Stühle stehen aufeinander gestapelt in der Friedrichstraße in Fulda.
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Die Corona-Beschränkungen setzen der Gastro-Szene in Fulda mächtig zu.

Verunsicherung unter Betreibern

Nach Aus der Kultkneipe „Löwe“: Wegen Corona steht Gastronomen in Fulda das Wasser bis zum Hals

  • Michel Ickler
    vonMichel Ickler
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Das Aus der Fuldaer Traditionsgaststätte „Löwe“ sorgt in der Gastro-Szene für Verunsicherung. Wie viele Kneipen und Restaurants werden die Corona-Pandemie überleben?

Fulda - Die Corona-Pandemie hat ihr erstes Opfer in Fulda gefordert: Am Mittwoch wurde das Aus der Kultkneipe „Löwe“ bekannt Wir haben Gastronomen aus dem Landkreis Fulda gefragt, wie sie die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie bewerten.

Corona in Fulda: Die Situation der Gastronomen

Die deutlichsten Worte findet Jutta Rau vom „Fuldaer Haus“ (Maulkuppe). „Für uns Gastronomen ist die jetzige Situation eine Vollkatastrophe.“ Die Schließung der Gastronomie im Corona-Lockdown bis mindestens 10. Januar war allerdings laut Dehoga-Chef Steffen Ackermann (Fulda) absehbar, da die Fallzahlen nicht gesunken sind. „Trotzdem für uns unverständlich, da wir uns nicht als Treiber der Pandemie sehen.“ Eben jener verlängerte Lockdown trifft die Branche hart, schließlich fällt mit dem Weihnachts- und Silvestergeschäft der umsatzstärkste Monat im Jahr weg.

Den meisten stehe das Wasser in der Corona-Pandemie bis zum Hals, sagt Ackermann. „Viele halten sich mit privaten Rücklagen am Leben und geben nicht auf.“ Gastronom Felix Wessling, der mit dem „Löwen“ die endgültige Schließung von einem seiner drei Betriebe zum Jahresende angekündigt hat, sagt: „Es ist eine beschissene Zeit, und es macht auch keinen Spaß. Wir rücken aber jetzt alle mehr zusammen.“ Jürgen Wehner vom Jagdhof Klein-Heilig-Kreuz in Kleinlüder erklärt: „Meine Hoffnung ist, dass wir in den Weihnachtsferien mit viel Disziplin uns alle an die Regeln halten. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Ausblick: Wie es mit der Gastronomie in der Corona-Pandemie weitergehen soll

„Ich wünsche es mir nicht, aber wenn sich nichts ändert, wird die Gastronomie auch nicht im Januar öffnen dürfen“, befürchtet Fuldas Dehoga-Chef Ackermann. Ähnliche Bedenken bezüglich des Corona-Lockdowns teilt Swen Bachmann, der erst im Frühjahr die Brauerei-Gaststätte Hopfenglück (vorher Felsenkeller) übernommen hat. „Wir haben zu, und die Zahlen sinken nicht. Was soll sich also ändern?“, fragt er. Der Gastronom fühlt sich im Stich gelassen und fordert mehr Planungssicherheit von der Politik.

„Ich wünsche es mir nicht, aber wenn sich nichts ändert, wird die Gastronomie auch nicht im Januar öffnen dürfen“, befürchtet Fuldas Dehoga-Chef Steffen Ackermann. 

„Ein klar definierter Fahrplan wäre für alle hilfreich. Dürfen wir schon im Januar öffnen oder erst im Frühjahr?“ Falls die Gastronomen nach dem 10. Januar wirklich wieder öffnen dürften und es Lockerungen des Corona-Lockdowns gebe, sei jedoch noch lange keine Besserung in Sicht. Die ersten Monate des Jahres seien erfahrungsgemäß umsatzschwach. Erst dann werde sich zeigen, ob Betriebe aufgrund finanzieller Nöte schließen müssten oder nicht. Viele hielten sich aktuell mit Abschlagszahlungen am Leben, die Novemberhilfen seien dringend notwendig.

Novemberhilfen in Corona-Pandemie noch immer nicht gezahlt

„Wir sind an der Grenze“, verdeutlicht Wessling und spricht seinen Kollegen aus der Seele. Seit Anfang November fließen so gut wie keine Einnahmen. Strom, Wasser und Miete müssen trotzdem bezahlt werden. „Dank der Abschlagszahlung konnte ich die Löhne meiner Mitarbeiter zahlen, wann die Novemberhilfen kommen, weiß ich nicht.“ Bei der Frage, wann die Novemberhilfen der Regierung in der Corona-Pandemie gezahlt werden, tappen so gut wie alle Gastronomen im Dunkeln, was auch Fuldas Dehoga-Chef Ackermann immens ärgert.

