In einer Klinik in Sachsen, wo die Intensivstationen aktuell voll sind, wird ein Covid-19-Patient intubiert. Auch in Fulda landen immer mehr Corona-Infizierte auf den Intensivstationen.
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In einer Klinik in Sachsen, wo die Intensivstationen aktuell voll sind, wird ein Covid-19-Patient intubiert. Auch in Fulda landen immer mehr Corona-Infizierte auf den Intensivstationen.

Immer mehr Intensivpatienten

Corona-Lage bereitet Krankenhäusern Sorge: Personal ist erschöpft - und wütend

  • Volker Nies
    VonVolker Nies
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Die Belastung auf den Intensivstationen vor allem durch Covid-19-Patienten wächst seit Tagen stark an. Das Klinikum Fulda und das Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda beginnen, darüber nachzudenken, planbare Operationen zu verschieben.

Fulda - „Die Belastung nimmt stetig zu – und bei den Mitarbeitern wächst der Frust“, berichtet Dr. Thomas Menzel, Vorstandschef im Klinikum Fulda, zur aktuellen Corona-Lage. „Der Frust bezieht sich auf die hohe Zahl der Ungeimpften. Sie sind - ganz nüchtern betrachtet - die Treiber der Pandemie.“ (Lesen Sie dazu: Selbstverschuldet auf Corona-Station: „Ungeimpfte nehmen anderen die Betten weg“)

Menzel ist in großer Sorge: „Die Maßnahmen kommen spät. Selbst wenn sich ab sofort niemand mehr ansteckt, würde die Zahl der Patienten zwei bis drei Wochen weiter steigen.“ In den Hotspot-Ländern Bayern, Sachsen und Thüringen seien die Klinikkapazitäten schon heute erschöpft.

Corona in Fulda: Intensivstationen füllen sich - „bei Mitarbeitern wächst Frust“

Erschöpft seien auch die Pflegekräfte: „Viele sind mit ihrer Kraft am Ende. Manche haben deshalb ihre Arbeitszeit reduziert, was unsere Kapazitäten wiederum reduziert“, berichtet Menzel. „Die Betreuung von Corona-Patienten ist sehr aufwendig und körperlich belastend.“ Auch im Main-Kinzig-Kreis sind die Intensivstationen am Limit.

Vor einer Woche lagen im Klinikum acht Corona-Patienten auf der Normalstation, drei auf Intensiv. Jetzt sind es 18 auf Normalstation und fünf auf Intensiv, davon kommen zwei aus dem Rhein-Main-Gebiet. „Wir erwarten, dass in dieser Woche Patienten aus den Hotspot-Ländern zu uns verlegt werden“, sagt Menzel.

Auf der Normalstation sei die Hälfte der Patienten geimpft - meist ältere Menschen mit länger zurückliegender Impfung -, auf der Intensivstation sei es ein Drittel. Dabei sei die Verfassung der Geimpften robuster als die der Ungeimpften.

Das Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda behandelt zwei Corona-Patienten intensiv und 13 auf der Corona-Station. Es sind Patienten zwischen 50 und 96 Jahren, die Hälfte ungeimpft, wobei bei den Geimpften die Krankheit meist milde verläuft, berichten Geschäftsführer Michael Sammet und Ärztlicher Direktor Dr. Rüdiger Hacker. Die Intensivbetten sind voll belegt. „Wir hatten in den vergangenen Wochen einen deutlichen Anstieg an Corona-Patienten, aber auch bei allen anderen Krankheiten, sodass die Belastung der Mitarbeiter schon jetzt hoch ist“, sagen Sammet und Hacker. (Mit dem Corona-Ticker für den Kreis Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden.)

