„Optimismus ist eine der stärksten Waffen im Kampf gegen die Pandemie“, sagt Erster Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt.
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„Optimismus ist eine der stärksten Waffen im Kampf gegen die Pandemie“, sagt Erster Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt.

Interview mit Gesundheitsdezernent

Corona-Impfungen in Fuldaer Betrieben: Frederik Schmitt will Projekt ausweiten - wenn genug Impfstoff da ist

  • Sabrina Mehler
    vonSabrina Mehler
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Der Landkreis Fulda ist der erste in Hessen, der mit einem großen Pilotprojekt zur betrieblichen Corona-Impfung an den Start geht.

Fulda - Seit dieser Woche werden in Fulda Menschen in ihren Betrieben gegen das Coronavirus geimpft - ein Pilotprojekt des Landkreises Fulda. Erster Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt (CDU) berichtet im Interview, was er sich von dem Projekt verspricht.

Für wie bedrohlich halten Sie die noch rollende dritte Corona-Welle, und wie wichtig ist es jetzt, den Impfturbo zu zünden?
Es gibt erste Anzeichen, dass die dritte Welle im Landkreis Fulda leicht zurückgeht. Der dauerhafte Anstieg der vergangenen Wochen scheint gestoppt. Das sehen wir an der Zahl der neu infizierten Personen und an der Zahl der Personen, die im Krankenhaus behandelt werden. Mit einer Zahl von 60.000 erstgeimpften Personen kommen wir langsam in einen Bereich, in dem die Pandemie durch diese große Zahl der Impfungen in die Zange genommen werden kann. Deshalb ist das Impfen bei der Bekämpfung von Covid-19 der wichtigste Punkt.
Bedeutet das aus Ihrer Sicht, dass die ja immer noch relativ hohe Inzidenz nur durch ausreichende Impfungen gesenkt werden kann?
Die Zahlen können in jedem Fall auch durch die Vermeidung von Kontakten und die Einhaltung der AHA-Regeln schon gesenkt werden. Das hat in der zweiten Welle bereits zu einer deutlichen Reduzierung geführt – zwischenzeitlich lagen wir ja schon mal bei einer Inzidenz von Mitte 50. Diese Regeln wirken also. Trotzdem ist die Impfung das Entscheidende, um nicht nur die dritte Welle zum Abklingen zu bringen, sondern die ganze Pandemie in den Griff zu bekommen. (Bleiben Sie mit dem Corona-News-Ticker für Fulda auf dem Laufenden.)

Corona-Impfungen in Fuldaer Betrieben: Vize-Landrat will Projekt ausweiten

Welche Vorteile sehen Sie in betrieblichen Impfungen?
Wir wollen neben dem Impfzentrum, in dem wir aktuell täglich bis zu 1300 Impfungen vornehmen, und den niedergelassenen Ärzten eine weitere Säule prüfen, damit so möglichst viele Personen möglichst effektiv und effizient geimpft werden können. Das Impfen in Betrieben ist auch deshalb wichtig, weil es die Beschäftigten schützt und damit auch die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft sichert, gerade unserer mittelständischen Betriebe. Ein weiterer Punkt: In den Betrieben gibt es oft trotz aller Maßnahmen und Einschränkungen eine Vielzahl von Kontakten. Das merken wir bei der Nachverfolgung: Rund 15 Prozent der Infektionen entstehen derzeit am Arbeitsplatz.
Im Landkreis Fulda ist nun ein Pilotprojekt gestartet worden. Wie ist es möglich, dass hier jetzt schon in Betrieben geimpft werden kann?
Wir sind beim Impfen schon sehr weit vorangeschritten, in Hessen gehören wir zur Spitzengruppe der Landkreise. Daher konnten wir auch schon früh in die Prioritätsgruppe 3 wechseln. In dieser ist es möglich, Mitarbeiter von Unternehmen der kritischen Infrastruktur zu impfen. Dazu gehören sehr viele Bereiche, zum Beispiel die Telekommunikation, die Versorgung mit Wasser, Strom und Gas, die Medien, die Finanzwirtschaft und auch die Ernährung. Deren Mitarbeiter sind jetzt impfberechtigt, und damit können sich diese nun entweder beim Hausarzt oder im Impfzentrum impfen lassen. Als dritte Möglichkeit testen wir aktuell die Impfungen in den Betrieben vor Ort.
Wie sieht der konkrete Ablauf aus? Und wie unterstützt der Kreis die Betriebe?
Der Landkreis schickt die Impfdosen und eine Kraft, die das Ganze dokumentiert. Die Unternehmen organisieren den Ort, die impfenden Ärzte und medizinische Fachkräfte. Sie legen auch selbst fest, welche Mitarbeiter wann geimpft werden.
Noch handelt es sich um ein Pilotprojekt mit derzeit neun beteiligten Unternehmen. Welche Erkenntnisse aus diesem Modell versprechen Sie sich?
Wir wollen die Frage beantworten, wie effizient und effektiv betriebliche Impfungen sind. Wir erwarten, dass die Wege schnell und kurz sind und dass wir deshalb in kurzer Zeit möglichst viel impfen können. Und die Terminvergabe bei Hausärzten oder über das Landesportal könnte für Beschäftigte obsolet werden, wenn der Betrieb die Impfung organisiert. Ich schätze, dass ein solches Angebot gut für die Impfquote in den Unternehmen ist. Natürlich wollen wir auch erfahren, wie die Organisation klappt. Von zwei Unternehmen, die bereits mit der Impfung begonnen haben, gab es ausschließlich positive Rückmeldungen.

