Hessen: Die Tanzschulen unterrichten nach der Corona-Pause wieder.
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Die Tanzschulen in Hessen unterrichten nach der Corona-Pause wieder.

Lange Corona-Pause

Tanzschulen füllen sich wieder mit Leben - Freude über Neustart ist aber getrübt

  • VonMarius Scherf
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Bei den Tanzschulen bewegt sich was. Corona hat der Branche schwer zugesetzt. Aber jetzt kehren die Schüler zurück. Ist Optimismus angebracht?

Frankfurt/Fulda - Die Tanzschulen in Hessen unterrichten wieder, aber die Freude über den Neustart ist getrübt. Der Aufwand ist höher, die Nachfrage geringer, und über allem schwebt das Damoklesschwert, was Herbst und Winter bringen. Dass sie wieder arbeiten dürfen, erfüllt die Tanzlehrer in der Region mit einem zaghaften Optimismus und großer Freude, ihre Leidenschaft vielen Schülern näher bringen zu dürfen.

Die Kurse sind voll oder füllen sich wieder. Die Hygienekonzepte sind streng – vom eigenen Kontaktnachverfolgungssystem bis zu CO2-Messgeräten. Sie sollen das Tanzen wieder „sicher“ machen.

Fulda: Tanzschulen öffnen nach Corona-Pause - Freude aber getrübt

„So eine Krise haben ich und meine Kollegen in all den Jahren noch nicht erlebt“, sagt Liane Klein, Gründerin des Holodeck Dance Centers in Fulda. In der Coronazeit haben die Tanzschulen eine Tanzschul-Community ins Leben gerufen. Wo vorher sicherlich auch Konkurrenz untereinander herrschte, haben die Tanzschulen enger zusammen gefunden. „Man spricht auf Augenhöhe mit Respekt und Wertschätzung miteinander, und das wäre ohne Corona sicherlich nicht so gekommen“, sagt Klein. (Mit dem Corona-Ticker für Fulda bleiben Sie auf dem Laufenden)

Welche Regeln für Tanzschulen gelten, sei nicht genau definiert, erklärt der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV). Laut aktuell geltender Verordnung fallen Tanzschulen unter Sport. Unter Paragraf 20 finden sich aber nur wenige dürre Worte: „In Sportstätten ist die Sportausübung zulässig, wenn ein sportartspezifisches Hygienekonzept vorliegt.“

Manche Tanzschulen in Hessen haben schon im Juni wieder aufgemacht, als die ersten Lockerungen Freizeitsport in begrenztem Umfang unter strengen Auflagen wieder zuließen. Auch in Fulda starteten vielerorts wieder die Kurse.

In den langen Monaten des Tanzverbots boten einige Schulen Online-Kurse an. Andere verzichteten ganz wie die Tanzschule Angermann, die erst jetzt wieder aufmacht. Natürlich konnten Laptop und Wohnzimmer Coach und Tanzsaal nicht ersetzten, doch gerade in den Hiphop-Schulen wie dem Holodeck hat sich das Konzept als Ergänzung zum „echten Unterricht“ etabliert. (Lesen Sie auch: Fußball spielen oder gucken nur mit 3G? Diese Regeln gelten jetzt im Landkreis Fulda)

Lernen von den TV-Tanz-Profis

Die TV-Profitänzer Sergiu und Regina Luca (bekannt von Let’s Dance und Let’s Dance Kids) kommen nach Fulda. Die beiden Ausnahmetänzer betreiben seit über 10 Jahren ihre eigene Tanzschule in Karlsruhe. Philipp Conradi von der Tanzschule Conradi hat die beiden zu einem Workshoptag am 18. September eingeladen. Alle Interessenten haben die Möglichkeit, in bis zu drei Workshops ihr tänzerisches Können in den lateinamerikanischen Tänzen zu verbessern und von den Profis zu lernen. Die Profis werden Workshops in den Tänzen Samba, Rumba und Jive geben.

Weitere Informationen zu den Workshops bekommt man über die Website: www.tpc-studios.de.

Die Teilnehmerplätze sind begrenzt. Es gilt die 3G-Regelung. Weitere Informationen zum Hygienekonzept bekommen alle Teilnehmer nach Anmeldung per Mail.

Laut Berufsverband Deutscher Tanzlehrer (BDT) gilt für die meisten Tanzschulen in Hessen: Die finanzielle Lage sei „sehr schlecht“. Philipp Conradi von der gleichnamigen Tanzschule in Fulda-Rodges hat viel Frust. Die Hilfen des Staates seien nur spärlich geflossen – und Unterstützung, die Sport, aber auch Kultur zugekommen sind, bezeichnet er als „frech“.

Video: Tanzlehrer erzählt, wie Tanzschule über Internet-Stream funktioniert

Trotzdem glauben er und seine Kollegen, dass es langsam wieder bergauf geht. Sie wären keine Tanzlehrer, wenn sie die Hoffnung aufgegeben hätten. Fleiß und Disziplin gehörten zur DNA eines Tänzers und nicht zuletzt: Durchhaltevermögen. „Ich schaue immer nach vorne und bin motiviert“, bringt es Liane Klein auf den Punkt.

