Ab dem 29. März ist es in Hessen mit dem Terminshopping erst mal wieder vorbei. Dann heißt es in den Geschäften wieder „Click and collect“. (Symbolfoto)
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Ab dem 29. März ist es in Hessen mit dem Terminshopping erst mal wieder vorbei. Dann heißt es in den Geschäften wieder „Click and collect“. (Symbolfoto)

Hoffnung auf Öffnungen

„Einzige Lösung“: City-Marketing unterstützt Bewerbung Fuldas als Modellregion - Kritik an Corona-Strategie

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Drei Wochen lang durften die Einzelhändler in Hessen ihre Geschäfte unter strengen Auflagen öffnen. Ab dem 29. März ist es damit wegen steigender Corona-Inzidenz wieder vorbei: Statt „Click and Meet“ heißt es dann wieder „Click and Collect“. Hoffnung gibt den Einzelhändlern die Bewerbung Fuldas als Modellregion für eine Öffnungsstrategie.

Fulda - „Eine solche Öffnungsstrategie mit umfassenden Tests für alle, die einkaufen, ins Theater oder ins Restaurant wollen, ist die einzige Möglichkeit, langfristig aus dem Shutdown herauszukommen“, sagt Reginald Bukel (47), Vorsitzender des City-Marketings Fulda. Das City-Marketing habe bei der Bewerbung Fuldas als Modellregion für eine Corona-Öffnungsstrategie eng mit der Stadt Fulda zusammengearbeitet, berichtet Bukel.

„Die Infrastruktur für umfassende Corona-Tests ist in Fulda mittlerweile gut aufgestellt“, argumentiert Bukel. Es gebe ausreichend Testzentren. Und mit einem negativen Testergebnis spreche nichts dagegen, shoppen, essen oder ins Theater zu gehen. „Ob diese Strategie dann funktioniert, werden wir sehen“, sagt der Vorsitzende des Fuldaer City-Marketings. Wenn nicht, müsse man andere Ideen entwickeln. Nur eines geht in Bukels Augen gar nicht: „Wir können nicht dauerhaft geschlossen bleiben, dann gibt es bald keinen Einzelhandel und keine Gastronomie mehr.“

City-Marketing Fulda zur Corona-Strategie: Wir können nicht dauerhaft schließen

Bereits am Dienstag hatte Bukel gegenüber unserer Zeitung die neuen Regeln des Landes Hessens in der Corona-Pandemie kritisiert: „Ich halte die Beschlüsse für politischen Murks“, sagte er. „Wir müssen doch berücksichtigen, welchen Beitrag der Einzelhandel bereits geleistet hat.“ Die Infektionsherde seien zuletzt Kitas, Schulen oder Betriebe gewesen, gerade der Einzelhandel aber nachweislich nicht.

„Richtig sauer“ ist auch Tanja Link (53) aus der Geschäftsleitung von Möbel Punkt Thalau. „Click and Meet“ als erste Lockerung des Corona-Shutdowns habe ihrem Haus und den Kunden sehr geholfen. „Der Bedarf ist riesig. Im Supermarkt interessiert sich niemand dafür, wie viele Leute dort einkaufen, bei uns kommt auf einen Kunden ein Verkäufer“, argumentiert sie. „Wir können Abstände einhalten, und die Anzahl der Kunden war immer wie vorgegeben beschränkt.“

Corona-Notbremse stößt bei Händlern in Fulda auf Kritik

Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda, kritisiert, dass mit der Notbremse alle gerade wieder erwachten Hoffnungen der betroffenen Branchen auf weitere Lockerungen wieder zerstört seien. „Und sicher auch weitere unternehmerische Existenzen“, so Konow. Er hatte bereits die Lockerungspläne Anfang März als nicht mutig und weitreichend genug kritisiert.

Umso mehr begrüßt er die Bewerbung Fuldas als Modellregion für eine Öffnungsstrategie: „Wir unterstützen das auf ganzer Linie.“ Die Bewerbung sei das einzig Richtige, nur so sei ein noch größerer Schaden durch den Shutdown zu verhindern. „Mit den vielen Schnelltestzentren, die es in der Region mittlerweile gibt, ist die passende Infrastruktur geschaffen, die eine Voraussetzung für den Erfolg bildet“, argumentiert der IHK-Hauptgeschäftsführer. Zudem hätten Gastronomen und Händler der Region viel Geld in gute Hygienekonzepte investiert.

