Osthessens Mediziner sehen keine Kapazitäten für die Abwicklung digitaler Nachweise in den Praxen.
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Osthessens Mediziner sehen keine Kapazitäten für die Abwicklung digitaler Nachweise in den Praxen und haben Angst vor einem Impfpass-Chaos.

Anonyme Umfrage der GNO

Corona-Impfungen im Kreis Fulda: Personal in Arztpraxen am Limit - Mediziner befürchten Impfpass-Chaos

  • Andreas Ungermann
    vonAndreas Ungermann
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Durchwachsen fällt die Bilanz der bisherigen Corona-Impfungen bei den Hausarztpraxen in Osthessen aus. Deutlich wird aber: der Aufwand ist immens, die Angst vor einem Impfpass-Chaos ebenfalls.

Kreis Fulda - Zusätzliches Personal für die Anmeldung, Planung und Terminvergaben, Impfbetrieb außerhalb der regulären Praxis und zudem mitunter noch der Unmut verunsicherter Patienten – die Herausforderungen in den Hausarztpraxen sind aktuell in der Corona-Pandemie groß.

Auf Nachfrage unserer Zeitung hat das Gesundheitsnetz Osthessen (GNO), mit Sitz in Fulda, eine Abfrage unter seinen Mitgliedern gestartet – die Erkenntnis aus den anonymisierten Rückmeldungen: Das Personal arbeitet oftmals am Limit der Belastbarkeit oder darüber. Ein Arzt berichtet gar, dass eine Medizinische Fachangestellte (MFA) wegen des Stresses in jüngster Zeit gekündigt habe. Schließlich lasse sich der ganze Aufwand während der Sprechzeiten gar nicht bewältigen.

Corona-Impfungen im Kreis Fulda: Personal in Arztpraxen am Limit - Angestellte werden beleidigt

Auch wenn die Mediziner und ihre Mitarbeiter bisweilen Mitleidsbekundungen und Lob für ihre Arbeit von den Patienten erhielten, bleibe auch der Unmut nicht aus. Das gehe bis hin zu Beleidigungen und aggressiv-wütendem Verhalten. „Jemand, der nicht gleich einen Impftermin bei uns bekam, betitelte eine unserer MFAs mit ,blöde Kuh‘“, heißt es aus einer Praxis. GNO-Vorsitzender Ralph-Michael Hönscher weiß nicht nur um die immense Mehrbelastung in den Praxen, sondern kennt solche Reaktionen ebenfalls.

„Das Gruseligste, was mir bislang passiert ist, war der Vorwurf, unsere Praxis beteilige sich nicht an den Impfungen. Das stimmt aber nicht“, betont er und verweist darauf, dass er und Kollegen auch im Impfzentrum arbeiteten und in den Betrieben die Nadeln setzten – beides seiner Ansicht nach wichtige Bausteine in der Immunisierungsstrategie. (Mit dem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden)

Aufwand für Corona-Impfungen bei den Hausarztpraxen im Kreis Fulda ist immens

Hönscher lässt jedoch auch keine Zweifel daran, dass hier einiges schiefgelaufen sei; und das betreffe nicht nur die Knappheit der Impfstoffe. Gerade den Unmut und die Entgleisungen mancher Patienten führt er auf falsche Versprechungen der Politik zurück. „Wenn jetzt die Impfpriorisierung zum 7. Juni aufgehoben wird und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Impfung von Kindern in Aussicht stellt, wird das wieder zu viel Verunsicherung in der Bevölkerung führen“, befürchtet der Allgemeinmediziner, der wie seine Kollegen neben der coronabedingten Arbeit weiterhin das Alltagsgeschäft und Notfälle zu bestreiten hat.

Kritik äußern er und seine Kollegen auch daran, dass der Impfbetrieb nicht ausreichend vergütet werde. „Das ist ein Drauflegegeschäft, jede Impfstunde kostet 100 bis 200 Euro mehr, als wir erhalten“, rechnet Hönscher vor. Auch in der Abfrage des GNO wird dies mehrfach deutlich.

Video: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum digitalen Impfpass

Es wird vor allem deutlich, wenn es um den digitalen Impfpass oder -nachweis geht. Während eine Praxis bereits informelle Impf- und Genesungsbescheinigungen ausstellt, überlegt ein Kollege, das Impfen ob der Bürokratie und der „lächerlichen Vergütung im Vergleich zum Impfzentrum“ einzustellen. Im Gros befürchten Osthessens Mediziner Ratlosigkeit, mehr Überstunden, ein nicht „abzuarbeitendes Chaos“ und „von oben verordnetes Organisationsdurcheinander“, sollte die Ausstellung eines digitalen Impfpasses an den Hausarztpraxen hängenbleiben.

Völlig unklar und offen sowie nicht einzuschätzen sei der weitere Mehraufwand, lautet der Tenor. Die Abwicklung eines digitalen Impfnachweises sei „nur durch Einstellung zusätzlichen Personals, bei entsprechender Vergütung und guter Organisation außerhalb der Praxis-Stoßzeiten gut machbar“, äußert sich eine Praxis versöhnlicher, während eine andere Wahlkampfgetöse vermutet.

Corona: Mediziner in Osthessen haben Furcht vor Impfpass-Chaos

Als eine Grundvoraussetzung sieht Hönscher die digitale Infrastruktur, die erst einmal zur Verfügung stehen müsse. Er gibt aber auch zu bedenken: „Warum sollen das die Hausarztpraxen alleine abwickeln und am Ende auch noch bei schon länger Geimpften nachtragen? Das können auch Apotheken leisten oder Bürgerbüros.“ Wie er sehen einige seiner Kollegen die Kommunen oder auch die Gesundheitsämter in der Pflicht. Und eine klare Forderung lautet: „Die Impfzentren sollten bestehen bleiben, und als Dokumentationszentrum weiterarbeiten.“ Unterdessen haben Stadt und Landkreis Fulda eine Kampagne gestartet, um Bürger zu motivieren, sich impfen zu lassen.

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