Die Gastronomen im Kreis Fulda warten auf grünes Licht. (Symbolfoto)
+
Die Gastronomen im Kreis Fulda warten auf grünes Licht. (Symbolfoto)

Neue Regeln für Hessen

Gastronomie und Handel in Fulda sind nach Corona-Lockerungen enttäuscht - „Wir benötigen grünes Licht!“

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
    schließen
  • Daniela Petersen
    Daniela Petersen
    schließen

Bund und Länder haben im Kampf gegen die Corona-Pandemie neue Maßnahmen beschlossen. Betroffene aus der Region reagieren nun auf die neuen Regeln.

Fulda - Nach der Videokonferenz der Regierungschefs von Bund und Ländern zu den Corona-Regeln hat Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) über die für Hessen beschlossenen Maßnahmen informiert. Das Ergebnis: Hessen lockert in mehreren Stufen die Corona-Regeln. Die Meinungen in der Region zu den neu beschlossenen Regeln sind gespalten.

Wirtschaft: Öffnungsplan hätte mutiger und weitreichender sein können

Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda: „Wir begrüßen grundsätzlich, dass die Runde der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten jetzt einen konkreteren Öffnungsplan beschlossen hat, auch wenn dieser durchaus mutiger und weitreichender hätte sein können. Statt private Zusammenkünfte, die oftmals Treiber des Infektionsgeschehens sind, zu erweitern, wären größere Lockerungen in Wirtschaftsbereichen, die über strenge Hygienekonzepte verfügen, zielführender gewesen.

Von einer stabilen Inzidenz von unter 50, ab der wirtschaftliche Aktivitäten in größerem Maße möglich wären, liegt die Region Fulda noch weit entfernt. Ob deshalb diese Öffnungspläne genug sind, um eine Insolvenzwelle in den vom bisherigen Lockdown betroffenen Branchen zu verhindern, bleibt abzuwarten. Auch ist offen, ob sich Maßnahmen wie Terminshopping wirtschaftlich für die Betriebe überhaupt lohnen. Bedauerlich ist, dass über Öffnungsschritte für Branchen, die nicht in dem Beschlusspapier genannt sind, erst am 22. März beraten wird. Dies bedeutet ein Anhalten der Perspektivlosigkeit.“

Lesen Sie hier: Rhöner Gastwirte fordern von Ministerpräsident Volker Bouffier eine Corona-Perspektive.

Händler: „Click and Meet“ kann funktionieren, aber eher in Geschäften, die hochpreisig sind

Reginald Bukel, Vorsitzender des City-Marketings Fulda: Reginald Bukel hält „sehr wenig“ von den Beschlüssen. „Ich glaube nicht, dass das dem Einzelhandel viel bringen wird. ,Click and Meet‘ kann funktionieren, aber eher in Geschäften, die hochpreisig sind“, sagt der Vorsitzende des City-Marketings Fulda. Möbelgeschäfte seien so ein klassisches Beispiel. „Aber wenn man mal den Ein-Euro-Laden nimmt, dann muss man sagen, dass es sich nicht lohnt, das Geschäft für einen Kunden aufzumachen, der nach einer halben Stunde für wenig Geld etwas einkauft. Da rentieren sich schon die Nebenkosten nicht.“ Hinzu käme ein „unterschwelliger Kaufzwang“, der entstehe, wenn der Kunde wisse, dass der Laden jetzt nur für ihn aufgemacht hat.

Video: Corona-Lockdown: Einzelhändler in Fulda fordern bei Demo Öffnung der Geschäfte

„,Click and Meet‘ ist besser als nichts, aber auch nicht der große Wurf und schon gar nicht das, was wir uns erwartet haben. Wir haben eine klare Öffnung der Gastronomie, des Handels und der Hotellerie erwartet, damit die Wirtschaft wieder angekurbelt wird und Insolvenzen abgewendet werden.“ Dass die Ladentüren öffnen, reiche nicht aus: „Wir brauchen auch die Gastronomie, damit sich die Stadt wieder füllt. Vor Weihnachten haben wir es erlebt: Da waren die Türen der Geschäfte offen, aber es sind trotzdem nur wenige Kunden gekommen.“ (Lesen Sie hier: Corona in Fulda: Händler fordern bei Demo die Öffnung der Geschäfte - „Lasst die Türen aufgehen“)

