Felix Wessling will den Löwen am Leben halten.
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Felix Wessling will den Löwen am Leben halten.

Fuldaer Kultkneipe

Steigt der Löwe aus der Asche? Betreiber Felix Wessling schließt Comeback nach Corona nicht aus

  • Leon Schmitt
    vonLeon Schmitt
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Die Corona-Pandemie hat dem Löwen in Fulda den Garaus gemacht. Hunderte Menschen haben auf außergewöhnliche Weise Abschied von der beliebten Kultkneipe genommen. Doch für immer ist dieser Abschied vielleicht nicht, sagt Betreiber Felix Wessling.

Fulda - Mittwoch, 30. Dezember. Nur wenige Menschen sind in Fulda unterwegs. Die meisten von ihnen dürften auf dem Heimweg sein, andere scheinen hingegen eher ziellos durch die Stadt zu schlendern. Eines dürfte die Spaziergänger an diesem Abend überraschen: Aus dem gelben Eckhaus am Peterstor 1 wummert Bass, und buntes Discolicht strahlt durch das erkerartige Fensterband im ersten Stock. Ein fremd gewordenes Bild, bei dessen Anblick manch eingerostetes Tanzbein zuckt. Während der Rest Fuldas ruht, steigt im Löwen eine Party. DJ Daniel Kraus und DJane Harriet Hobeck bringen an den Turntables moderne Hits und Evergreens in Einklang. Zwischendurch feuert Kraus unechte Geldscheine aus einer Spielzeugpistole ab. Die Banknoten trudeln einen Moment lang durch das Licht und segeln dann zu Boden.

Eigentlich würden sie jetzt von 150 Feiernden zertrampelt werden oder als Papierflieger in Richtung DJ-Pult zurückfliegen. Diesmal aber nicht: Die Scheine bleiben unberührt auf der leeren Tanzfläche im ersten Stock liegen. Dort kaschieren sie Altersflecken - zerschmetterte Gläser und Zigarettenglut haben den kalten Steinboden gezeichnet. Seit einigen Monaten sind keine weiteren „Narben“ hinzugekommen. Am 12. März, wie sich Betreiber Felix Wessling erinnert, war der Löwe das letzte Mal als Club geöffnet. Im Sommer konnten lediglich Sitz-Partys - also mit Tischen und Stühlen - veranstaltet werden. Auch am 30. Dezember fallen weder Scherben noch Kippen auf den Boden. Denn obwohl im Löwen nach langer Zeit und zum vorerst letzten Mal Party-Stimmung herrscht, mussten die Gäste ob der Corona-Pandemie ausbleiben. (Lesen Sie hier: Corona zwingt Fuldaer Kultkneipe in die Knie: Der Löwe macht dicht)

Corona-Schließung in Fulda: Der Löwe feiert digitalen Abschied

Keiner trinkt unten ein erstes Bier, niemand fällt einem auf der Treppe nach oben entgegen, und die Kleiderhaken in der Garderobe des Löwen sind leer. Auf den Fensterbänken tummeln sich keine Miesepeter, deren Freunde sie zum Tanzen animieren wollen, oder Schnapsdrosseln, die beim Vorglühen übertrieben haben, und an der Theke gibt es niemanden, der mit Geldscheinen wedelnd Handgranaten bestellen will. Der Foto-Automat spuckt keine Collagen lustiger Grimassen aus, und niemand hebt den Tischkicker an und lässt ihn dann krachend wieder zu Boden fallen, um den Ball aus der Spielfeldecke zu befreien.

Fotogalerie: Ein Gang durch den verwaisten Löwen

Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam.
Ein Gang durch den Löwen weckt Erinnerungen an Party-Abende - bevor Corona kam. © Leon Schmitt

Vor den Boxen zappeln keine Menschen, und niemand bittet die DJs flehentlich, endlich sein Lieblingslied zu spielen. Auch der klassische Rausschmeißer-Song „Wer hat an der Uhr gedreht?“ bleibt aus. Und so zieht diesmal kein Schwarm Menschen um drei Uhr nachts vom Löwen in Richtung S-Club oder nach Hause.

Heute undenkbar: Manchmal - so wie hier bei einer „Handtuchparty“ - passte kein einziger Mensch mehr in den Club.

Denn am Abend des 30. Dezember sind die Party-Gäste bereits daheim. Durch Laptop- und TV-Screens miteinander vernetzt tanzen sie zu den gleichen Liedern – aber jeder in seinen eigenen vier Wänden. Die wohl letzte Party im Löwen, wie ihn die Fuldaer kennen, wird vom Fotografen Johannes Ruppel live im Internet gestreamt. Hunderte schauen sich die Veranstaltung an und nehmen Abschied.

„Zwitter zwischen Club und Bar“: Wie sich der Löwe zur Kultkneipe in Fulda mauserte

So hatte sich Betreiber Felix Wessling den „Last Roar“ - also „das letzte Brüllen“ seines Löwen - sicher nicht vorgestellt, als er den Laden vor zehn Jahren übernommen hat. Damals war der gelernte Einzelhändler 27 Jahre alt und auf der Suche nach einem geeigneten Gastronomie-Objekt in Fulda. Am Peterstor 1 wurde er fündig. Die Kreuz GmbH gab den Löwen auf, nachdem sie die ehemalige Traditionsgaststätte in eine Szenekneipe umgewandelt hatte. Als auch der neue Pächter, André Poser, die Segel strich, schlug Wessling zu. Die Anfangszeit war holprig, gesteht der 39-Jährige. „Ich wollte einen Einzelhandel mit einem Cafe-Bar-Betrieb verknüpfen“, erzählt er. Im Erdgeschoss verkaufte er Schuhe von Puma, für die er aufgrund einer Zusammenarbeit in der Vergangenheit einen Exklusivvertrag hatte. Im oberen Stockwerk liefen Zapfhahn und Kaffeemaschine. „Das funktionierte nicht so gut“, sagt Wessling.

