Bei einer „echten Grippe“ reicht der Griff zum Taschentuch kaum aus. / Symbolbild: Carsten Rehder/dpa
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Bei einer „echten Grippe“ reicht der Griff zum Taschentuch kaum aus.

Apotheker verkaufen weniger Medikamente

Corona-Maßnahmen machen anderen Krankheiten den Garaus - „Influenza fast nicht mehr zu sehen“

  • vonMarius Scherf
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Es gibt noch andere Infektionskrankheiten als das Coronavirus: Doch die Fallzahlen sind stark rückläufig. Rund 35 Prozent beträgt laut Robert Koch-Institut das Minus bei den meldepflichtigen Krankheiten im Vergleich zu 2019. Auch in der Region zeichnet sich dieser Trend ab. Werden die Menschen durch die geltenden Hygienevorschriften weniger krank?

Fulda - AHA - Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmasken tragen. Im vergangenen Jahr hat diese Formel dazu beigetragen, die Corona-Infektionszahlen zu drücken. Tut sie das auch bei der Verbreitung anderer Viren und Krankheitserreger? Neue Zahlen scheinen diese Vermutung jetzt zu bestätigen.

Für Dr. Jörg Simon, Facharzt für Innere Medizin aus Fulda und Aufsichtsratsvorsitzender im Gesundheitsnetz Osthessen, ist klar: „Die Allgemeinmaßnahmen im Kampf gegen Corona haben zu einem massiven Rückgang der Aerosolübertragung geführt.“ Die Fallzahlen bei den Infektionskrankheiten in der Region seien stark zurückgegangen, besonders bei den Grippefällen. „Influenza ist fast nicht mehr zu sehen“, sagt der Mediziner. (Lesen Sie hier: Apotheken verkaufen weniger Antibiotika: Schützen die Corona-Maßnahmen auch vor anderen Krankheiten?)

Weniger Krankheitsfälle wegen Corona-Maßnahmen: Influenza „fast nicht mehr zu sehen“

Neben den allgemeinen Hygienemaßnahmen macht Simon noch einen weiteren Grund aus, warum weniger Menschen vor allem an der Grippe erkranken: „Deutlich mehr Menschen haben sich im vergangenen Jahr gegen Influenza impfen lassen - sogar Impfgegner waren dabei.“

In Zeiten von Corona scheine die Impfbereitschaft der Bevölkerung zu steigen: Die Hausärzte in Fulda und Umgebung, so berichtet er, hätten im vergangenen Jahr 30 Prozent mehr Grippe-Impfstoff geordert - und diesen auch vollständig verimpft. Das trage zur Immunisierung bei. (Lesen Sie hier: Impfstoff für Grippe knapp - Ärzte in Fulda warten auf Nachschub)

Die Einschätzung der Ärzte wird durch Zahlen des Landkreises Fulda bestätigt: In diesem Jahr wurde noch kein einziger Grippefall formal an das Gesundheitsamt gemeldet (Stand Mittwoch). In vergangenen Jahr hatte die Grippewelle in Fulda Ende Februar ihren Höhepunkt erreicht. Der Lockdown im Frühjahr machte der Grippe dann jedoch den Garaus. Insgesamt waren 2020 im Kreis Fulda 668 Grippefälle gemeldet worden.

Fälle von Infektionskrankheiten, die 2021 an den Landkreis Fulda gemeldet wurden

KrankheitFälle 2021
Tuberkulose1
Salmonellose4
Hepatits E4
Windpocken3
Keuchhusten-
Masern-

Auch andere Infektionskrankheiten im Kreis Fulda gingen bereits im ersten Corona-Jahr 2020 zurück. Die Zahl der Windpockenfälle sank beispielsweise von 58 im Jahr 2019 auf 25 im vergangenen Jahr 2020. Besonders stark war der Rückgang jedoch bei einer weiteren Atemwegserkrankung: Nur vier gemeldete Fälle von Keuchhusten gab es im vergangenen Jahr. 2019 waren es 58.

Die Praxis des Hünfelder Arztes Professor Dr. Dr. Christoph Raschka stellt ebenfalls deutlich weniger Atemwegs- aber auch Magen-Darm-Erkrankungen fest, wie der „Marktkorb“ unlängst berichtete.

Apotheker aus Fulda verkauft weniger Medikamente

Der Trend zeigt sich auch in den Apotheken - gerade auch bei nicht-meldepflichtigen Krankheiten. „Es ist kein Mensch mehr krank“, sagt Justus Schollmeier von der Altstadt-Apotheke in Fulda. Bereits im vergangenen Jahr hat er bis zu 70 Prozent weniger Erkältungsmittel verkauft, und die Nachfrage sinkt weiter und weiter, berichtet er.

Auch bei anderen Medikamenten gibt es einen Rückgang. Besonders fällt ihm auf: Läusepräparate werden kaum noch verkauft. Der einfache Grund: „Die Kitas sind geschlossen, die Kinder stecken sich nicht an.“ (Lesen Sie hier: Erkältungsmittel sind in Corona-Pandemie nicht mehr gefragt - Apotheker aus Fulda gibt Einblicke)

Die Meldezahlen hängen von dem tatsächlichen Gang zum Arzt oder den durchgeführten Tests ab. Die Frage ist: Könnte es sein, dass die niedrigeren Fallzahlen auch mit der Furcht mancher Menschen vor Corona-Ansteckungen in Wartezimmern zusammenhängen? Dass sie also krank sind, aber nicht zum Arzt gehen und somit nicht in die Statistik einfließen?

Video: Corona killt Infektionskrankheiten: Wird die Maske für immer Pflicht?

Für Mediziner Jörg Simon aus Fulda ist dies ein zu vernachlässigender Faktor. Er führt eine Corona-Schwerpunktpraxis. „Ich habe bei meinen Patienten keinen Rückgang aus diesem Grund bemerkt. Ich denke nicht, dass die Menschen, wenn sie krank sind, nicht zum Arzt gehen.“

Dies gelte jedoch nicht bei den Themen Vorsorgeuntersuchungen und Prophylaxe. „Menschen warten hier länger zu Hause, bis sie einen Mediziner aufsuchen.“ Diagnostiken würden dadurch „massiv verschleppt”. Ganz besonders sei das bei Krebs der Fall. „Das sind die Kollateralschäden der Pandemie“, sagt Simon.

Krankenkasse Barmer warnt vor fataler Entwicklung

Auch die Krankenkasse Barmer in Hessen weist auf diese Entwicklung hin. Krankschreibungen und Früherkennungsuntersuchungen gingen etwa bei Krebs stark zurück. Als „fatal“ bezeichnet Carlo Thielmann, Pressereferat der Landesvertretung Hessen, dieses Phänomen. Denn: Eine späte Diagnose vermindere die Heilungs- und Genesungschancen. 

Mit Blick auf die Krankschreibungen stellt die Barmer fest: „Die Zahl der Infektionskrankheiten befindet sich auf einem historischen Tief.“ Nur in einem Feld lasse sich laut Thielmann mit anhaltender Dauer der Corona-Pandemie ein Anstieg feststellen: Bei der Anzahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Krankheiten.

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