Die Corona-Pandemie kann die Psyche belasten.
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Die Corona-Pandemie kann die Psyche belasten.

Interview mit Dr. Theisen

Corona-Pandemie setzt der Psyche stark zu – Experte aus Fulda verrät, wie man sich schützen kann

  • Lisa Krause
    vonLisa Krause
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Die Coronavirus-Lage spitzt sich zu. Für die Psyche ist solch ein Hin und Her pure Belastung und die dunkle Jahreszeit tut ihr Übriges. Doch man kann sich vor einer Depression schützen.

Fulda - Im Interview erklärt Dr. med. Frank Theisen, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda, warum die kürzer werdenden Tage das noch verschlimmern.

Ein zweiter Lockdown. Ein zweites Mal auf wichtige Dinge des sozialen Lebens verzichten. Was macht das mit unserer Psyche?
Obwohl es ein gesellschaftliches Geschehen ist, sind wir alle individuell betroffen. Trotz unserer Anstrengungen nun Lockdown-Einschränkungen als Ausdruck des kollektiven Scheiterns? Es fühlt sich an wie ein persönlicher Rückschlag, ja wie eine Strafe. Die empfundene mangelnde Selbstwirksamkeit äußert sich im Spannungsfeld zwischen Resignation, Genervtheit, Aggression und Leugnung. Letztere ist praktisch – aber gefährlich.
Als Gesellschaft ist es eine neue Erfahrung, mit einer länger andauernden Unsicherheit erzeugenden Situation zu leben. Nach jüngeren Studien während der ersten Welle sind auch Kinder und Jugendliche betroffen und berichten unter anderem über ein vermehrtes Stresserleben unter Corona.
Machen Corona-Folgen in dieser Jahreszeit mehr Menschen mental zu schaffen als im Frühjahr?
Der Winter verstärkt die Probleme doppelt: Einerseits epidemiologisch, weil wir uns in Kälte und Dunkelheit zwangsläufig mehr in Innenräumen aufhalten und wahrscheinlich weniger als im Sommer lüften. Andererseits psychisch, denn in der Tat ‚drückt‘ die vermehrte Dunkelheit auf das Gemüt. Es gibt beispielsweise mehr sogenannte saisonal abhängige Depressionen. Andererseits haben wir viele der diesjährigen Frühjahrs-Verunsicherungen überwunden und gesehen, dass wir die Ansteckungsgefahren durchaus beeinflussen können.
Wie merkt man, ob einem die Krise psychisch mehr zu schaffen macht, als es gut ist?
Das ist im Einzelfall sehr unterschiedlich und hängt von der Persönlichkeit und den Umständen ab. Daneben besteht das individuelle Corona-Risiko mit Sorgen aufgrund von Vorerkrankungen. Hinzu kommen weitere Risikofaktoren wie konfliktbelastete Familien, psychische Erkrankungen, Drogenkonsum, Probleme am Arbeitsplatz oder eventuelle Arbeitslosigkeit.
In Belastungssituationen werden wir dünnhäutiger, häufig kommt der Kern zum Vorschein. Die einen zeigen Antriebsarmut, gedrückte Stimmung und sozialen Rückzug. Andererseits sehen wir Gereiztheit, Impulsivität und Aggression, aber auch eine gewisse Zügellosigkeit, zum Beispiel im Umgang mit Alkohol. Problematisch wird es, wenn ich mich gedanklich ständig mit dem Thema beschäftige und ich vor lauter Grübeln, Sorgen und Zusatzbelastungen den Alltag nicht mehr bewältigen kann und auch Schlaf und Appetit darunter leiden.
Angenommen, die Einschränkungen gehen weit über den November hinaus: Viele Menschen stünden wieder vor dem Problem der Isolation. Was würden Sie ihnen raten?
Zunächst natürlich das Machbare machen, also unter Einhaltung der Hygienebedingungen versuchen, Isolation weitgehend zu verhindern. Natürlich ist es emotional nicht das gleiche, mit Abstand oder durch eine Scheibe zu kommunizieren, als umarmt zu werden. 
In der Krise tauchen immer wieder Signalwörter auf, die letztlich auf das ganze Leben anwendbar sind: Abwägen von Alternativen und Verhältnismäßigkeit und diese Abwägung gemeinsam mit den Personen durchführen, die vermehrt Risiken tragen, wie ältere und vorerkrankte Menschen.
Formelhafte Sätze oder Vorsätze können helfen, wie ‚Wir werden da schon durchkommen‘ oder ‚Besser so, als gar nichts‘. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass wir nicht alle Prozesse kontrollieren können. In unabänderlichen Situationen stellt sich die Frage der Bereitschaft zur ‚radikalen Akzeptanz‘, weil ich es eh nicht ändern kann. Im Rheinland heißt es ‚Et is, wie et is‘ und ‚Et kütt, wie et kütt‘.
Wie sieht es gerade bei älteren Menschen aus, deren soziales Netzwerk nicht so groß ist?
Das ist ein wirkliches Problem. Wie gesagt einerseits möglichst die Ausschöpfung der ‚unmittelbaren‘ Kontakte durch Besuche, wenn auch nur kurz mit erhöhten Schutzmaßnahmen und Abständen. Und zugleich auch aus der Not eine Tugend machen – mit Nutzung mittelbarer Kontakte wie Telefon, und das am besten regelmäßig.
In Institutionen könnten Antigen-Schnelltests helfen, Risiken zu reduzieren, auch wenn es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben wird. Wenn ich schon wenig Kontakt habe, sind tröstende Alternativen und Ablenkungen umso wichtiger. Ich höre oft die Formulierung ‚Zeitvertreib‘, eigentlich ein schlimmes Wort: Ich will die Zeit ja nicht vertreiben oder loswerden.