Hausärzte: Die Nachfrage nach Corona-Impfungen ist jetzt schon groß

Ralph-Michael Hönscher, Hausarzt und Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzes Osthessen (GNO):  „Wir Hausärzte begrüßen es, dass wir bald in den Praxen Corona-Impfungen anbieten können. Allerdings ist das ein organisatorischer Aufwand, der höher ist als zum Beispiel bei einer Grippe-Impfung“, erklärt Ralph-Michael Hönscher. So müssten Standards eingehalten und Dokumentationslisten geführt werden. Wer eine Impfung erhält und aus welchem Grund, das müsse in Listen eingetragen und ans RKI gemeldet werden. Darüber hinaus hätten die Impfstoffe nur eine begrenzte Haltbarkeit, und die Patienten müssten nach der Impfung mindestens 15 Minuten zur Beobachtung in der Praxis bleiben. „Das läuft ja alles neben der normalen Arbeit als Hausarzt. Die meisten Praxen haben zwischen 70 und 120 Patienten am Tag. Man muss schauen, wie man die Impfungen in die Abläufe einbauen kann“, sagt Hönscher.

Für seine Praxis hält er eine eigene Impfsprechstunde für sinnvoll. „Im Rahmen der Grippeimpfungen habe ich das so gemacht, das hat sich bewährt.“ Bei der Umsetzung der Priorisierung sehe er Konfliktpotenzial: „Am einfachsten wäre es, wenn die Bundesregierung sagt, dass jeder geimpft werden kann.“ Schon jetzt sei die Nachfrage, sich beim Hausarzt gegen Corona impfen zu lassen, groß: „Wir bekommen seit einigen Tagen Anfragen von Patienten, die sich testen oder auch impfen lassen wollen.“ Den Hausärzten werde diese Aufgabe von der Bundesregierung auferlegt, doch „konzeptionell zu Ende gedacht“ sei das - ähnlich wie bei dem Thema Schnelltests - nicht. „Das macht es uns schwierig. Allem voran sind wir Hausärzte und haben ja unsere normale Arbeit zu bewältigen. Es ist ein erhöhter Aufwand.“

Drei Fragen an Steffen Ackermann, Dehoga-Vorsitzender Stadt und Landkreis Fulda:

Sehen Sie nach dem Bund-Länder-Gipfel in irgendeiner Form eine Perspektive für die Gastronomie?
Grundsätzlich haben wir aufgrund der vorangegangenen Gipfel, nüchtern betrachtet, nicht mehr erwartet. Eine wirkliche Perspektive, die Mut macht, gibt es auch nach dieser Sitzung nicht.
Halten Sie das Prinzip der Lockerungsstufen, die an Inzidenzen von 100 bzw. 50 gebunden sind, für praktikabel – auch im Hinblick auf die Öffnung von Gastronomie und Hotellerie?
Auch wenn es sich nach Dauerschleife anhört, können wir nur immer wieder bekräftigen, dass wir kein Pandemietreiber waren, sind und sein werden. Wir können verantwortlich im Sinne unserer Gäste und Mitarbeiter mit den vorhandenen Hygienekonzepten arbeiten. Auch wenn wir das Gefühl haben, es wird uns nicht zugetraut. Wir stehen bereit. Wir benötigen grünes Licht!
Was sind Ihre Forderungen an die Politik?
Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Familienfeier in der Gastronomie. Ankunft und Aperitif sind für 18 Uhr geplant. Der Küchenchef fängt um 17 Uhr an zu planen, was man kochen kann und fängt mit der Bestellung beim Großhändler an. Der Service stellt den Aperitif kurz vor Ankunft kalt und beginnt bei Ankunft der Gäste mit dem Stellen der Tafel. So fühlen wir uns gerade.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema