Eine Frau mit Essstörungen betrachtet sich im Spiegel
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Für einige Menschen, die bereits an einer Essstörung leiden, hat die Corona-Pandemie wie ein Brandbeschleuniger gewirkt.

Corona als Brandbeschleuniger

Depressionen und Magersucht in Pandemiezeiten: 17-Jährige aus dem Kreis Fulda berichtet

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
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Sophie* hat im Leben mehr durchgemacht als viele in ihrem Alter. Sie ist 17, kommt aus dem Landkreis Fulda. Vor einigen Jahren beging ihr Vater Suizid. Das war der Zeitpunkt, als ihre Depression losging. Etwas später kam eine Essstörung hinzu. Corona hat die Probleme verstärkt. Seit November wird sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Fulda behandelt.  

Fulda - Mit leisen Schritten und in heller, beiger Kleidung betritt Sophie den Raum. Die 17-Jährige wirkt wie jemand, der nicht auffallen möchte. Wie jemand, der Probleme schon immer eher mit sich selbst ausgemacht hat. Eine ruhige, angenehme und freundliche Jugendliche, die sehr reflektiert ihre Situation beschreibt und beim Sprechen lächelt.

Sie trägt eine Kette mit einem Löwenanhänger, ein Glücksbringer, den sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hat. Als Zeichen, dass sie eine Kämpferin ist. Dass sie die Krankheit und all die selbstzerstörerischen Gedanken bezwingen wird. Sophie leidet an einer Depression und an Magersucht.

Fulda: 17-Jährige über Magersucht und Depressionen - Corona als Beschleuniger

So wie viele Mädchen – meist sind es Mädchen und junge Frauen –, die an einer Essstörung leiden und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Fulda behandelt werden. Die Pandemie hat die Zahlen von Patienten mit Essstörungen noch einmal in die Höhe schießen lassen. So werden in der Klinik derzeit bis zu drei- bis viermal mehr Betroffene stationär behandelt als vor Corona.

Bei Sophie haben die Probleme schon in jüngeren Jahren begonnen. „Es hat angefangen, als sich mein Vater umgebracht hat. Das war der Auslöser für die Depression“, erklärt die 17-Jährige. Auch bei ihr kamen danach immer mal wieder suizidale Gedanken auf. Gesagt hat sie das keinem. „Ich wollte niemanden belasten. Vor allem nicht meine Mutter.“ Zu ihr hat sie ein gutes Verhältnis.

Man kann sich leicht vorstellen, wie Sophie eigentlich immer das Kind war, das wenig Probleme machte und es lange nicht auffiel, dass es ihr nicht gut geht. Selbst als sie mit 14 anfing, stark abzunehmen, hörte sie zunächst – vor allem in der Schule – eher Komplimente als besorgte Worte.

75 Kilo wog sie damals. Wie viele es heute sind, mag sie nicht verraten. Ihre weite Hose lässt erahnen, dass sie sehr schlank ist. Das Gewicht ist immer noch Thema für sie – und die Rückkehr zu einem normalen Essverhalten ihre Baustelle, die wohl eine Weile noch nicht abgeschlossen sein wird.

17-Jährige aus Fulda berichtet: In der Schule warf sie das Frühstück in die Toilette

Damals in der Pubertät kamen dann schulische Probleme hinzu. Als sie von der Realschule auf die Hauptschule wechselte, war das für die ehrgeizige Jugendliche wie ein Schlag ins Gesicht: „Ich kam mir vor wie ein Versager. Das Abnehmen war für mich etwas Positives, obwohl ich da auch nie zufrieden war.“

Irgendwann kreisten ihre Gedanken nur noch ums Essen. Wenn ihre Mutter sie bat, doch „ein bisschen mehr“ zu sich zu nehmen, tat sie das nicht. Stattdessen ging sie laufen und machte Sport. „Wir haben Hunde, das war für mich eine gute Ausrede, mit ihnen Gassi zu gehen. Manchmal dreimal am Tag.“

In der neuen Schule fand sie zwar recht schnell Anschluss, doch auch dort zog sie sich zurück, sperrte sich in den Pausen in der Toilette ein und warf das Frühstück, das ihre Mutter ihr mitgab, fort. „Ich hatte soziale Ängste, andererseits war ich irgendwann einsam“, erinnert sie sich. Dann die sozialen Netzwerke mit ihren Bildern von perfekten Körpern, Urlaub und Partys: „Ich dachte so: Toll, die machen Party und ich habe kaum Freunde.“

Corona-Pandemie wirkte wie ein Brandbeschleuniger

Als die Pandemie losging, war das ein weiterer Stressfaktor: „Diese Unwissenheit ist belastend. Es ist kein Ende in Sicht. Und dadurch, dass die Schule ausgefallen war, hatte ich viel Zeit mit mir selbst und meinen Gedanken.“ Allein ist Sophie* mit ihren Problemen dabei nicht: In Fulda haben Kinder- und Jugendlichentherapeuten 70 Prozent mehr Terminanfragen als sonst erhalten.

Im Jahr 2020 begann die 17-Jährige eine Ausbildung, die sie schließlich jedoch abbrechen musste: „Ich war emotional am Ende, hatte extrem Untergewicht und bin mehrmals zusammengebrochen, sodass ich abgeholt werden musste“, erklärt sie. Auch sei sie ständig gereizt gewesen, habe oft geweint und sich nicht konzentrieren können.

Vor acht Monaten schließlich suchte sie sich auf Drängen ihrer Familie Hilfe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Anfangs hat es lange gedauert, bis ich zugenommen habe. Ich wollte es erst nicht, weil ich dachte: Ich fühle mich jetzt schon schlecht, wenn ich zunehme, geht es mir noch schlechter.“ Essen löse bei ihr bis heute keine positiven Gefühle aus. „Ich kann sagen, ob etwas süß oder salzig schmeckt, aber dass es gut schmeckt, kann ich nicht sagen.“

Video: Magersucht - 5 Fakten über die missverstandene Essstörung

Gespräche, Ergotherapie, Essen unter Aufsicht, aber auch Bewegung und Tagesziele mit kleinen Schritten haben ihr geholfen, die Essstörung zu bekämpfen. Inzwischen geht es Sophie wieder besser. An den vergangenen Wochenenden war sie sogar schon über Nacht zuhause, um den Alltag und das „freie Essen“ wie sie sagt, zu testen (lesen Sie hier: Welche Folgen hat die Corona-Pandemie auf die Psyche? Dr. Solveigh Hilliard klärt auf).

In den nächsten Tagen soll sie entlassen werden. „Ich kann es noch gar nicht glauben“, sagt die 17-Jährige. In den acht Monaten, in denen sie stationär in der Klinik behandelt wurde, hatte sie viel Zeit, ihre Zukunft zu planen: Sie will den Realschulabschluss machen. Reisen. Vielleicht Ergotherapeutin werden. Und sie möchte daran arbeiten, zufrieden mit sich zu sein.

Doch für heute hat sie erst einmal noch ein anderes Tagesziel zu erreichen. Und zwar: „Ich genieße meine letzten Tage in der Klinik“.

* Name von der Redaktion geändert

Leiden Sie selbst unter Essstörungen oder haben bei einem Familienmitglied oder Bekannten Veränderungen diesbezüglich bemerkt? Auf der Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung finden Sie zahlreiches Infomaterial und Beratungsstellen, an die Sie sich persönlich oder telefonisch wenden können.

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