„Die Zahlungen sind dringend notwendig. Wenn die Regierung die Versprechen nicht einhalten kann, dann soll sie solche auch nicht machen.“ Hinzu kommt, dass die medial verbreiteten 75 Prozent vom November-Umsatz des Vorjahres ein Irrglaube seien. „Von den 75 Prozent wird einiges wie Kurzarbeitergeld abgezogen“, verdeutlicht Stefan Faulstich vom Rhönblick in Petersberg-Steinau und betont: „Wir Gastronomen wollen nicht am Tropf des Steuerzahlers hängen. Wir sind Macher und wollen wieder arbeiten.“

Nachfrage bei Abhol- und Lieferservice im zweiten Corona-Lockdown geringer

Die Gastronomen sind sich einig: Die Nachfrage bei Abhol- und Lieferservice ist sehr viel geringer als im Frühjahr. „Die ganz große Solidarität wie beim ersten Corona-Lockdown ist nicht spürbar – was ich auch absolut nachvollziehen kann“, gesteht Faulstich. Er hat dafür zwei Erklärungen: So fühlten sich viele aufgrund der November-Hilfen nicht unbedingt in der Pflicht, die Gastronomen zu unterstützen. „Zudem können Haushalte nicht zwei, drei Mal in der Woche Essen gehen – auf Dauer ist das viel zu teuer.“ Eine Folge: Unter der Woche werden die Abhol- und Lieferservice deutlich weniger genutzt.

Einige Betriebe wie das Fuldaer Haus bieten daher nur Essen am Wochenende an. „Ein Lieferservice oder das Anbieten von Mahlzeiten unter der Woche würde sich einfach nicht rechnen“, erklärt Jutta Rau. Auch Jürgen Wehner vom Jagdhof Klein-Heilig-Kreuz verspürt eine sehr viel geringere Nachfrage. „Das ist sehr schade, da sich die winterlichen Gerichte wie Gänsebrust oder Rinderroulade sehr gut für das Außer-Haus-Geschäft eignen.“ Nach den Erfahrungen Ackermanns halten dennoch viele Stammgäste ihrem Lokal die Treue. „Da habe ich schon viele tolle Geschichten gehört.“ Bei einer Sache ist sich Fuldas Dehoga-Vorsitzende allerdings sicher: „Egal wie das Außer-Haus-Geschäft angenommen wird: Auf lange Sicht kann sich dies für Gastronomen nicht rechnen.“

Öffnen oder Schließen: Lohnt es sich für Gastronomen im Corona-Lockdown einen Lieferservice anzubieten?

Lohnt es sich überhaupt, derzeit den Betrieb für Liefer- und Abholservice aufrecht zu erhalten? Bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Swen Bachmann zum Beispiel hat seinen Betrieb komplett geschlossen. „Wir haben das mehrfach kalkuliert, und es lohnt sich einfach nicht.“ Eine ähnliche Meinung vertritt Karl-Gustav Müller vom Restaurant Fasanerie.

„Viele Betriebe haben sich auf einen Lieferservice spezialisiert. Für Gaststätten ist es schwer, da mitzuhalten.“ Für andere wie Faulstich oder Wehner ist es wiederum wichtig, mit Mahlzeiten zur Abholung Präsenz zu zeigen – und sich vielleicht mit einem Lieferservice ein neues Standbein aufzubauen. Auch die Gastronomen im Main-Kinzig-Kreis versuchen sich mit einem Lieferservice über Wasser zu halten.

Alte Schule in Fulda bietet in der Corona-Pandemie nun einen neuen Lieferservice an

„Wir sind motiviert, auch über den Tellerrand zu schauen und neue Dinge zu versuchen.“ Mit diesen Worten erklärt Felix Wessling den neuen Lieferservice der Alten Schule in Fulda. Sein Team möchte neben den typischen Liefergerichten Pizza und Döner eine Alternative bieten und mit speziellen Speisen einen neuen Anreiz setzen.

„Es ist sehr spannend, da wir beim Liefern anders denken müssen“, erklärt Wessling. Flammkuchen zum Beispiel könne nicht angeboten werden, da der dünne Teig nach wenigen Minuten erkaltet. „Die Vorarbeit hat uns viel Arbeit gekostet. Wir haben aber viel gelernt und unseren Horizont erweitert – trotz Corona.“ Ob der Gastronom für seinen Mut belohnt wird, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Angelaufen sei das Projekt in Fulda gut.

Viele Gastronomie-Mitarbeiter in Fulda sind in Kurzarbeit - Wenig Geld in der Corona-Pandemie

Die Gastronomie beschäftigt im Landkreis Fulda 2848 Menschen, viele sind in Kurzarbeit. „Ich bezweifle, dass alle an Bord bleiben, wenn nicht bald wieder geöffnet werden kann“, verdeutlicht Bachmann, was sich nachhaltig auf die Qualität der Gastronomie auswirken kann. Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt. „Köchinnen, Kellner und Hotelangestellte haben seit dem Frühjahr mit massiven finanziellen Einbußen durch die Kurzarbeit zu kämpfen“, sagt Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-Mittelhessen. Das Geld reiche in der Corona-Pandemie kaum mehr für die Miete.

Die NGG fordert die Politik deshalb auf, dass die Auszahlung der Unternehmenshilfen an den Erhalt von Arbeitsplätzen geknüpft werden müsse. „Klar ist auch, dass die Politik rasch einen Fahrplan vorlegen muss, wie es im neuen Jahr weitergeht“, betont der Geschäftsführer. Bis eine Corona-Impfung für die gesamte Bevölkerung bereitstehe, könnten noch Monate vergehen – eine Zeit, die Unternehmen und Beschäftigte im heimischen Gastgewerbe ohne weitere Hilfen nicht haben. (Lesen Sie hier: Das Corona-Impfzentrum in Gelnhausen ist startklar - Ein Rundgang)

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