen büßte sie bis Ende März weitere 13 Prozent ein, wie aus einer Befragung von über 2600 Fitness- und Gesundheitsanlagen hervorging.

Dank guter Vorsätze erlebt die Branche normalerweise am Jahresanfang immer einen Boom – der blieb 2021 aus. In diesem Jahr wurden bislang kaum Verträge abgeschlossen. Im Sommer gewinnen die Studios traditionell wenig Kunden. Erst ab September erwartet der DIFG, dass die Nachfrage nach Mitgliedschaften wieder merklich steigt.

Die Lage in der Region

Hassan Chlili, Geschäftsführer von Fit & Fun Sport- und Fitness in Petersberg: „Auch wir haben zurzeit Berufsverbot, ich hoffe aber, dass wir im Juni oder Juli wieder öffnen können. Zum Glück haben wir ausreichend Rücklagen, denn seit Januar sind keine staatlichen Hilfen mehr geflossen. Wir buchen seit November keine Beiträge ab und haben deshalb eine sehr niedrige Kündigungsquote. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dennoch hoffe ich auf vorsichtige Öffnungen, zumal wir gemeinsam mit dem Ordnungsamt Petersberg ein Hygienekonzept erstellt haben: Auf 1600 Quadratmetern würden maximal 35 Mitglieder gleichzeitig trainieren – mit 24 Desinfektionsstationen, kostenlosem Mundschutz und Einweghandschuhen. Ich hoffe, dass dies bald wieder möglich sein wird.“

Maike Schneider, Betreiberin des Yoga- und Pilates-Studios Blaue Stunde in Fulda: „Wir sind sehr dankbar, dass viele unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer seit November freiwillig die Hälfte des Beitrags weiterzahlen. Wir bieten ihnen dafür nach wie vor Live-Online-Kurse und Videos für zu Hause an. Aber so langsam geht allen die Luft aus. Wie so viele hatten auch wir gehofft, nach Ostern wieder öffnen zu können.

Anstatt jetzt in Schockstarre zu verfallen, möchten wir in Bewegung bleiben und erarbeiten ein Konzept, dies im Freien zu ermöglichen. Mit Abstand an der frischen Luft und Tipps zur Selbstfürsorge. Den Menschen fehlt die Gemeinschaft, Resignation ist zu spüren, und das ist für die Gesundheit nicht zuträglich. Mein Ziel bleibt deshalb, weiterhin gute Energie weiter- und nicht aufzugeben. Schon heute gilt: Ich wäre so weit – lasst uns wieder anfangen.“

Claus Pieper, Gründer und Inhaber der Urbanic Fitness Lounge in Fulda: „Wir trainieren wieder in der Lounge – im gesundheitlichen 1:1-Training. Dies ist für unsere Kunden mit ärztlicher Bescheinigung möglich, da unsere EMS-Geräte medizinisch zertifiziert sind. Aber auch für unsere anderen Kunden sind wir via Online-Personal-Training da.

Doch der politische Leitfaden ist vor allem für uns Unternehmer aktuell schwer nachzuvollziehen. Verständnis bei so wenig Durchblick aufzubringen, ist aktuell nicht die leichteste Übung. Wir müssen zurück zur Normalität finden – auch wenn das heißt, mit Covid langfristig umgehen zu müssen. Hoffen wir, dass die Impfpolitik ein erster Schritt in diese Richtung ist und weitere, sinnvolle – die uns nicht in unseren Grundrechten beeinträchtigen – folgen.“

Problematisch ist für die Studios aber vor allem die Unsicherheit. Der „föderale Flickenteppich“ habe es kaum möglich gemacht, den Überblick zu behalten, was nun in welchem Land gelte, sagt Benjamin Roth, Co-Gründer des Sport-Flatrate-Anbieters Urban Sports Club. Die jetzt geltende Bundes-Notbremse sagt zwar, dass Fitnessstudios erst unter einer Inzidenz von 100 öffnen dürfen, doch durch die unterschiedlichen Werte ist die Situation in jedem Landkreis anders.

Video: In Wien startet Open Air Fitnessstudio den Betrieb

Auch Roth berichtet von sinkenden Mitgliedschaften und ruhenden Verträgen. Allerdings hätten viele Anbieter inzwischen auf Online-Kurse per Livestream oder Video umgestellt – diese würden sehr dankbar angenommen.

Auch Videos auf Youtube und Co. haben starke Abrufzahlen. Der Online-Trend ist aus Sicht des DSSV aber nicht unproblematisch: „Das ist bei weitem kein gleichwertiger Ersatz für ein Ausdauer- und/oder Krafttraining im Fitnessstudio“, sagt der stellvertretende DSSV-Geschäftsführer Florian Kündgen.

Ein zentrales Problem ist nach Ansicht der Verbände der Stellenwert von Fitnessstudios und Gesundheit. Florian Kündgen vom DSSV sieht die Politik in der Pflicht: „Fitnessstudios sollten nicht als Freizeit-Aktivität betrachtet werden, sondern als das, was es ist – ein gesundheitsförderndes Training.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema