Der Fuldaer Dom. (Symbolfoto)
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Der Fuldaer Dom. (Symbolfoto)

Geänderte Abläufe

Desinfektionsmittel statt Weihwasser: Ein Gottesdienstbesuch in Corona-Zeiten im Fuldaer Dom

  • vonMarius Scherf
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Desinfektionsspender statt Weihwasserbecken. Schüchterner Augenkontakt statt Friedensgruß. In Zeiten von Corona lässt sich ein Gottesdienst im Fuldaer Dom zwar feiern, doch ein Gemeinschaftsgefühl unter den Gläubigen mag nicht aufkommen.

Fulda - Ein Vogel hat sich in den Dom in Fulda verirrt. Im Gewölbe fliegt er, immer nah an den weißen Wänden, dem Himmel entgegen. Schließlich verschwindet er hinter den mit Stuck verkleideten Säulen und entzieht sich den starren Blicken der Heiligen, die hoch über den Gängen stumm über die Gottesdienstbesucher wachen.

Sonntagabend. 18.30 Uhr. Abendmesse im Fuldaer Dom. Heute wacht über die Gläubigen zusätzlich ein Ordner in einem schlichten schwarzen Anzug. In einer kleinen Schlange vor dem rechten Seitenportal warten sie auf Einlass. Statt Weihwasser gibt es wegen der Corona-Pandemie am Eingang zwei Spender mit Desinfektionsmittel. Das Kreuz auf der Stirn war früher obligatorisch, das desinfizieren der Hände wird heute zur Pflicht. Wie selbstverständlich trägt jeder Maske. Das Publikum ist auffällig gemischt, Jung und Alt, Einzelpersonen und Familien.

Gottesdienst in Corona-Zeiten: Desinfektionsmittelspender statt Weihwasserbecken

Der Besucher verneigt sich nun – nicht etwa vor dem Ordner, an dem keiner vorbeikommt, ohne dass er ein Anmeldeformular ausgefüllt hat. Aber vor den porträtierten Heiligen am Seitenaltar. Vor diesem sind drei niedrige, weiße Tische positioniert, auf denen die Gläubigen halb gebeugt die Kontaktformulare ausfüllen.

Das Hygienekonzept wegen der Corona-Pandemie wirkt streng und gut organisiert. Im Inneren der Fuldaer Kathedrale ist das Einhalten des Mindestabstands von 1,5 Metern problemlos möglich. Nur einmal wird man sich später zu nahe kommen. Auf den Bänken markieren grüne Platzkarten, wo man sitzen darf.

Das Glockengeläut verstummt. Noch immer huschen Menschen, auf der Suche nach einem freien Platz, die Gänge auf und ab. Kurze Stille. Plötzlich eine einzelne Stimme, die genauso wie das Spiel der Orgel aus dem nichts erklingt.

Wegen Corona: Platzkarten auf den Bänken für die Besucher sorgen für Abstand

Der Kopf muss schon ein wenig gereckt werden, um das Mädchen des Domchores vorne neben dem Hauptaltar zu sehen. Die Blicke sind auf die Sängerin gerichtet. Uns Zuhörern ist das Mitsingen verwehrt. Der Gottesdienst wird von Generalvikar Christof Steinert gehalten und folgt seinem gewöhnlichen Ablauf: Kyrie, Gloria, Gebet. Die Minuten verfliegen. Die Lesung dreht sich um ein Gleichnis aus dem Matthäusevangelium: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Von Corona ist heute im Fuldaer Dom nur am Rand die Rede. Von der „besonderen Zeit“ wird ein paar Mal gesprochen – und verkommt zu einer Phrase. Längst scheinen sich die Menschen an die geänderten Abläufe, innerhalb wie außerhalb der Kirche, gewöhnt zu haben.

Ein Gottesdienstbesuch in Zeiten von Corona.

Aber ganz so sicher sind sich die Fuldaer Gläubigen dann doch nicht. Das „Und mit deinem Geiste“ verhallt im Mundschutz. Oder traut man sich nicht mehr wegen Corona, lauter zu sprechen? Der Friedensgruß per Handschlag fällt weg und weicht nervösen, flüchtigen Blicken. Nur die Statuen der Heiligen über den Gläubigen starren unentwegt herab. Macht man auch alles richtig? (Lesen Sie hier: Unter diesen Bedingungen sind Beerdigungen im Corona-Lockdown möglich).

Stau und Kontakt bei der Kommunionausgabe im Fuldaer Dom

Nun wird das sich nahekommen unvermeidlich. Kommunionausgabe. Die stumme Menge setzt sich schwankend in Bewegung. Verkehrsstau in der Kirche: Manche versuchen, durch stehen bleiben Abstand herzustellen. Der unaufmerksame Hintermann läuft dabei fast auf. Vor dem Hochaltar ziehen einige, nachdem sie die Hostie erhalten haben, ihre Maske ab und verbeugen sich tief. Andere wissen wiederum nicht, wohin mit dem gesegneten Leib Christi. Schnell huschen sie auf ihren Platz zurück und essen ihn dort. So manche Ältere sind gar nicht erst nach vorne gegangen.

Noch einmal beten und einen kurzen Segen spenden. Sonstige Ankündigungen macht der Priester heute nicht. Am Ende, dann wenn er sich häufig persönlich an die Gläubigen wendet, verharrt er in seiner Rolle, bleibt der Gemeinde fern.

Mit dem Kreuz vorneweg folgt schließlich nach einer knappen Stunde der schnelle Auszug. Zu Orgelspiel und Glockengeläut verlassen die Menschen eilig den Fuldaer Dom. Nur Richard Kreß lässt sich Zeit: „Ich komme auch jetzt noch gerne hierher und suche hier Ruhe.“ Der 92-Jährige freut sich, unter Menschen zu kommen.

Besucher Richard Kreß freut sich, beim Gottesdienst im Fuldaer Dom unter Menschen zu kommen

Zeit zum Verweilen bleibt keine. Der Ordner im schlichten schwarzen Anzug ist wieder da und kehrt die letzten Besucher nach draußen – keine zehn Minuten nach Gottesdienstende. Er hat es heute wohl eilig, denn sonst hat der Fuldaer Dom noch bis zu einer halben Stunde geöffnet – auch in Zeiten von Corona.

Als einen „Schaugottesdienst“ bezeichnet ein Paar, das als letztes den Fuldaer Dom verlassen muss, die Messe in Corona-Zeiten. Dicht hinter ihm fällt die schwere Holztür ins Schloss und im Inneren gehen bald die Lichter aus. Nur der kleine Vogel darf sich jetzt noch unter den Heiligen bewegen.

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