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Auf die zwischenmenschliche Funktion von Kultur und Kunst mussten die Menschen durch die Coronakrise lange verzichten.

Zwischenmenschliche Funktion

Wie wichtig ist Kultur für die Psyche? Psychotherapeut aus Fulda liefert Einschätzung

  • Alina Komorek
    VonAlina Komorek
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Der Wunsch nach Gespräch und Orientierung durch Kunst und Kultur: Psychotherapeut Wolfgang Schwerd und Katja Schmirler-Wortmann vom Kulturzentrum Kreuz berichten von der zwischenmenschlichen Funktion der Kultur.

Fulda - Endlich. Wieder unterhalten, neue Menschen treffen, gemeinsam essen. Endlich. Katja Schmirler-Wortmann freut sich, dass sie sich mit Wolfgang Schwerd über die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft unterhalten kann. Live und in Farbe, im direkten Gespräch. Aus der Geschäftsführerin vom Kulturzentrum Kreuz in Fulda sprudelt es nur so heraus. Es geht heute um ihre Leidenschaft: Um das Leben mit, von und für die Kultur. Und darum, was mit denMenschen und der Gesellschaft passiert, wenn sie, wie jetzt gerade, schon länger fehlt.

Der Fuldaer Psychotherapeut Wolfgang Schwerd liefert unserer Zeitung eine Einschätzung.

„Eine Zeit lang haben wir eine gewisse innere Stärke, das Fehlen der Kultur aufzufangen“, sagt die 51-Jährige. Sie berichtet, dass der Stress, die Unsicherheit so groß werden können, dass es bei einzelnen Kulturschaffenden zu regelrechten körperlich erlebten Zusammenbrüchen kam. Es war zu viel, es ging nicht mehr. „Ich habe lange durchgehalten und kann auch durchhalten. Dann hat der Körper gesagt, dass es nicht mehr geht.“ Es folgte die Zeit der Öffnungen, die Zahlen gingen runter, das öffentliche Leben wurde wieder hochgefahren. Ihr als Kulturschaffenden ging es sogleich besser. Und mit der Stadt Fulda kann das Kreuz nun sogar Veranstaltungen für den Sommer planen. Die Reihe, die für den Sommer entstanden ist, trägt den Titel: „Kultur.Findet.Stadt“.

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Psychologe aus Fulda liefert Einschätzung: Die Seele dürstet nach Kultur

„Da ist nicht umsonst die Doppeldeutigkeit drin“, erklärt Psychoanalytiker Wolfgang Schwerd und weist auf den Begriff der Agora hin. Denn auf den Marktplätzen der altgriechischen Städte fand die Kultur statt – hier tauschten sich die Menschen aus. Das Mittel für den Austausch: Das gesprochene Wort. „Oder das gesungene Lied. Es ist ja schön, dass es Schallplatten gibt, aber das ersetzt nicht das Live-Erlebnis.“ Es sei nicht nur das gemeinsame Erleben, das seit Beginn der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie verloren gehe. „Die Kultur hat auch die Aufgabe, über das zu berichten, was passiert.“ Das ist der Austausch, der auf der Agora stattfindet. „Da bricht nicht nur eine Person zusammen“, sagt Schwerd mit Blick auf die Erfahrungen von Schmirler-Wortmann. Was mit der Kultur ersatzlos wegfällt, ist die Agora – der Marktplatz, der Schulhof, der Campus, das Stadtfest – als Ort gemeinsamer Selbstreflexion.

„Wir haben erstaunlich gut zusammengehalten“, findet die Geschäftsführerin vom Kreuz. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist noch da“, erklärt sie mit Blick auf die Ergebnisse des Verfassungsschutzberichts vom vergangenen Jahr, die keine allzu starken Ausschläge seit der Pandemie verzeichnen kann. „Das bedeutet aber auch, dass wir jetzt ganz schnell wieder ansetzen müssen.“ Damit meint sie kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen. Und sie ist überzeugt: „Sich zu treffen und zusammen etwas anzuschauen, darüber zu reden und im Anschluss noch etwas trinken zu gehen, trägt zur geistigen Gesundheit bei.“

Psychotherapeut Wolfgang Schwerd: „Der Mensch ist ein kulturgeschaffenes und kulturschaffendes Wesen“

Der Ist-Zustand, der sich nun langsam verändert durch die aktuellen Lockerungen, habe eine Menge Stress produziert. Vor allem, weil die Leute sich nicht freiwillig dem oft auch anstrengenden Austausch entziehen und mal einen Abend zu Hause bleiben konnten, sondern weil es sich um ein Verbot über einen langen Zeitraum handelte. Deshalb fragt der Psychoanalytiker: „Wer begibt sich freiwillig in Quarantäne? Verliebte. Aber danach braucht und will man wieder Austausch. Sogar die Verliebten wollen irgendwann wieder raus aus ihrer Vereinzelung zu zweit.“

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Katja Schmirler-Wortmann vom Kulturzentrum Kreuz in Fulda spricht über Kultur in Zeiten von Corona.

Sein Bild für das Zurückfahren der Kultur und das Aufrechterhalten der Wirtschaft ist das des körperlichen Stoffwechsels: „Man kann den Körper operieren, aber der Stoffwechsel muss aufrechterhalten bleiben – das gilt für den kulturellen Stoffwechsel auch.“ Nur so ließe sich vermeiden, dass die Öffentlichkeit von extremistischen Gedanken oder Bewegungen wie den Querdenkern vereinnahmt werden könne. Die gute Nachricht: Dass das Gemeinsame und damit das Kulturelle im Menschen nicht totzukriegen sei.„Der Mensch ist ein kulturgeschaffenes und kulturschaffendes Wesen“, sagt der Psychotherapeut.

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Schmirler-Wortmann ergänzt:„Ein gemeinsames Wesen ist der Mensch.“ Und gerade bei Veranstaltungen wie Konzerten, bei denen eine große Menge Leute gemeinsam einem Ereignis beiwohnt, spielt das Erleben mit allen Sinnen eine wichtige Rolle. In solchen Momenten ist man eben nicht nur mit sich selbst, sondern steht über Mimik, Gestik und Gespräch im Austausch. Während des Lockdowns bleibt dann, eben ersatzlos, etwas auf der Strecke.

„Der Verlust heißt, dass eine bestimmte Art von Stress nicht geheilt wird“, beschreibt Schmirler-Wortmann noch einmal in Bezug auf ihre persönlichen Erfahrungen, „Wenn ich zum Beispiel Live-Musik höre, geht es mir wieder besser.“ Schwerd erklärt aus der psychologischen Perspektive: „Wenn es gut geht, trägt man bei solchen Anlässen Wissen zusammen und trägt am Ende mehr hinaus.“ Insofern es also angesichts der Corona-Fallzahlen möglich ist, sollte in der Zeit der Lockerungen nachgeholt werden, was zur Zeit des Lockdowns nicht möglich war.

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