Edguy-Gitarrist und Tourmanager Dirk Sauer arbeitet derzeit im Impfzentrum Fulda.
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Edguy-Gitarrist und Tourmanager Dirk Sauer arbeitet derzeit im Impfzentrum Fulda.

Interview

Plan B wegen Corona: Edguy-Gitarrist Dirk Sauer hilft im Impfzentrum in Fulda - „Das macht mich zufrieden“

  • Anne Baun
    vonAnne Baun
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Auch Dirk Sauer (43), Gitarrist von Edguy und Tourmanager von Fury in the Slaughterhouse, wurde von der Corona-Pandemie seiner bisherigen Arbeit beraubt. Doch statt zu jammern, arbeitet er nun im Fuldaer Impfzentrum. Mit uns hat er über seinen derzeitigen Job und die Lage der Musikbranche gesprochen.

Fulda - Dirk Sauer ist zusammen mit Tobias Sammet und Jens Ludwig Gründungsmitglied der Fuldaer Power-Metal-Band Edguy. Bereits mit dem dritten Album „Theater of Salvation“ gelang der ehemaligen Schülerband der Einstieg in die Charts. (Lesen Sie hier: Tobias Sammet spricht im Interview über die Corona-Krise - „Ich schaue Fußball und beobachte Vögel“)

Die Band ist mittlerweile weltweit bekannt und wurde schon als Vorgruppe von Deep Purple, Motörhead, Slash oder Aerosmith gebucht. Dirk Sauer ist ebenso wie Jens Ludwig Gitarrist bei Edguy. Zudem hat er sein BWL-Studium abgeschlossen und arbeitet im Bereich Tour- und Produktionsmanagement. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern im Landkreis Fulda. Weil die Kulturszene in der Corona-Pandemie lahm liegt, hilft Sauer im Fuldaer Impfzentrum.

Corona: Edguy-Gitarrist Dirk Sauer hilft im Impfzentrum in Fulda

Lieber Dirk, wenn wir uns normalerweise in der Nähe der Esperantohalle treffen, dann weil da ein Konzert stattfindet. Das ist jetzt ein bisschen anders…
Nun ja, die Location verbindet man in der Tat in erster Linie mit Messen, Events, Kulturveranstaltungen und vor allem auch Konzerten. Im Rahmen der aktuellen Umstände erstrahlt die Waideshalle momentan als Standort des Impfzentrums Fulda. Etwas weniger glamourös – sagen wir eher sachlich und funktional, aber irgendwie doch ein tägliches Großevent mit einer riesigen Gästeliste.
Corona hat dir, wie vielen anderen Berufsmusikern auch, die Arbeitsgrundlage genommen. Doch du hast entschieden, deine Zeit sinnvoll zu nutzen.
Da ich nicht nur als Musiker, sondern in den letzten Jahren verstärkt im Bereich Tour- und Produktionsmanagement für Künstler und Festivals tätig bin, konnte ich erstmal halbwegs gewohnt weiterarbeiten. Ich habe als Tourmanager der Band Fury in the Slaughterhouse im letzten Frühjahr/Sommer einige Autokinokonzerte vorbereitet, betreut und versucht, möglichst mit allen Beteiligten eine halbwegs sinnvolle Übergangslösung zu schaffen. Daneben hatte ich Zeit, zu Hause an eigenen Ideen und Songs zu arbeiten, gebe Gitarrenunterricht, habe mich handwerklich ausgetobt und viel Zeit mir meiner Familie verbracht.

