Apotheken verkaufen weniger Antibiotika in Corona-Zeiten.
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Apotheken verkaufen weniger Antibiotika in Corona-Zeiten. (Symbolfoto)

Fuldaer Apotheker klären auf

Apotheken verkaufen weniger Antibiotika: Schützen die Corona-Maßnahmen auch vor anderen Krankheiten?

  • vonMarius Scherf
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Apotheker berichten derzeit von einem rätselhaften Phänomen der Pandemie: Der Verkauf bei bestimmten, auch frei verkäuflichen Medikamenten bricht ein. Woran liegt das? 

  • Apotheker berichten: Die Nachfrage nach bestimmen Medikamenten sinkt.
  • Die Apotheken in Fulda verkaufen weniger Antibiotika, Erkältungs- und Grippemittel.
  • Schützen uns Maskenpflicht und Desinfektionsmittel nicht nur vor Corona?

Fulda - Die Zahlen sind mehr als deutlich: „Im zweiten Quartal wurden laut Vertretern bis zu 70 Prozent weniger Erkältungsmittel verkauft”, sagt Justus Schollmeier, Inhaber der Fuldaer Altstadt-Apotheke. Ebenso ging just zu dem Zeitpunkt, als der Lockdown das öffentliche Leben lähmte, auch die Nachfrage in Schollmeiers Apotheke nach Antibiotika und sogar Fußpilzmittel zurück. Bewahren uns also Maskenpflicht und Desinfektionsmittel auch vor anderen Krankheiten? Oder verbreiten sich Bakterien und Viren weniger, weil die Menschen verstärkt zu Hause bleiben? Oder sind wir gar nicht seltener krank, sondern scheuen nur den Gang zu Arzt und Apotheker?

Nachfrage nach Medikamenten sinkt: Weniger Kranke in Corona-Zeiten?

Für Schollmeier ist der Grund klar: „Wenn wie derzeit weniger Gemeinschaftsduschen benutzt werden, dann sind ähnlich wie bei Erkältungen die Infektionsketten unterbrochen. Das würde mit den getroffenen Hygienemaßnahmen gut korrelieren“, sagt er. „Es wird vermehrt auf Hygiene geachtet, etwa durch Händewaschen. Eigentlich eine einfache Maßnahme, die immer wieder gepredigt wird.” Heißt also: Mehr Hygienemaßnahmen gleich weniger Krankheiten.

Davon geht auch Andrea Flügel, Inhaberin der Schloss-Apotheke in Eichenzell, aus: Durch die Hygieneregeln würden weniger potentielle Krankheitserreger wie Bakterien und Viren übertragen. „Es gibt wesentlich weniger Infektionen, als sonst um die Zeit üblich“, konstatiert sie. In ihrer Apotheke sind derzeit vor allem  freiverkäufliche Medikamente weniger gefragt, die bei genau solchen Infekten zum Einsatz kommen: „Der Rückgang betraf besonders Grippemedikamente sowie Präparate bei Magen-Darmerkrankungen.“ Die Kundenzahlen seien im April und Mai, also zur Zeit des Lockdowns, rückläufig gewesen. Aktuell liegen sie immer noch unter dem Vorjahresniveau. Laut einer Studie des Marktforschungsportals Aposcope stellt sich die große Mehrheit der Apotheker darauf ein, dass die Einbrüche im Geschäft bis mindestens Mitte 2021 anhalten.

Antibiotika-Nachfrage hat sich in der Löwen-Apotheke halbiert

Flügels Kollegin Ulrike Böhm-Rettberg von der Löwen-Apotheke in Hofbieber sieht den Grund für den Nachfragerückgang auch darin, dass die Menschen die Öffentlichkeit meiden: „Die Leute blieben und bleiben aufgrund der getroffenen Maßnahmen eher zu Hause, und sicherlich spielte dabei die Befürchtung, sich anzustecken, ein Rolle.“ Allerdings habe es durch die Kontaktbeschränkungen auch viel weniger Möglichkeiten gegeben, sich mit einer Krankheit anzustecken. Besonders deutlich war der Rückgang in der Löwen-Apotheke bei Antibiotika; er dürfte sich im Vergleich zu den Monaten im Vorjahr halbiert haben, sagt Böhm-Rettberg. „Normalerweise verzeichnen wir gerade nach der Faschingszeit höhere Ansteckungsraten, gerade bei Grippe-Infektionen. Das blieb diesmal aus. Corona hat dies gekappt.“ Doch auch seit den Lockerungen sei das Kundenaufkommen kaum spürbar gestiegen, beobachtet die Apothekerin.

Allerdings: Ähnlich wie bei Lebensmitteln wurden Medikamente zu Beginn der Pandemie im März regelrecht gehamstert, wie Böhm-Rettberg erläutert: „Viele Menschen waren verunsichert und haben sich mit Medikamenten eingedeckt.“ Justus Schollmeier von der Altstadt-Apotheke in Fulda beobachtete, dass vor allem bei verschreibungspflichtigen Arzneien Kunden sich das Medikament gleich mehrmals haben verordnen lassen. Das bestätigen auch die Zahlen des hessischen Apothekerverbandes: „Im März gingen die Medikamentenverkäufe um 25 Prozent nach oben, und es wurden 13 Prozent mehr an Rezepten verschrieben. Die Leute haben sich größere Packungen mit mehr Inhalt geholt, um einen Arztbesuch zu vermeiden. Sie hatten Angst vor einer Ansteckung in der Praxis”, sagt Pressesprecherin Katja Förster.

Scheuen die Menschen in Corona-Zeiten Arztbesuche?

Ralph-Michael Hönscher, Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorstandsvorsitzender des Ärztenetzes Gesundheitsnetzwerk Osthessen, glaubt nicht, dass die Menschen in der Hochphase der Pandemie weniger krank waren. „Die Krankheiten werden nicht plötzlich weniger. Die Anzahl der Infizierten bleibt auch in der Krise gleich“, sagt der Arzt. Seine Interpretation der gesunkenen Patientenzahlen: „Die Patienten haben Angst vor einer Infektion in den Praxen.” Dies habe zeitweise bedenkliche Formen angenommen. „Die Verunsicherung der Menschen führte dazu, dass sogar Vorsorgetermine abgesagt wurden.“ Vor allem chronisch kranke Menschen fürchteten sich vor dem Arztbesuch. Inzwischen seien die Zahlen wieder gestiegen, doch Hönscher appelliert eindringlich: „Die medizinische Vorsorge, vorhandene Erkrankungen und Impfungen sollten auf keinen Fall vernachlässigt werden.“

Apotheken beobachten ein seltsames Phänomen der Pandemie. (Symbolfoto)

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat festgestellt, dass die Patientenzahlen in den vergangenen Monaten „je nach Fallgruppe“ um 20 bis 30 Prozent zurückgingen. Über die Gründe möchte Pressesprecher Karl Matthias Roth nichts sagen: „Aus den Zahlen kann schwer geschlossen werden, ob die Menschen jetzt weniger krank werden oder nicht. Es bleibt Spekulation, ob jetzt einfach weniger zum Arzt gegangen wird, weil die Leute tatsächlich weniger krank sind, oder ob die Leute krank sind und einfach nicht gehen. Das sollte untersucht werden, wenn mehr Daten vorliegen“, findet er.

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