Das sagen Tanzschulen in der Region

Liane Klein (Holodeck Dance Center in Fulda und Lauterbach):

„So etwas habe ich in 23 Jahren meiner Selbstständigkeit noch nicht erlebt. Rund 40 Prozent Abgänge habe ich bei den Mitgliederzahlen – jeder hatte seine Gründe, oft nachvollziehbar. Das Gefühl von Gemeinschaft haben alle vermisst. Die Schüler jetzt wieder zu sehen – das ist einfach klasse.

Einigen fällt es dennoch schwer, die Motivation wiederzufinden. Bei den Leistungstänzern in der Vorbereitung auf die Meisterschaften muss viel aufgeholt werden. Bei den 3G-Regeln frage ich mich: Muss es denn wieder so kompliziert sein? Erleichterung bringt immerhin das Testheft, welches jetzt an den Schulen eingeführt wurde. In dieses können die Kinder ihre Tests eintragen und in der Tanzschule vorzeigen. Wer damit aber nicht abgeholt wird, sind die Studierenden und Berufstätigen. In den Tanzschulräumen haben wir Luftfilter, Klimageräte und CO2-Messgeräte. Zeigt das Messgerät Gelb, machen wir eine Pause und bei Rot verlassen alle den Saal und wir lüften komplett. Im Lockdown setzte die Tanzschule auf Onlineunterricht via Zoom. Das möchten wir in manchen Kursangeboten beibehalten in Form von Hybrid-Angeboten. Jederzeit kann man sich so zu den Kursen hinzuschalten.“

Jan-Andreas Hönscher (La Danse Fulda):

„Ich bin froh, dass nach dem Lockdown die meisten Schüler voll Freude und Energie wieder zum Unterricht kommen. Wir haben eine sehr hohe Nachfrage. Vermehrt gibt es Anmeldungen bei den ganz Kleinen, aber auch bei unseren Anfängerkursen für Erwachsene.

Im Stundenplan sind Pausen eingeführt, damit sich aufeinanderfolgende Gruppen beim Wechsel nicht begegnen. Die Ballettstangen werden nach jeder Stunde desinfiziert. Die Ballettschule darf nur mit Maske betreten werden, während des Unterrichts gilt dann keine Maskenpflicht. Ab jetzt lassen wir nur nach der 3G-Regel Personen in unsere Ballettschule. Wir blicken optimistisch in die Zukunft. Lieber unter Hygiene- und Coronaregeln tanzen, als wieder schließen zu müssen.“

Philipp Conradi (Tanzschule Conradi):

„Die Stimmung im Sommer war ausgelassen und freudig. Der Zuspruch ist gut. Tanzen – das ist für mich Sport und Kultur, und beide Bereiche wurden von der Politik im Stich gelassen. Hilfen sind schlecht geflossen, und das, was ankam, war nicht angemessen und respektlos gegenüber der Arbeit, die wir Kulturschaffenden leisten. Unterstützung auf regionaler Ebene vermisse ich bis heute. Bei ,Kultur.findet.Stadt‘ sind nur ganz wenige lokale Acts vertreten. Wo wird denn den Tanz- und Musikschulen vor Ort eine Bühne geboten?

Immerhin: Wir waren eine der Tanzschulen, die im März in Hessen kurzfristig aufmachen konnte, weil einer unserer Räume mit 250 m2 genügend Platz geboten hat. Wir hatten zudem von vornherein ein Hygienekonzept mit Luftfiltern, Aufenthaltsregeln und separate Ein- und Ausgänge, die Tanzfläche ist zudem in Abschnitte unterteilt. Wir benutzen die Luca-App und haben eine zusätzliche Kontaktnachverfolgung. Ich bin der Meinung, dass das Infektionsrisiko sehr gering ist im Vergleich zu vielen anderen Orten.“

Wolfgang Siebert (Tanzschule Angermann Fulda):

„Ich habe tagsüber eine Festanstellung angenommen, um die Zeit des Lockdowns zu überbrücken, etwas Sinnvolles mit der erzwungenen Freizeit anzufangen. Den Geschäftsbetrieb hatte ich vorübergehend ausgesetzt und plane, diesen im September oder Oktober wieder aufzunehmen. Abmeldungen gab es bei den Clubmitgliedern rund zehn Prozent. Neuanmeldungen liegen vor, doch ist es noch zu früh für eine aussagekräftige Prognose.

Zu 3G gibt es aktuell keine Alternative. Für Menschen, die einer Impfung kritisch gegenüberstehen, halte ich Schnelltests bereit. Tanzschulen sind Orte der Begegnung. Dem steht die Idee von Kontaktbeschränkungen diametral entgegen. Deshalb habe ich mich auch dagegen entschieden, Online-Unterricht anzubieten. Ich würde mich freuen, wären die Corona-Maßnahmen für alle Menschen bald vom Tisch. Für diesen Fall blicke ich zuversichtlich in die Zukunft.“

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