Immer mehr Corona-Patienten: Sorgen am Herz-Jesu-Krankenhaus wachsen

Sie machen sich Sorgen: „Wir gehen von einer weiteren deutlichen Zunahme der stationären Corona-Patienten in den nächsten Wochen aus. Wir sehen die Gefahr, dass die Kapazitäten nicht mehr reichen.“ Die Stimmung unter Ärzten und Pflegekräften sei sehr angespannt: „Es herrscht bei uns allen großes Unverständnis darüber, wie unvorbereitet Deutschland in die vierte Welle gegangen ist, obwohl viele Experten genau dieses Szenario vorhergesagt haben. Wir haben den Eindruck, dass die jetzige und die zukünftige Bundesregierung den Ernst der Lage nicht erkennt.“ (Lesen Sie auch: Kommt der Lockdown? Immunologe Ulrichs fordert Notbremse)

Im Hünfelder Helios St. Elisabeth Krankenhaus wächst die Zahl der Corona-Patienten ebenfalls. Derzeit liegen sechs Corona-Patienten auf der Normalstation. OPs wurden in Hünfeld noch nicht verschoben, berichtet Sprecherin Gudrun Käsmann. „Aktuell sehen wir uns - trotz steigender Fallzahlen - gut gerüstet, dass die Lage beherrschbar bleibt. Zudem sind wir regional mit allen Kliniken der Nachbarkreise vernetzt und können uns durch Verlegungen unterstützen.“

Video: Überlastete Intensivstationen - Corona-Patienten werden verlegt

Am Eichhof-Krankenhaus in Lauterbach spitzt sich die Lage zu, warnt Innere-Medizin-Chefarzt Tobias Plücker. Das Haus behandelt derzeit einen Corona-Patienten intensiv und acht auf der Normalstation - Patienten von 40 bis 96 Jahren, die Hälfte geimpft.

„Gerade die Zunahme an Infektionen beim Personal parallel zu den insgesamt steigenden Zahlen macht uns zu schaffen. Dazu kommt ein hoher Krankenstand unabhängig von Corona. Das Personal der Krankenhäuser ist einfach erschöpft“, sagt Plücker. „Daher haben wir heute begonnen, zusätzlich Betten zu sperren, und werden anfangen, das planbare Programm zu reduzieren.“

Bundesweite Lage auf Intensivstationen

4070 Covid-19-Patienten lagen am Mittwochnachmittag auf deutschen Intensivstationen.2124 der Patienten wurden laut Divi-Register invasiv beatmet. 19 Prozent aller belegten Intensivbetten waren dem Zentralregister zufolge mit Covid-19-Patienten belegt. 3036 Intensivbetten waren laut Statistik bundesweit noch nicht belegt.

Um Überforderungen bei einzelnen Kliniken zu vermeiden, wird ein so genanntes Kleeblatt-Verfahren angewandt. Mit diesem sollen Patienten-Verlegungen innerhalb benachbarter Bundesländer unkomplizierter möglich sein. Nach Angaben der Intensivmedizinervereinigung Divi passiert das schon seit Anfang Oktober in großer Zahl. Ist das innerhalb eines Kleeblatts nicht mehr möglich, sollen bundesweite Verlegungen stattfinden.

Aktiviert wurde das System laut Divi nun durch das besonders von Corona betroffene Bayern, sowie durch Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Berlin. Bayern bildet das Kleeblatt Süd, die anderen Länder bilden gemeinsam mit Sachsen-Anhalt das Kleeblatt Ost. Von dort sollen nun in den kommenden Tagen rund 80 Patienten bundesweit verlegt werden - vornehmlich in Regionen, die weniger stark von der Corona-Pandemie betroffen sind. Aktuell gibt es etwa im Norden der Republik und in Hessen noch freie Kapazitäten.

In der Pflege sei man zum Teil verzweifelt, sagt Plücker: „Alle Warnungen im Sommer wurden ignoriert. Unser Land ist sehenden Auges in diesen katastrophalen Winter gefahren. Schon Ende Juli habe ich nach dem Beispiel Israel eine Booster-Impfung angeregt. Jetzt wird noch nicht einmal mehr vom Balkon geklatscht. Insbesondere unsere Impfquote erschreckt mich doch.“

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