Der Saal im Kreuz wurde Corona-konform umgebaut.
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Der Saal im Kreuz wurde Corona-konform umgebaut.

„Wie Rentner ohne Rente“

Kulturszene in Fulda am Limit: Das sagen die Veranstalter und Unternehmen zum harten Corona-Lockdown

  • Anke Zimmer
    vonAnke Zimmer
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Es geht ans Eingemachte. Nach einer kurzen Erholung im Sommer und Frühherbst steht das kulturelle Leben wieder still. Was bedeutet das für die Veranstalter und Unternehmen?

Fulda - Der Corona-Lockdown zwingt die Kulturschaffenden zum Stillstand. Das Kulturzentrum Kreuz, Provintour, die Alte Piesel und spotlight erzählen, wie es ihnen damit geht.

Kulturzentrum Kreuz: „Wir sind ein bisschen verzweifelt“, sagt Katja Schmirler-Wortmann, Vorsitzende, Geschäftsführerin und Programmplanerin beim Kulturzentrum Kreuz in Fulda. „Denn wir wissen nicht, wann und wie es wieder losgehen wird.“ Was Veranstaltungen betrifft, da „sind wir stillgelegt“, sagt sie, und gerade diese Unsicherheit wegen der Corona-Pandemie sei belastend für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen. Viele Mitarbeiter seien nach wie vor in Kurzarbeit, „und wir müssen jetzt einfach bis Mitte Januar warten“. Aber „als soziokulturelle Einrichtung stehen wir dank der Förderprogramme und weil die Stadt Fulda uns unterstützt nicht vor der Insolvenz, nicht vor dem Aus“. Dennoch sei die finanzielle Situation alles andere als gut.

Kulturszene in Fulda am Limit: Das sagen die Veranstalter und Unternehmen zum Corona-Lockdown

Däumchen dreht das Kreuz-Team wegen des Lockdowns aber noch lange nicht. So wird zum Beispiel die Digitalisierung vorangetrieben. Und da ist noch das Projekt „Trafo“ der Kulturstiftung des Bundes. Dabei geht es unter anderem um Kulturangebote im ländlichen Raum, in diesem Fall im Vogelsbergkreis. „Die Zusage für die Teilnahme an diesem Projekt haben wir bereits im Dezember 2019 bekommen, also vor Corona“, sagt Schmirler-Wortmann. Wegen des Lockdowns könne sie sich aber nun verstärkt dem Thema widmen. Kurzum: „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand.“ (Lesen Sie hier: In unseren Online-Lesungen lesen Autoren aus ihren Büchern)

Provinztour: „Wir haben jetzt faktisch seit zehn Monaten ein absolutes Berufsverbot, und ich gehe davon aus, dass dieses auch noch mindestens für vier Monate andauern wird“, sagt Rolf Weinmann von der Konzertagentur Provinztour, die für mehrere Großevents wie etwa viele Fuldaer Open-Air-Veranstaltungen zuständig ist. „Das heißt also: Mehr als ein Jahr keinerlei Einnahmen, aber viele Kosten laufen weiter oder sind verloren, zum Beispiel die Werbekosten für alle Veranstaltungen, Personal etc.“ Alle geplanten Shows mussten abgesagt werden, und auch für den kommenden Frühling hat Provinztour schon einige Termine verschoben.

„Wir haben tatsächlich für die meisten Veranstaltungen im Mai und Juni bereits einen Plan B in der Schublade. Denn wir wollen keine Shows mehr absagen, sondern maximal noch auf einen späteren Termin verlegen“, fügt er hinzu. Der Blick in die Zukunft macht ihn nicht ganz so zuversichtlich: „Bei uns werden die Rücklagen, die wir in den letzten Jahren angesammelt haben, bis nächsten Sommer nahezu komplett verbraucht sein, so dass der geplante Ruhestand um einige Jahre verschoben werden muss. Ich denke, dass man erst 2022 wieder Gewinne mit Konzerten wird erzielen können.“ Das Weihnachtsgeschäft sei da kein Rettungsanker. Provinztour verkauft derzeit 90 bis 95 Prozent weniger Karten als in normalen Jahren.

Weinmann weiter: „Der Vorverkauf für die Sommerkonzerte läuft durchwachsen, wobei ich sagen kann, dass Fulda mit Abstand die meisten Tickets verkauft von allen Städten, in denen wir arbeiten. Vor allem das ältere Publikum ist noch zurückhaltend, die jüngeren Leute sind da doch deutlich optimistischer.“

Fuldaer Kulturszene im Corona-Lockdown - „Wie Renter ohne Rente“

Alte Piesel: Konzerte und ein kühles Bier: Die Alte Piesel in Dirlos ist Konzertort und Kneipe in einem. Jetzt sind alle Schotten dicht, und zwar bis zum 19. Februar. Denn der Betreiber Michael Kling hat nach mehrmaligen Terminverschiebungen vorerst die Reißleine gezogen. Er sagt: „Die Soforthilfe im Frühjahr haben wir erhalten. Es hat sich als klug erwiesen, diese direkt in den neuen Biergarten der Piesel zu investieren. So konnten wir in den Sommermonaten zumindest etwas Programm anbieten. Das Publikum hat dieses Angebot sehr gerne angenommen. Wir hatten gehofft, im Herbst wieder durchstarten zu können, aber es kam anders.“

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Erneute Finanzhilfen wurden beantragt und zum Teil auch überwiesen, „aber das kann einen funktionierenden Betrieb natürlich nicht ersetzen“. Und Kling fügt mit dem Blick auf die Zukunft hinzu: „Ich persönlich befürchte, dass es erst im Herbst 2021 so langsam wieder aufwärts gehen wird. Es fühlt sich derzeit so an wie Rentner ohne Rente.“

spotlight: Auch das Fuldaer Musical-Unternehmen spotlight verzeichnet ein um 90 Prozent rückläufiges Weihnachtsgeschäft. Wie Geschäftsführer Peter Scholz meint, sei dies auf die derzeit noch herrschende Unsicherheit zurückzuführen. „Wer kauft denn jetzt Karten?“, fragt er. Aber er ist zuversichtlich. „Wir müssen jetzt geduldig sein. Doch Anfang 2021 wird vieles in Bewegung kommen“, glaubt er und setzt auf die vorgesehenen Impfstoffe. Dann werde es zu einer „neuen Normalität“ kommen. „Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass wir im Sommer spielen werden“, sagt er mit Blick auf „Robin Hood“. Überhaupt: „Weihnachten ist doch die Zeit der Hoffnung, und ich hoffe, dass wir 2021 eine Lösung für das Problem Corona gefunden haben werden.“

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