Welche Auswirkungen hat Corona generell und im Speziellen auf Kinder und Jugendliche? (Symbolfoto)
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Welche Auswirkungen hat Corona generell und im Speziellen auf Kinder und Jugendliche? (Symbolfoto)

Chefarzt aus Fulda im Interview

Homeschooling, Quarantäne, Isolierung: Welche Auswirkungen Corona auf Kinder und Jugendliche hat

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Das Fuldaer Herz-Jesu-Krankenhaus hat bisher über 200 Covid-Patienten behandelt. Viele von ihnen kämpfen noch Monate nach der Infektion mit Folgeschäden. Die Pandemie führt aber auch zu psychischen Problemen.

Fulda - Welche Auswirkungen Corona generell und im Speziellen auf Kinder und Jugendliche hat, erklärt der Chefarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda, Privat-Dozent Dr. Frank Theisen (52). Erst vor kurzem hatte Bernd Kronenberger, Chefarzt im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda, im Interview erklärt, dass die Sars-COV-2-Infektion in Phasen abläuft.

Dr. Theisen, Sie kennen sich als Chefarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit psychischen Problemen aus. Wie werden solche posttraumatischen Belastungsstörungen, ausgelöst durch eine schwere Corona-Infektion, behandelt?
Zunächst ist es wichtig, ein Sicherheitsgefühl wiederherzustellen und die weitere Entwicklung der Symptomatik zu verfolgen und Angehörige mit einzubeziehen. Bei Fortbestehen oder Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands sollte mit dem Hausarzt über weitere Behandlungsmöglichkeiten gesprochen werden.
Wie äußern sich Traumata?
Zu traumatischen Symptomen zählen zum Beispiel sich aufdrängende, wiederkehrende Erinnerungen, Träume, Gefühle im Zusammenhang mit dem Trauma, sogenannte Flashbacks, also ein Wiedererleben der Situation und auch ausgeprägte Vermeidung von sonst alltäglichen Dingen. Auch Erinnerungen können sich durch einen Schlüsselreiz aufdrängen, wie zum Beispiel ein Piepston, der an die Intensivstation erinnert und Panik erzeugt. Es entsteht ein schneller Herzschlag, weite Pupillen, Schweiß auf der Stirn und an den Händen, Luftnot, Angst. Der Umgang mit solchen Situationen oder Schlüsselreizen findet dann Eingang in die Therapie.

Fulda: Dr. Frank Theisen über Auswirkungen von Corona auf Jugendliche

Haben Sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie überhaupt viel mit Corona zu tun? 
Ja, zum einen hatten auch wir vereinzelt Corona-Fälle. Zum anderen mussten wir wegen der erhöhten Hygieneanforderungen Plätze schließen und konnten deshalb weniger Patienten behandeln. Vor 2020 haben wir im Durchschnitt 510 Patienten teil- oder vollstationär behandelt, 2020 waren es etwas über 400. Und es gab auch Eltern, die die Behandlung verschoben haben, weil sie Sorge hatten, ihr Kind steckt sich im Krankenhaus an. 
Bei Kindern sind starke Corona-Verläufe eher selten, aber der Umgang mit Corona und die Maßnahmen, etwa das Homeschooling, betreffen sie. 
Eine Kollegin drückte es ganz richtig aus: Das Nervenkostüm der Familie liegt blank. Homeoffice, Homeschooling, mitunter Quarantäne und Isolierung - Familien kommen gerade auf engstem Raum zusammen. Die Größe der Wohnung spielt hier eine Rolle bei der Frage, inwiefern sogenannte Stressoren entstehen, die in einer Störung münden können. Der Wegfall von Schule und Freizeitaktivität, von Vereinstätigkeit, Homeoffice, vielleicht die Angst, dass die Eltern krank werden oder ihre Arbeit verlieren, das sind alles Stressoren. 
Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?
Bei Ängsten gibt es oft konkretere Ängste - Angst vor Spinnen, Angst vor der Klasse zu sprechen. Wir haben aber den Eindruck, dass diffuse Ängste zugenommen haben, also dass Kinder Angst haben, aber nicht genau wissen, woran es liegt. 
Dr. Frank Theisen.
Was raten Sie Eltern, die solche Ängste bei ihren Kindern beobachten?
Sie sollten Zuversicht spenden und das Bild vermitteln, dass dieser Zustand, wie wir ihn jetzt haben, vorübergehend ist. Es gibt ja den Spruch „nichts ist so schlimm, wenn man weiß, dass es vorüber geht“. Bei schweren überdauernden Ängsten sollten sie professionelle Hilfe einholen.
Hat die Suizidalität zugenomen?
In der Statistik vollendeter Suizide oder Suizidversuche ist das nicht zu beobachten. Aber viele Kinder und Jugendliche befassen sich gedanklich mehr mit diesem Thema. Eine verstärkte Belastung durch Corona ist jedenfalls zu beobachten. 

Video: Wie sich der Corona-Lockdown auf Jugendliche auswirkt

In Schule und Kindergarten werden Freundschaften geknüpft. Diese soziale Komponente fällt beim Homeschooling nahezu weg. Ein Problem? 
Je nach Alter müssen Kinder sogenannte Entwicklungsaufgaben erfüllen. Dazu zählt der Aufbau von Sozial- und Kontaktverhalten. Schon im Kindergarten lernen sie, sich an Regeln zu halten, was Recht und Unrecht ist. Es entwickeln sich Freundschaften, später auch intime Freundschaften. Es stehen Fragen an: Was will ich werden? Wie will ich aussehen? Die ganze Identitätsentwicklung. Grundschule und weiterführende Schulen sind das Nahfeld der Kommunikation und Interaktion. Wenn das wegfällt, haben Kinder nicht die Chance zu lernen, sich in unterschiedlichen sozialen Rollen zu verhalten, beziehungsweise zu bewegen. Diese Entwicklungsmöglichkeiten werden ihnen gerade ein Stück weit vorenthalten.
Was steht uns bevor, wenn ganze Jahrgänge solche Entwicklungsaufgaben jetzt nicht erfüllen? 
Ich bin eigentlich zuversichtlich, dass die Kinder das wieder aufholen. Entwicklung - auch kognitive Entwicklung - passiert in Wellen, nicht kontinuierlich. Sie werden keinen Schaden durch Bildungsrückstände in diesem Jahr bekommen, hier kann einiges aufgeholt werden. Es wäre aber wichtig, dass die Schulen die Leistungen jetzt großzügig bewerten und niemand wegen Corona sitzenbleibt und zum Beispiel aus seiner Klasse raus muss. (Lesen Sie hier: Mit dem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden)

Das Interviews ist am 26. Februar in der Printausgabe der Fuldaer Zeitung erschienen.

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