Wegen Corona gelten auch im Hospiz Kontaktbeschränkungen.©pikselstock - stock.adobe.com
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Wegen Corona gelten auch im Hospiz Kontaktbeschränkungen.

Lage im Hospiz in Fulda

Corona-Kontaktbeschränkungen kurz vor dem Tod: „Es ist tragisch und eine ethische Misere“

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Ein tröstender Händedruck, eine Umarmung oder ein Lächeln, das nicht von einer Maske verdeckt wird: Gerade in der letzten Lebensphase kann Nähe für Sterbende, aber auch für die Angehörigen ein Trost sein. Doch in der Pandemie ist das schwierig.

Fulda - „Es ist stets ein Abwägen zwischen Menschlichkeit und Infektionsschutz“, sagt Dr. Sebastian Schiel. Der 45-Jährige ist Direktor des Zentrums für Palliativmedizin am Klinikum Fulda. Er erinnert sich an eine Situation, wo genau dieser Konflikt auf die Spitze getrieben wurde: „Wir hatten eine schwerstkranke Patientin, deren Ehemann positiv auf Corona getestet worden war. Auch die Kinder waren in Quarantäne. Wir mussten der Familie dann sagen, dass sie die Frau vorerst nicht besuchen können“, sagt Schiel.

Letztlich seien in der Zeit andere Kontaktpersonen gekommen, die Frau sei in diesen Wochen glücklicherweise auch nicht in die Sterbephase gekommen. „Aber das ist schon schwierig. Einerseits müssen wir der Ethik gerecht werden, auf der anderen Seite gilt es, das Klinikum und das Team vor Infektionen zu schützen.“

Fulda: Corona-Kontaktbeschränkungen kurz vor dem Tod

Und dazu gehört auch: so wenig Körperkontakt wie möglich. „Jemanden tröstend in den Arm nehmen, die Hand berühren – solche Gesten sind nicht möglich, da ,verhungern‘ wir momentan“, sagt Schiel und nennt es eine „ethische Misere“. Die Maßnahmen seien richtig, aber in der Konsequenz tragisch.

Dagmar Pfeffermann, Leiterin des Hospizes St. Elisabeth in Fulda, erklärt: „Wir haben einen Beruf, der viel auf Berührung und Nähe fußt, bei den Patienten, aber auch bei den Angehörigen. Es kommt vor, dass Angehörige, die traurig sind, uns in den Arm fallen. Das ist weniger geworden.“ (Lesen Sie hier: Wenn Corona an Bedeutung verliert - Einblicke in das Hospiz in Fulda)

Auch Kontakte zwischen den Angehörigen der verschiedenen Patienten seien derzeit unterbunden: „Normalerweise können die Angehörigen und die Bewohner an einer großen Tafel zusammensitzen. Dieses offene Konzept, das uns immer ausgezeichnet hat, dürfen wir jetzt nicht ausüben“, sagt Pfeffermann.

Und auch die Ehrenamtlichen, die über die Malteser eine Ausbildung zum Hospizbegleiter gemacht haben, sind seit Monaten nicht im Haus. „Es gab einige, die für Härtefälle hätten kommen dürfen, also für Menschen, die keine Angehörigen haben. Das mussten wir in letzter Zeit aber nicht in Anspruch nehmen“, sagt die Leiterin.

Video: Kein leichtes Los - Hospizarbeit während Corona

Im Hospiz St. Elisabeth gibt es Platz für acht Patienten. Bei der Aufnahme werden sie auf Corona getestet. Auch die Besucher bekommen einen Test und dürfen kommen – und sogar rund um die Uhr bleiben, wenn sie möchten: „Das ist immer die erste Frage der Angehörigen: Wie ist es mit den Besuchsmöglichkeiten?“, stellt Pfeffermann heraus. Generell sollten sich die Angehörigen etwas absprechen. „Wir hatten als Richtlinie pro Tag zwei Besucher, hin und wieder können aber auch mehr kommen. Gerade in der finalen Phase ist das unbegrenzt.“

So wird das auch auf der Palliativstation am Klinikum gehandhabt, wo es zehn Betten gibt: Wer eine Person besuchen möchte, der muss sich vorher anmelden und testen lassen. Eine Einschränkung, wie lange man bleiben darf, gibt es nicht. „Aber es sollten in der Regel nicht mehr als zwei Personen gleichzeitig beim Patienten sein“, erklärt Schiel.

Es sei für die Trauerbewältigung wichtig, dass die Angehörigen sich angemessen verabschieden können. „Ich glaube, da haben wir in der Vergangenheit einiges versäumt. Ich gehe davon aus, dass einige Angehörige längere und auch nicht abgeschlossene Trauerprozesse erleben“, befürchtet Schiel. Gerade bei Corona-Patienten, die versterben, sei der Abschied schwierig. „Zu Beginn der Pandemie wurde aus Angst der Kontakt völlig unterbunden. Mittlerweile hat man erkannt, dass ein Mindestmaß an menschlichem Kontakt notwendig ist.“

„Es ist tragisch und eine ethische Misere“

Dr. Sebastian Schiel (45), Vorstandsmitglied im Hospiz-Förderverein und Direktor im Zentrum für Palliativmedizin am Klinikum Fulda,

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie bei Ihrer Arbeit?
Nähe gehört zu unserem Beruf. Doch viele Gesten sind momentan nicht möglich. Was die Besuchsregeln betrifft, so hatten wir immer einen Sonderstatus. Die Besucher werden getestet, können aber kommen, so oft sie wollen. Für Angehörige ist es wichtig, sich verabschieden zu können. Sie müssen den Tod auch bildlich begreifen.
Ist ein würdiger Abschied in den jetzigen Zeiten überhaupt möglich?
Ja, ein würdiger Abschied ist auch in diesen Zeiten absolut möglich. Wir ermöglichen es den Angehörigen, bei dem Sterbenden zu sein. Das gilt auch für Corona-Patienten. Natürlich müssen hier die Schutzvorkehrungen eingehalten, Schutzkleidung und Mundschutz getragen werden.
Reduzierte Kontakte, nur 30 Leute bei Trauerfeiern: Halten Sie die Vorgaben für richtig?
Die Regeln, Kontakte zu begrenzen, sind leider notwendig. Es ist tragisch und eine ethische Misere, aus der wir nicht rauskommen. Die Einsamkeit ist bei einigen Patienten deutlich zu spüren. Und man sieht auch, welch positive Wirkung der Kontakt zu Angehörigen hat. Das ist für viele heilsam. Wir haben einige iPads gespendet bekommen, die die Patienten nutzen, um die Angehörigen zu kontaktieren, das ersetzt zwar kein persönliches Gespräch, hat aber trotzdem total geholfen.

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