Wird jetzt eine zu geringe Corona-Impfwilligkeit in Fulda zum Problem? Das befürchtet Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt.
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Wird jetzt eine zu geringe Corona-Impfwilligkeit in Fulda zum Problem? Das befürchtet Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt.

Interview zum Impfzentrum

Immer mehr Corona-Impfstoff in Fulda vorhanden - gibt es jetzt zu wenige Impfwillige?

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
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  • Daniela Petersen
    Daniela Petersen
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„Wir brauchen die Corona-Impfzentren noch.“ Frederik Schmitt, Gesundheitsdezernent im Landkreis Fulda, und der Leiter des Impfzentrums in Fulda, Frank Reith, sprechen im Interview über die Arbeit an Fuldas derzeit meistbesuchtem Ort.

Fulda - 10.000 Corona-Impfungen pro Woche wurden zuletzt im Impfzentrum in Fulda durchgeführt. Und diese Zahl kann weiter gesteigert werden, wenn mehr Impfstoff kommt, wie Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt (40/CDU) und der Leiter des Impfzentrums, Frank Reith (45), in Interview betonen. 

Frage: Mit mehr Impfungen in Praxen und Firmen stellt sich die Frage nach der Zukunft der Impfzentren. Es gibt – auch aus der CDU – Forderungen, das Impfen jetzt den niedergelassenen Ärzten zu überlassen. Ist das Impfzentrum Fulda bald Geschichte?
Schmitt: Mit Sicherheit wird es irgendwann Geschichte sein. Aber für die nächsten Monate – also zumindest für Mai, Juni, Juli und August – sehe ich bei Hausärzten und Impfzentren kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Wir werden das, was wir vorhaben, nur gemeinsam packen. So lange werden wir die Impfzentren noch brauchen. 

Corona in Fulda: Mehr Impfstoff vorhanden - wird nun die Impfwilligkeit zum Problem?

Frage: Die Corona-Impfzentren gelten als teuer, Bürokratie-lastig und ineffizient. Sind die Ärzte, die zudem noch ihre Patienten kennen, nicht doch die besseren Impfer?
Schmitt: Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Die Ärzte impfen seit vier Wochen mit. Seit dieser Zeit impfen die Hausärzte etwa ein Drittel der Personen, zwei Drittel werden im Impfzentrum geimpft. Dass derzeit mehr Corona-Impfstoff geliefert wird, hat die Geschwindigkeit ebenfalls erhöht: Wir haben im Impfzentrum in den vergangenen zwei Wochen so viele Impfungen durchgeführt wie in den ersten zwei Monaten – insgesamt rund 18.000, davon 10.000 allein in der vergangenen Woche. Das ist ein Spitzenwert. 
Frage: Merken Sie, dass die Menschen nun lieber zum Hausarzt gehen und ihre Termine im Corona-Impfzentrum absagen?
Schmitt: Die meisten Leute beschreiten inzwischen beide Wege, sie melden sich beim Hausarzt und für eine Impfung im Impfzentrum an. Das ist auch richtig. Aber dadurch haben wir schon einige „No-Shows“, also Menschen, die nicht zur Impfung erscheinen. Denn nicht jeder, der beim Hausarzt seine Impfung bekommt, meldet seinen Termin beim Impfzentrum über das Landesportal ab. 
Frage: Können Sie den Anteil derer, die ihren Termin verfallen lassen, beziffern?
Reith: Das wechselt ständig. Als die Debatte um AstraZeneca aufkam und nur noch die über 60-Jährigen damit geimpft werden durften, waren es bis zu 50 Prozent. Das ist aber wieder zurückgegangen. Inzwischen sind wir bei 20 Prozent.
Frage: Jeder Fünfte kommt also nicht und sagt nicht ab?
Reith: Ja, das hängt aber stark vom Corona-Impfstoff ab. Bei AstraZeneca ist die Zahl der „No-Shows“ hoch, bei Biontech nicht. Das macht für uns die Planung natürlich schwieriger. Deswegen sagen wir: Wer seinen Termin im Impfzentrum nicht wahrnehmen will oder kann, sollte spätestens zwei Tage vorher seinen Account über das System wieder abmelden. Nur dann kann der Termin neu vergeben werden. 
Frage: Was machen Sie mit den Corona-Impfdosen, die übrig bleiben?
Reith: Zunächst: Viel bleibt nicht übrig. Die Ampullen mit Corona-Impfstoff werden ja nur aufgetaut und aufgezogen, wenn auch Personen da sind, die geimpft werden wollen. Bei Biontech können aus einer Ampulle sechs bis sieben Impfungen gewonnen werden, bei AstraZeneca und Moderna sind es elf. Wenn man richtig plant, bleiben am Abend maximal fünf bis zehn Dosen übrig. Wir rufen dann Leute an, von denen wir wissen, dass sie laut Priorisierungsliste dran sind und innerhalb kürzester Zeit da sein können. Das waren in der Vergangenheit zum Beispiel niedergelassene Ärzte oder Lehrer. Aktuell sind es Feuerwehrleute. 
Über das Corona-Impfzentrum in Fulda sprachen im Interview Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt und Frank Reith, Leiter des Impfzentrums.
Frage: Mussten Sie in letzter Zeit schon mal Corona-Impfstoff vernichten?
Schmitt: Nein. Das ist mir nicht bekannt. Es ist im Impfzentrum sehr nachvollziehbar, was mit jeder einzelnen Dosis passiert.
Frage: Gibt es im Impfzentrum weniger Corona-Impfstoff, seit auch Hausärzte impfen?
Schmitt: Seitdem auch die Hausärzte impfen, ist die Menge für die Corona-Impfzentren gedeckelt. Pro Woche erhalten die Impfzentren in Hessen momentan 170.000 Dosen. Diese Menge ist also stabil. Alles, was dazu kommt, geht an die Hausärzte. In den nächsten acht Wochen wird – wenn die Lieferzusagen der Hersteller stimmen – aber so viel Impfstoff geliefert werden, dass die Deckelung aufgehoben werden müsste. Momentan fahren die Impfzentren nicht auf Volllast. In Fulda werden wir demnächst wahrscheinlich nur zu 60 Prozent ausgelastet sein. Wenn wir mehr bekommen, könnten wir mehr impfen. Auch bei den niedergelassenen Ärzten ist noch Luft nach oben. Wir sollten aber beide Systeme nutzen. 