In der Corona-Pandemie hilft Dirk Sauer im Impfzentrum: „Das macht zufrieden“

Und als die Kurven wieder stiegen?
Im Herbst trat dann doch eine gewisse Ernüchterung ein, da mir klar wurde, dass wir so schnell nicht aus der Nummer rauskommen würden. Die zunehmende Perspektivlosigkeit in vielen Bereichen, besonders aber in der Kulturbranche, machte mich doch ziemlich nachdenklich. Ich stand vor der Wahl, mich der Hoffnung auf baldige Besserung und mehr oder weniger funktionierenden Hilfsprogrammen nebst deren Tücken hinzugeben oder einen aktiven Weg einzuschlagen. Ich entschied mich Ende des Jahres für eine Initiativbewerbung beim Landkreis Fulda, da ich den Aufruf zur Unterstützung im Impfzentrum Fulda gelesen hatte.
Und offenbar hat es ja geklappt!
Seit Februar arbeite ich dort regelmäßig. Und ich fühle mich sehr wohl, Teil eines großartigen Teams zu sein, welches jeden Tag aktiv für die Eindämmung der Corona-Pandemie kämpft. Das macht zufrieden und auch auf eine gewisse Art glücklich, vielleicht auch, weil ich weiß, dass wir mit Geduld und Solidarität die Normalität bald wieder zurückgewinnen können. Und für mich bedeutet das in der Konsequenz, ich kann mich bald wieder dem Rock’n’Roll-Zirkus hingeben!
Hast du denn Verständnis für deine kulturschaffenden Kollegen, wenn sie vor lauter Angst und Anträgeausfüllen nicht ganz so schnell eine Alternative parat haben?
Ja und nein, denn die aktuelle Situation erfordert, dass man seine Komfortzone vielleicht auch verlassen muss. Es ist erschreckend, wie wenig Wertschätzung unserer Kulturbranche entgegengebracht wurde, und die versprochenen Hilfen flossen besonders im letzten Jahr eher schleppend oder teils gar nicht zielgerichtet. Viele Kollegen und Unternehmen aus der Branche fielen komplett durchs Raster und rutschen in eine existenzbedrohende Situation. Parallel dazu entstand eine logistische Riesenaufgabe, durch geeignete Maßnahmen wie flächendeckendes Impfen und Testen die Situation wieder in den Griff zu bekommen.
Es ist ein riesiger Aufwand...
Der Personalbedarf für diesen Zwischenschritt ist groß, und auch wenn wir mit den Impfungen gut voran kommen, wird zum Beispiel das Testen gerade im Bereich Veranstaltungen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht wäre es zumindest für einige Betroffene übergangsweise auch eine sinnvolle Option gewesen, sich aktiv zu beteiligen statt zu jammern oder zu kritisieren.

Corona legt Kulturszene lahm: Dirk Sauer will im Impfzentrum Fulda helfen

Könntest du dir vorstellen, nach der Pandemie weiterhin im medizinischen Bereich tätig zu sein?
Die Frage stellt sich nicht wirklich, da ich keinen medizinischen Background besitze. Am liebsten ist und bleibt mir die Musik- und Kulturbranche, welche eine Vielfalt an spannenden Aufgaben und Möglichkeiten bietet.
Von Edguy hat man schon länger nichts gehört. Der Zeitpunkt, sich anderweitig umzuschauen, war also gar nicht sooo schlecht, oder?
Ich habe schon vor einigen Jahren angefangen, mich etwas breiter aufzustellen, ich bin sogar seit vielen Monden der mehr oder weniger stolze Besitzer eines abgeschlossenen BWL-Studiums (lacht). Jedoch bin ich verstärkt im Livebusiness tätig, egal ob mit Edguy oder anderen Produktionen, und somit bringt mir das im Zusammenhang mit der Pandemie auch nicht wirklich was.
Du bist ja nicht nur Gitarrist, der normalerweise weltweit auftritt, sondern hast auch in der Veranstaltungsbranche gearbeitet. Hast du schon von Läden gehört, die mittlerweile dichtmachen mussten, wo du bereits auf der Bühne gestanden hast?
Zum Glück nicht, die Lage für die Clubszene ist sehr schwierig, auch hier in der Region Fulda. Viele halten sich durch coronakonforme Open-Air-Veranstaltungen im Sommer oder durch Spenden und Crowdfunding über Wasser. Es bleibt die Hoffnung, dass Kultur bald wieder wie gewohnt stattfindet.
Verstehst du den Unmut, der in Deutschland herrscht?
Bei Betroffenen absolut, denn viele Lebenskonstrukte gerieten unverschuldet von heute auf morgen in Schieflage, solche existentiellen Sorgen und Nöte sind für Nichtbetroffene oft gar nicht greifbar. Allerdings habe ich sehr wenig Verständnis, wenn notwendige Einschränkungen, wie beispielsweise das Tragen einer Maske oder ein geplatzter Sommerurlaub, diese Reaktion hervorrufen.
Wann, glaubst du, können wir alle wieder dicht gedrängt vor einer Bühne stehen und uns gegenseitig Bier in die Haare schütten?
Ich denke, eine Weile werden wir uns noch gedulden müssen, wobei ich gern auf das Bier im Haar verzichte und lieber mit den Leuten um mich herum anstoßen würde. Aber ich hoffe, dass wir gegen Jahresende wieder halbwegs auf dem Weg dorthin sein werden und drücke uns allen die Daumen.

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