Der Streit um die Corona-Maßnahmen hat die Schulen erreicht.
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Der Streit um die Corona-Maßnahmen hat die Schulen erreicht.

Blanko-Atteste zum Download

Streit an Schulen in Fulda wegen Corona: Böse Briefe von Anwälten und falsche Atteste - Maskenpflicht im Fokus

  • Volker Nies
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Der Streit um die Corona-Maßnahmen hat die Schulen erreicht. Einige Eltern wehren sich vor allem gegen die Maskenpflicht, weil sie eine solche für nutzlos und gefährlich halten. Die Zahl der Protestler ist noch gering.

Kreis Fulda - „Die Debatte ist der Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens“, sagt Harald Persch, kommissarischer Leiter des Schulamtes Fulda. „Die Maßnahmen werden von einer breiten Mehrheit der Eltern akzeptiert. Aber es gibt einige wenige Eltern, die sich beschweren.“ Auf viele Schulleiter prasselten Mails ein, die von ihnen verlangten, in der Corona-Pandemie die Maskenpflicht aufzuheben, sagt Persch. „Dabei hat die Schule keinen Spielraum. Sie muss die Vorgaben des Landes befolgen.“

Schon früh begann der Widerstand gegen die Corona-Maskenpflicht. Einige Eltern legten ärztliche Atteste vor, die belegen, dass ihren Kindern eine Maske nicht zuzumuten sei. „Was im Attest steht, müssen wir akzeptieren“, sagt Dr. Ulf Brüdigam, Leiter der Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda. (Lesen Sie hier: Immer mehr osthessische Schüler müssen in Quarantäne)

Corona-Streit belastet Fuldaer Schulleitungen: Falsche Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht

In Nordrhein-Westfalen entschied das Oberverwaltungsgericht, dass ein Attest Mindestanforderungen erfüllen muss. Der Arzt müsse etwa erklären, wie er zu seiner Diagnose gekommen ist. Das Urteil war die Reaktion auf das Verhalten von Ärzten, die in der Corona-Krise Atteste ausstellten, ohne die jungen Patienten zu sehen. In Hessen hingegen hat das Kultusministerium am 21. September entschieden, dass die Schulen jedes ärztliche Attest zu akzeptieren haben. „Allerdings gilt die Befreiung immer nur für drei Monate“, berichtet Bianka Roth, kommissarische Leiterin der Von-Galen-Schule in Eichenzell.

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Einige Ärzte warben sogar im Internet damit, dass sie Atteste für die Befreiung von der Maskenpflicht ausstellen, ohne den betroffenen Patienten je gesehen zu haben. Besonders fleißig war der österreichische Peer E. aus der Steiermark, der für 30 Euro Atteste ausstellte – für Familien gab es Rabatt. Seine Dienstleistung sprach sich in den einschlägigen Foren in den sozialen Medien herum.

Er stellte so viele Atteste aus, dass die Polizei seine Praxis stilllegte. Mindestens zwei seiner Bescheinigungen wurden an Fuldaer Schulen genutzt, wie die betreffenden Schulleitungen unserer Zeitung berichten.

Deutsche Ärztekammern haben Dutzende Ärzte schriftlich ermahnt, keine Gefälligkeitsatteste mehr auszustellen. Allein die Ärztekammer Westfalen-Lippe hat zwei Ärztinnen und drei Ärzte schriftlich ermahnt. Ob es vergleichbare Ermahnungen in Hessen gab, mochte die Ärztekammer in Frankfurt unserer Zeitung nicht mitteilen.

In Kassel ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen 50 Jahre alten Arzt aus dem Landkreis Kassel, der in der Corona-Pandemie entsprechende Atteste zum Download im Internet anbot – und zwar gratis. Die vermutlich tausendfach verbreiteten Atteste des Urologen Dr. Jens B. waren schon von ihm unterschrieben, wie die Staatsanwaltschaft unserer Zeitung berichtet.

Ist die Maske für Schüler sinnvoll?

Das lange Tragen von Masken sei gesundheitsschädlich – gerade für Schüler. Mit dieser Annahme begründen Eltern ihren Widerstand gegen die Pflicht, in der Corona-Pandemie Masken zu tragen. Die herrschende Meinung der Mediziner ist allerdings: Das Tragen ist unschädlich.

Der Internist Dr. Martin Freiherr von Rosen aus Gersfeld findet den Einsatz der Maske in Schulen nicht unbedenklich. „Durch die Maske wird die Frischluftzufuhr reduziert während der CO₂-Anteil signifikant steigt“, erklärt er. Zugleich gebe es keine Studien, welche die Unbedenklichkeit von Alltagsmasken bei Kindern sowie deren Effektivität gegen Viren-Übertragungen sicher belegten. „Das Tragen der Maske stellt für Kinder zudem eine emotionale Belastung dar. Man nimmt den Kindern die wichtige nonverbale Kommunikation“, sagt von Rosen. In seiner Praxis sehe er mit dem Tragen von Masken verbundene Beschwerden wie Schlafstörungen, Panikattacken, Unruhe- und Angstzustände, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Atemnot und vermehrte Infekte.

Dr. Thomas Menzel, Vorstandschef des Klinikums Fulda, hält entgegen: „Ich kenne keine wissenschaftlichen Belege, dass der Mund-Nasen-Schutz bei Menschen ohne schwere Grunderkrankung zu einer kritischen Reduzierung der Sauerstoffaufnahme führen kann.“ Allein wegen der geringen Dichtigkeit der Masken scheine dies nicht möglich. „Dies schließt nicht aus, dass gerade bei Vorliegen einer schweren Lungenerkrankung und im Einzelfall aus psychischen Gründen (etwa bei Angststörungen) eine Maske abgelehnt wird. Hier ist eine Befreiung von der Maskenpflicht möglich. Dies sollte aber die Ausnahme sein und muss individuell festgelegt und begründet werden.“

Für das Tragen der Masken setzt sich auch Dr. Edgar Pinkowski, Präsident der Landesärztekammer Hessen, ein. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in allen Situationen, in denen kein ausreichender Abstand gewahrt werden könne, sei „absolut sinnvoll und wichtig“. Die Alltagsmaske sei zwar kein sicherer Schutz vor einer eigenen Corona-Infektion, helfe aber, andere zu schützen.

Corona-Ärger an Schulen in Fulda: Anwälte schicken vorformulierte Listen und drohen mit Klagen

Es blieb nicht beim Streit um die Maske. „Mittlerweile hinterfragen Anwälte – manchmal im Auftrag von Eltern, meist aber ohne Verbindung zur Schule – alle Hygienemaßnahmen“, berichtet Brüdigam. „Das ist bisweilen sehr strapaziös.“

Um ihre Kritik zu untermauern, verschicken Anwälte lange, vorformulierte Forderungslisten, in denen sie den Schulleitern im Falle der Nichtbefolgung mit Klage drohen. Von „vier aktiven Eltern, die immer wieder mit Rechtsmitteln drohen“, berichtet Markus Bente, Rektor der Winfriedschule.

Video: 3000 Schulen in Deutschland sind nicht mehr im Regelbetrieb

Annette Albrecht, Rektorin der Winfriedschule in Fulda, und andere Schulleitungen unterstreichen, dass es natürlich Schüler gebe, bei denen es auf der Hand liege, dass sie aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen von der Maskenpflicht befreit werden. Aber es gebe leider auch Eltern, sagt Bente, die die berechtigten Befreiungen nutzen wollten, um das gesamte System der Corona-Auflagen infrage zu stellen.

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