„Bitte nehmen Sie den Zweittermin wahr“, sagt Frank Reith, Leiter des Corona-Impfzentrums in Fulda

Frage: Am Anfang hieß es, das Corona-Impfzentrum habe eine Kapazität von 1100 Impfungen pro Tag.  
Reith: 1400 bekommen wir hin. Wenn wir die Zeiten noch in den Abend hinein ausweiten, wären es noch mehr. Dazu kommen die Betriebsimpfungen, die ja auch über das Corona-Impfzentrum koordiniert werden. Bisher war immer die Impfstoffmenge das Problem. Aber das wird sich in den nächsten Wochen ändern, dann kommen wir zu einem anderen Problem.
Frage: Das wäre?
Schmitt: Die Impfwilligkeit. Die Frage wird sein: Wie viele derjenigen, die sich impfen lassen können, werden sich auch tatsächlich impfen lassen? Dabei geht es etwa auch um jüngere Menschen, die für sich die Notwendigkeit einer Corona-Impfung nicht sehen.  
Frage: Wie viele Menschen sind mittlerweile im Landkreis Fulda geimpft?
Schmitt: Von den 223.000 Einwohnern haben Stand heute (8. Mai) mehr als 79.000 mindestens die Corona-Erstimpfung erhalten, das sind 35,4 Prozent. Im Land Hessen liegt die Quote bei 30,8 Prozent.
Frage: Man hört immer wieder, dass auch Ältere noch auf einen Corona-Impftermin warten.
Schmitt: Die Über-80-Jährigen sind fast zu 90 Prozent geimpft. Bei den Über-60-Jährigen haben wir bereits mehr als 60 Prozent geimpft. Bei den 20- bis 60-Jährigen sind es auch bereits 25 Prozent. 
Frage: Was ist Ihr Ziel?
Schmitt: Um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, müssen 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein. Wir sehen in anderen Ländern wie Israel oder Großbritannien, dass man bei diesem Wert auch an eine Schwelle in der Gesamtbevölkerung kommt. Wenn ein bestimmter Grad erreicht ist und auch Lockerungsmaßnahmen durchgeführt werden, sinkt der Anreiz, sich impfen zu lassen. Unser Ziel ist es, eine möglichst hohe Impfquote zu erreichen. Mit einer Informationskampagne werden wir speziell nochmal die jüngeren Altersgruppen ansprechen, die derzeit Vorbehalte haben, weil sie selber keinen sehr schlimmen oder tödlichen Verlauf befürchten. Aber diese Fälle gibt es: Zur Zeit liegen auf den Intensivstationen in den drei Krankenhäusern im Landkreis mehr Unter-60-Jährige als Über-60-jährige Covid-Patienten.