Corona-Impfungen in Fuldaer Betrieben - Schmitt: „Rund 15 Prozent der Infektionen entstehen am Arbeitsplatz“

Wie wurden die Unternehmen für den Modellversuch ausgewählt?
Wir haben Unternehmen aus einigen Bereichen der kritischen Infrastruktur genommen – von Ernährung über Medien bis hin zur Logistik, um zu schauen, wie der Ablauf in diesen unterschiedlichen Branchen funktioniert. Bei den Betriebsimpfungen haben wir außerdem eine kritische Größe von mindestens 100 Impfwilligen festgelegt. Erst dann lohnt sich der Aufbau der gesamten Impfstruktur. Hinzu kommt, dass meist nicht alle Mitarbeiter gleichzeitig an einem Tag geimpft werden sollen, falls es zu Impfreaktionen kommt.
Wovon hängt es ab, ob das Projekt auf weitere Unternehmen ausgeweitet werden kann? Und welche Signale erhalten Sie derzeit aus der regionalen Wirtschaft?
Wir wollen das Projekt natürlich gerne ausrollen. Derzeit fragen die Industrie- und Handelskammer sowie die Kreishandwerkerschaft bei größeren Unternehmen der kritischen Infrastruktur das Interesse an einer Beteiligung ab. Die Rückmeldungen sind unterschiedlich: Einige Unternehmen wollen und könnten sofort starten. Andere Firmen, deren Mitarbeiter zum Beispiel an mehreren Standorten verteilt sind, wollen ihre Mitarbeiter lieber zum Hausarzt oder ins Impfzentrum schicken.
Limitierender Faktor ist bei den Betriebsimpfungen immer die Impfstoffmenge, die wir erhalten. Im Mai und Juni soll diese Mengen steigen, insbesondere vom Hersteller Biontech. Aber wir müssen schauen, ob das tatsächlich wie angekündigt eintrifft und wohin diese zusätzlichen Mengen gehen: zu den niedergelassenen Ärzten oder zu den Impfzentren? Im letzteren Fall könnten wir unser Projekt schnell ausweiten, denn die Betriebe werden über das Impfzentrum mit dem Impfstoff versorgt. Mit ausreichend Impfstoff könnten wir mit dem Pilotprojekt in Serie gehen.
Wie viele Impfdosen stehen momentan für das Modellprojekt bereit?
Wir starten mit 1000 Dosen in dieser und in der nächsten Woche. Das werden erst einmal die mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech sein. AstraZeneca kommt nicht in Frage, weil in den Betrieben die meisten Leute unter 60 sind. Und Johnson & Johnson ist für uns noch nicht verfügbar. Es ist die Impfstoffmenge, mit der das Tempo des Projektes steht und fällt.

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Es wird vielleicht Mitarbeiter geben, die Vorbehalte haben. Was sagen Sie denen?
Für jeden ist das eine individuelle Entscheidung. Aus meiner Sicht gibt es große Vorteile: für einen selbst, weil jeder auch privat Kontakte zu Älteren oder Risikopatienten hat. Und zum anderen geht es um die Frage, welche Verantwortung jeder für die Gesellschaft wahrnehmen will.
Noch gibt es einige Personen aus der zweiten Gruppe, die ungeimpft sind. Ist das nicht ungerecht, nun schon Unternehmen der dritten Priorität loslegen?
Alle Impfwilligen in Prioritätsgruppe 2 sind entweder schon mindestens einmal geimpft oder haben jedenfalls einen Termin erhalten. Wir können aber nicht warten, bis tatsächlich alle geimpft sind, um nicht an Geschwindigkeit zu verlieren. Wir müssen deshalb schon jetzt mit vollem Schwung in Gruppe 3 gehen. Im nächsten Schritt sind alle impfberechtigt. Dann wird sich die entscheidende Frage bei der Pandemiebekämpfung stellen: Wenn die Impfstoffmenge nicht mehr das Problem ist und jeder die Möglichkeit hat, sich impfen zu lassen, werden sich dann so viele dafür entscheiden, dass mit wir in der gesamten Bevölkerung eine Impfquote von 60 oder 70 Prozent erreichen?
Wie optimistisch sind Sie für das Pilotprojekt?
Ich bin überzeugt, dass die Unternehmen der Region die Kraft haben, das gut zu organisieren. Von den Mitarbeitern gibt es schon jetzt positive Rückmeldungen: Sie freuen sich, dass es losgeht. Auch Kreishandwerkerschaft und IHK sind sehr froh, denn nach unserer Kenntnis sind wir der erste Kreis in Hessen, der das Projekt in dieser Größe ausrollt. Bisher gab es nur kleinere Pilotprojekte, etwa bei Engelbert Strauß, wo aber nur Personen der zweiten Prioritätsgruppe geimpft wurden.
Wichtig ist für mich eine Botschaft: Trotz mancher Rückschläge in den letzten Monaten sind wir weiterhin optimistisch. Wenn wir uns nicht den Blick auf das Positive bewahren, dann schaffen wir es nicht. Wir müssen das Ganze gemeinschaftlich angehen: nicht gegeneinander, sondern miteinander. Und Optimismus ist dabei eine unserer schärfsten Waffen gegen die Pandemie.

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