Die Corona-Pandemie setzt der Psyche zu - aber man kann sich schützen

Zur Person

Chefarzt Privatdozent Dr. med. Frank M. Theisen ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda.

Dr. Frank Theisen

Video: Was macht Corona mit unserer Psyche?

Sie meinen also, die freie Zeit bewusster wertschätzen?
Genau. Die Zeit sollte genossen werden. Könnten vielleicht frühere Interessen oder Hobbies aktiviert werden? Natürlich spielt auch der Medienkonsum wie Fernsehen bei der Ablenkung eine große Rolle. Aber was ist mit aktiveren Tätigkeiten, wie etwas Handwerklichem, Zeichnen, Malen oder Lesen? Hörbücher etwa sind eine hervorragende Alternative, wenn das Lesen nicht mehr klappt. Eine Schachpartie mit dem Enkel über Tage mit kurzen Telefonaten. In der gegenseitigen familiären Fürsorge sind regelmäßige verlässliche Kontakte, auch wenn sie nur kurz sein mögen, sehr hilfreich. Unsere Älteren haben es verdient, dass wir uns kreativ um Kontakte und Abwechslung bemühen.
Und trotzdem ist das Schreckgespenst Corona immer da. Lässt es sich nicht einfach ausblenden?
Leugnung stellt eine einfache, aber naive Strategie dar. Verdrängung und Ablenkung zählen zu den typischen Strategien. Mein früherer Chef hat oft gesagt, „wenn es einem gelingt, den täglichen Ärger als alltäglich zu akzeptieren, dann verliert er seinen Schrecken“. Also eine Akzeptanz des Unveränderlichen, auch mit den Infektions-Sorgen.
Vielleicht kriege ich meinen Kopf frei, wenn ich sage, „hygienemäßig hab‘ ich jetzt einfach mein Möglichstes getan und mehr kann ich auch nicht tun“. Am Ende ist eine individuelle Bewertung und Verarbeitung des möglichen eigenen Risikos notwendig. Hier können beide Extreme schädlich sein: Leugnung oder Panikmache. Schließlich hilft noch Relativierung: Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir niedrigere Fallzahlen und ein ziemlich gutes Gesundheitssystem. Oder: Mit weniger Lockdown hätten wir Verluste wie in den USA. Zusammen empfiehlt sich ein möglichst nüchterner Umgang mit konsequentem Einsatz von Sicherungsmaßnahmen, ohne in Panik zu verfallen.
Welche Strategien helfen, um mental auf der Höhe zu bleiben?
Achten Sie auf sich und Ihr Wohlbefinden. Wenn die eigenen Ressourcen erschöpft sind, können Sie auch anderen nicht helfen. Bei steigendem Stress werden leider häufig als erstes hilfreiche Aktivitäten eingeschränkt. Daher: Essen Sie gesund, begrenzen Sie Alkohol, Nikotin und andere Mittel. Versuchen Sie, genug zu schlafen, und treiben sie Sport. Selbst ein kurzer Spaziergang ist besser als nichts. Und: Begrenzen Sie Ihren Corona-Medienkonsum, etwa die Auseinandersetzung mit Infektionszahlen.
Wenn das alles nichts nützt: Ab wann sollte man sich ärztliche Hilfe holen?
Problematisch wird es, wenn man seinen Alltagsaufgaben nicht mehr richtig nachkommen kann. Zum Beispiel, wenn Schlafstörungen, Antriebslosigkeit vorliegen und Stimmungseinbrüche, Depression sowie panikartige Ängste mit sozialem Rückzug auftreten, sodass man sich nicht mehr aus dem Haus traut.
Ein letzter Tipp.
Vielen hilft bei den Einschränkungen der Freiheitsgrade und der damit verbundenen Ärgernisse doch die Gewissheit, dass dies zwar länger dauert, aber immer mehr absehbar wird. Statt sich verzweifelt an der Illusion einer möglichst raschen Beendigung des Zustandes zu klammern, sollten wir lieber pragmatisch versuchen, es uns gegenseitig in der Krisenzeit so erträglich und angenehm wie möglich zu machen und den Mut nicht zu verlieren.

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