Corona in Fulda: „Es gibt keine Impfpflicht“, sagt Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt

Frage: Es heißt, dass zum Beispiel die im Pflegebereich tätigen Menschen sich nur zu 70 Prozent impfen lassen wollen – dabei wäre es gerade da wichtig. Halten Sie das für bedenklich?
Schmitt: Es gibt keine Impfpflicht, jeder hat das Recht, sich dagegen zu entscheiden. Ich kann nur appellieren, sich impfen zu lassen und will da auch über niemandem den Stab brechen. Aber ich halte eine Corona-Impfung für unerlässlich, um sich und andere wirksam zu schützen. 
Frage: In der Woche vom 3. Mai 2021 haben im Corona-Impfzentrum in Fulda die Zweit-impfungen mit AstraZeneca begonnen. Welches Angebot bekommen die Unter-60-Jährigen, die mit Astra geimpft wurden, bevor die Berichte über seltene Nebenwirkungen kamen?
Reith: Die Betroffenen werden beim Aufklärungsgespräch gefragt, ob sie wieder mit AstraZeneca geimpft werden möchten oder auf Biontech umsteigen wollen. Unsere ersten Beobachtungen sind so, dass etwas mehr als die Hälfte auf Biontech wechselt, 40 Prozent bleiben bei AstraZeneca. 
Frage: Rechnen Sie in den nächsten Wochen durch den zusätzlichen Aufklärungsbedarf mit mehr Andrang im Corona-Impfzentrum in Fulda?
Reith: Wir gehen davon aus, dass sich die Wartezeiten verlängern werden. Wir bekommen viele Anrufe mit Fragen, was mit dem Zweittermin ist. Hier kann ich nur sagen: Bitte nehmen Sie den Zweittermin wahr. Vor Ort gibt es die Möglichkeit, sich aufklären zu lassen.  

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Frage: Haben Sie Kenntnis von Komplikationen oder schweren Impfreaktionen, etwa Fällen von Sinusvenenthrombosen, zu denen es nach der Corona-Impfung in Fulda kam?
Reith: Uns sind keine bekannt. Leichtere Impfreaktionen gibt es immer. Wir haben im Corona-Impfzentrum rund um die Uhr einen Rettungsdienst. Es kommt vor, dass manche Personen Kreislaufprobleme haben. Das muss aber nicht unbedingt an der Impfung liegen, sondern kann auch passieren, weil jemand wegen der Situation aufgeregt ist. 
Frage: Inwiefern belastet das Corona-Impfzentrum den Kreishaushalt in Fulda? 
Schmitt: Gar nicht. Zur Hälfte werden die Kosten vom Bund und zur Hälfte vom Land übernommen. Der Landkreis Fulda hat keine eigenen Kosten. Aber davon abgesehen: Das Teuerste sind derzeit gar nicht die Corona-Impfungen, sondern die Schnelltests. Pro Woche werden im Landkreis 25.000 Schnelltests durchgeführt, im Monat sind das 100.000 – da hat man die Betriebskosten eines Impfzentrums schnell raus. Aber, das darf man nicht vergessen: Es ist das Impfen, das uns aus der Pandemie führt und den größten gesellschaftlichen Nutzen hat. Das Testen ist nur eine Zwischenlösung. 

Hinweis

Das Interview mit Frederik Schmitt, Gesundheitsdezernent im Landkreis Fulda, und Frank Reith, Leiter des Corona-Impfzentrums in Fulda ist am 8. Mai 2021 in der gedruckten Fuldaer Zeitung erschienen und ebenfalls am 10. Mai 2021 in einer leicht gekürzten Version online auf fuldaerzeitung.de.

Um das komplette Interview zu lesen, können Sie eine E-Paper-Ausgabe über unsere Fuldaer Zeitung-App kaufen; für Android-Geräte im Google-Play-Store oder für iOS-Geräte im App-Store. Weitere Fragen dazu beantwortet unser Kundenservice unter der Telefonnummer (0661) 280310.

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