Bis es in der Fuldaer Innenstadt wieder so aussieht, könnte es schneller gehen als gedacht - mit der Bewerbung Fuldas als Modellregion.

In ihrer Regierungserklärung am Donnerstagmorgen hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Kommunen dazu aufgerufen, sich Strategien für einen Ausweg aus dem Lockdown zu überlegen: „Es ist keinem Bürgermeister und keinem Landrat verwehrt, das zu tun, was in Tübingen und Rostock gemacht wird“, sagte Merkel, wie tz.de berichtet. Der Bund werde immer unterstützend tätig sein.

Die Stadt Fulda wolle dennoch zunächst nicht auf eigene Faust tätig werden, sagte die Pressestelle der Stadt auf Nachfrage unserer Zeitung. Man halte die Bewerbung als Modellregion aufrecht und wolle in Abstimmung mit dem Land Hessen handeln. Auch IHK-Geschäftsführer Michael Konow hält Wildwuchs beim Öffnen für den falschen Weg: „Man sollte da schon ein Konzept haben und hessenweit abgestimmt handeln.“

Die Grünen-Fraktion der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung unterstützt den Vorstoß der Stadt, sich als Modellregion zu bewerben, ebenfalls. „Das Modell der Stadt Tübingen, mit einer Art ‚Tagesticket‘ aus negativem Corona-Test Geschäfte, Gaststätten und kulturelle Einrichtungen besuchen zu dürfen, könnte auch für Fulda mittelfristig ein Ausweg aus der Existenzkrise für Handel, Kultur und Gastronomie aufzeigen“, schreibt Fraktionsmitglied Ernst Sporer in einer Pressemitteilung. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass der hohe Inzidenzwert deutlich gesenkt werde, um die Anforderungen an eine Modellregion zu erfüllen.

Video: Tübingen macht es vor - So könnten Corona-Lockerungen funktionieren

Statt Öffnungsstrategie stand bis Mittwochvormittag noch ein harter Oster-Lockdown auf dem Programm: Froh, dass die geplanten Ruhetage über Ostern wieder gekippt sind, dürfte Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet sein. Gegenüber unserer Zeitung sagte er am Dienstag: „Die Entscheidung, am nachfragestärksten Tag des Jahres, dem Gründonnerstag, schließen zu müssen und damit die Kundenfrequenz auf die nur drei Tage davor zu verlegen, setzt unsere Kunden und Mitarbeiter nur unnötig unter Druck.“

Bund und Länder hatten in der Nacht zu Dienstag unter anderem einen verschärften Oster-Lockdown vom 1. bis 5. April beschlossen, um das öffentliche, private und wirtschaftliche Leben stärker herunter zu fahren. Der Gründonnerstag und der Karsamstag sollten dafür zu Ruhetagen erklärt werden. Daran war aber massive Kritik laut geworden, es gab zudem große Verwirrung um die praktische Umsetzung.

Tegut-Chef Thomas Gutberlet zu Osterruhe: Lieferketten hätten sich kaum umstellen lassen

Hätten die Lebensmittelmärkte nicht öffnen dürfen, wäre es laut Gutberlet noch schwieriger geworden, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Auch logistisch wäre eine Osterruhe für den Lebensmittelhandel laut Gutberlet eine Herausforderung geworden: „Wir hätten ein Drittel mehr Lkw gebraucht und auch die landwirtschaftlichen Lieferketten hätten sich kaum mit so geringem Vorlauf umstellen lassen.“

Weil die sogenannte Osterruhe für so viel Wirbel gesorgt hatte, hatte die Bundeskanzlerin den Beschluss am Mittwochvormittag wieder gekippt. Der gesamte Vorgang habe zusätzliche Verunsicherung ausgelöst, sagte die CDU-Politikerin in Berlin. „Das bedauere ich zutiefst und dafür bitte ich alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung.“

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