An warmen Sommerabenden lockte der Löwe zahlreiche Menschen zum Doll.

Er schwenkte auf die reine Gastronomie um und konnte Kinderkrankheiten ausmerzen. Bald wurde sein „Zwitter zwischen Club und Bar“, wie er den Löwen bezeichnet, in Fulda immer beliebter. „An einem normalen Samstagabend sind rund 300 bis 350 Leute gekommen“, sagt der Betreiber. Die Beliebtheit des Löwen erklärt sich Wessling vor allem durch die lockere Atmosphäre. „Jeder konnte Gast sein. Egal welche Hautfarbe, Nationalität oder Kleidung. Wer Respekt gezeigt hat, war willkommen.“

Erfolgsgeschichte Handgranate: Revolverheld kommt auf den Geschmack

Mit der Zeit ist um den Löwen ein wahrer Kult entstanden. Es gibt Kaffee-Tassen, T-Shirts und Pullover. Eine der größten Besonderheiten des Löwen ist die so genannte Handgranate: In einem Caipirinha-Glas, das Red Bull enthält, sind zwei Shot-Gläser – eines mit Wodka und das andere mit Jägermeister befüllt – verkeilt. Sobald einer der beiden Shots, wie der Stift bei einer Handgranate, gezogen wird, fällt der andere in das Red Bull. Die erste Handgranate hatte ein Freund Wesslings bestellt, der sie wohl aus einem Ski-Gebiet kannte. „Das war in einem Winter in der Anfangszeit“, erinnert sich der Betreiber. Weil bis dato das Getränk im Löwen unbekannt war, brauten die beiden es gemeinsam. Die Handgranate war geboren.

Die Handgranate war das Kultgetränk des Löwen.

Welche Wellen das Getränk schlagen würde, dürften weder Wessling noch sein Kumpel geahnt haben. Anhand einer Anekdote wird die Erfolgsgeschichte aber recht gut deutlich: „Als wir eines Sommers eine 90er-Party feierten, sind mir fünf Gäste aufgefallen, die ich zuvor noch nie gesehen hatte“, erinnert sich Wessling. „Es stellte sich heraus, dass sie aus Hamburg kommen und gerade ein Konzert auf dem Domplatz in Fulda gespielt hatten: Es war die Band Revolverheld.“ Natürlich wurde den Musikern die Löwen-Spezialität vorgesetzt. Den Männern gefiel der Drink offenbar gut. Denn als Wessling später bei einer Zugfahrt in einem Neon-Magazin blätterte, blieben seine Augen auf einer der Hochglanz-Seiten hängen. „Stars wurden zu ihren Top-Sommer-Getränken befragt, und Revolverheld nannten die Handgranate.“

Viele Geschichten hat Wessling zu erzählen, doch am meisten schwärmt er von den Freundschaften, die er in den 10 Jahren als Löwen-Betreiber geknüpft hat - zu seinen ehemaligen Mitarbeitern, zu Gästen, aber auch zu Innenstadt-Nachbarn wie Mischa Krewer und Oliver Baumgart vom 43einhalb. Außerdem ist der 39-Jährige stolz, dass der Löwe in den vergangenen zehn Jahren in Fulda zu einem „Place to be“ für jedermann wurde.

Wessling würde Löwen wieder öffnen, wenn Club-Betrieb wieder möglich ist

Umso schwerer fiel ihm die Entscheidung, die Szenekneipe dicht zu machen. Aber: „Der Löwe hat mich dieses Jahr nur Geld gekostet.“ Auch in absehbarer Zukunft sieht er keinen Silberstreif am Horizont: „Ich glaube nicht, dass wir den Laden nochmal rappelvoll machen können“, sagt Wessling. Dafür seien die Leute durch die Corona-Pandemie zu stark sensibilisiert. „Das Club-Bar-Party-Konzept ist vorerst tot.“ So lautet seine Resignation. Er habe allerdings Hoffnung, dass es nach ein bis zwei Jahren wiederbelebt werden könne.

Auch der Löwe ist noch nicht ganz gestorben. Zwar ist der Pachtvertrag mit der Heurich GmbH & Co. KG zum 1. Januar ausgelaufen, das meiste des Inventars steht aber noch im Gebäude. Für diese Möglichkeit ist Wessling den Verpächtern dankbar: „Ich bin froh, dass mir mit dem Auszug Zeit gelassen wird.“ Das ist besonders deshalb wichtig, weil er im zweiten Stock ein Büro eingerichtet hat. Von dort aus lenkt er mit einem Kollegen, einer Mitarbeiterin und zwei Azubis die Geschicke der Heimat und der alten Schule. Anders als der Löwe können beide Betriebe auch während der Corona-Pandemie weitgehend geöffnet bleiben – wenn auch nur für Essen „to go“.

Für den Löwen ist eine Öffnung vorerst nicht in Sicht, ganz ausschließen will Wessling ein Comeback allerdings nicht. „Wenn der Club-Betrieb irgendwann wieder möglich sein sollte, dann könnte ich mir vorstellen, den Löwen wieder aufzumachen.“ Falls die Immobilie am Peterstor 1 bis dahin anderweitig verpachtet ist, würde er sich auch nach einer neuen Location umschauen. Er wünscht sich, dass der Löwe weiterlebt und „wir in zwei Jahren unseren Platz im Veranstaltungsbereich in Fulda gefunden haben.“ Alle Fans des Löwen können also hoffen, dass „Paulchen Panthers“ Versprechen im Rausschmeißer-Lied „Wer hat an der Uhr gedreht?“ auch diesmal eingehalten wird.

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