Corona-Impfstoff
+
Hausärzte im Kreis Fulda klagen über zu wenig Impfstoff. (Symbolbild)

Corona-Lage angespannt

Hausärzte empört und fassungslos: Nur 45 Prozent des bestellten Impfstoffs geliefert

  • Volker Nies
    VonVolker Nies
    schließen

Die impfenden Hausarzt-Praxen sind geschockt: Vor einer Woche wurden die Mengen Biontech, die sie bestellen durften, begrenzt. Jetzt hören sie: Selbst von diesen begrenzten Dosen erhalten sie nur 45 Prozent der bestellten Menge.

Fulda - „So viel Dilettantismus nach 18 Monaten Pandemie – das hätte ich nicht erwartet. Unsere Impfanstrengungen werden torpediert“, schimpft der Internist Dr. Jörg Simon aus Fulda. „Das ist politisches Komplettversagen“, klagt Dr. Silvia Steinebach, Hausärztin in Hainzell. „Das ist katastrophal und setzt dem aus Berlin zu verantwortenden Chaos endgültig die Krone auf“, zieht Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, vom Leder.

Was sie ärgert, ist die Pannenserie im Gesundheitsministerium. Seit einigen Woche ist klar: Um die vierte Welle der Corona-Pandemie zu brechen, muss mehr geimpft werden – mehr Erstimpfungen, mehr Booster-Impfungen. Hausärzte, Krankenhäuser, Hilfsorganisationen – alle engagieren sich und erhöhen ihre Impfkapazitäten.

Corona in Fulda: Nur 45 Prozent des bestellten Impfstoffs geliefert

Dann kam Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Vor einer Woche machte er unglücklich Werbung für den Impfstoff von Moderna: Bei den eingelagerten Dosen laufe die Haltbarkeit ab, deshalb müssten sie jetzt unters Volk. (Mit unserem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie immer auf dem Laufenden)

Da nicht genug Biontech-Impfstoff verfügbar war, rationierte Spahn die Menge, die die Ärzte bestellen durften. Von dieser Menge Biontech für kommende Woche wird aber nur die Hälfte ausgeliefert. Moderna ist bislang nicht begrenzt: Wer 100 Patienten mit Biontech und 100 Patienten mit Moderna impfen wollte und entsprechend bestellte, der bekam Biontech für 50 Patienten und Moderna für 100 Patienten. Die Fehlmenge bei Biontech wurde nicht mit Moderna ausgeglichen.

Biontech oder Moderna

Nicht jeder Patient wird in den nächsten Tagen Impfstoff von Biontech bekommen, denn die Vorräte reichen nicht. Stattdessen wird mit Moderna geimpft. Beide sind mRNA-Impfstoffe und funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Sie enthalten den „Bauplan“ für einen Teil des Virus: Das menschliche Körper entwickelt so Antikörper.

„Beide Impfstoffe sind sehr gut. Nach aktuellen Studien schützt Moderna sogar etwas besser“, sagt der Fuldaer Internist Dr. Jörg Simon. Es gibt zwei Ausnahmen: Für Menschen unter 30 und Schwangere wird nur Biontech empfohlen.

Nun haben aber Praxen schon die Patienten zum Impfen einbestellt – mit Nennung des Impfstoffs. Ohne ausreichende Dosen ist Impfen aber nicht möglich. „Diese Kürzung der Lieferung macht uns richtig viel Arbeit. In einer Zeit, in der die Mitarbeiter schon jetzt die Nase voll haben von der sich ständig ändernden Impfpolitik, ist das brandgefährlich“, mahnt Simon.

„Wir müssen jetzt gucken, wo wir noch Biontech herbekommen. Es ist wie auf dem Schwarzmarkt: Welcher Händler hat noch irgendwo Biontech?“ Manche Patienten würden nun mit Moderna geimpft. Simon: „Der Patient, der dann über die Art des Impfstoffs diskutieren will, der kann sofort gehen.“ (Lesen Sie hier: Corona-Lage bereitet Krankenhäusern Sorge: Personal ist erschöpft - und wütend)

Video: Genug Corona-Impfstoff für alle? Top-Virologin klärt auf

Steinebach hat, wie sie sagt, „in Erwartung eines Chaos um die Biontech-Lieferungen“, vorsichtshalber zu Biontech die gleiche Menge Moderna bestellt. „Einige Kollegen, die das nicht gemacht haben, sind jetzt in Not, denn die Patienten haben bei ihnen ja einen Impftermin. Diese Kollegen versuchen jetzt, auf die Schnelle noch Moderna zu bekommen. Sie betteln förmlich um Impfstoff“, berichtet Steinebach.

Der am nächsten Samstag geplante Impftag von 25 Praxen im Verein Ambulante Medizin Osthessen wird trotzdem stattfinden. „Aber in meiner Praxis in Hainzell wird ein zusätzlicher Arzt präsent sein, der allein die Aufgabe hat, zusätzliche Aufklärungsgespräche zum Thema Impfen mit Moderna zu führen“, berichtet Steinebach.

Die vier kleinen Impfzentren der Malteser, die Anfang Dezember im Kreis ihre Arbeit aufnehmen, haben genug Impfstoff, erklärt Malteser-Sprecherin Antonia Schmidt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema