Circa 14 Prozent der Anrufer bei der Telefonseelsorge belastet das Thema Corona. (Symbolfoto)
+
Circa 14 Prozent der Anrufer bei der Telefonseelsorge belastet das Thema Corona. (Symbolfoto)

Quer durch die Gesellschaft

Telefonseelsorge Fulda in Pandemie-Zeiten: 14 Prozent rufen wegen Corona an

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
    schließen

Für die einen ist es das Fest der Liebe, für andere sind es Tage der Einsamkeit: An Weihnachten ist die Not mancher Menschen am größten. Corona hat die Situation noch verschärft. Bei der Telefonseelsorge Fulda läutet häufiger der Apparat als sonst. 

Fulda - Es klingelt. Margot weiß nicht, wer dran ist, was sie erwartet. Die 62-Jährige weiß aber, dass es jemand ist, der sprechen möchte. Vielleicht über ein Problem. Vielleicht, weil er in seiner Einsamkeit jemanden zum Reden braucht, vielleicht auch, weil er Angst vor Corona hat oder sich in dieser Ausnahmesituation noch stärker von der Gesellschaft entrückt fühlt als sonst. Die Telefonseelsorge ist ein Ort, wo dieser Mensch seine Sorgen formulieren kann, wo es jemanden gibt, der ihm sein Ohr schenkt. Jemanden wie Margot.

Sie heißt nicht Margot. Und ist auch nicht 62. Sie ist aber jemand, der in dieser Geschichte stellvertretend steht für die 80 Ehrenamtlichen, die in der Telefonseelsorge Fulda tätig sind – und die völlig anonym bleiben. Denn das ist das oberste Prinzip dieser Hilfseinrichtung: Anonymität. Das Angebot soll so niedrigschwellig wie möglich sein. Die Anrufenden bleiben anonym und die Ehrenamtlichen auch. Selbst die Adresse, wo die Telefonseelsorge in Fulda zu finden ist, ist geheim.

Telefonseelsorge Fulda in Pandemie-Zeiten: 14 Prozent rufen wegen Corona an

Die HauptamtlichenPfarrerin Dagmar Scheer, Dorotheé Vilmin und Hermann Held – hingegen sind die Gesichter der Telefonseelsorge Fulda. Sie kümmern sich um die Organisation, um die Ausbildung und die sogenannten Supervisionsgruppen, in denen die Ehrenamtlichen das Gehörte verarbeiten können. Gerade jetzt, in der Coronazeit, gibt es viele Menschen, die anrufen. Mehr als sonst. Unter der  (0800) 1110111 beziehungsweise der (0800) 1110222 ist rund um die Uhr jemand bei der Telefonseelsorge zu sprechen. Allerdings gibt es nur die eine Leitung. „Unsere Erreichbarkeit ist durch die hohe Nachfrage schwieriger geworden“, sagt Dorothée Vilmin. Pausen gebe es kaum: „Sobald die Ehrenamtlichen sich ,bereit‘ melden, ist jemand dran, der Hilfe sucht.“

„Bereit melden“, das ist für Margot eine wichtige Handlung. Denn als Seelsorgerin am Telefon muss sie bereit sein, um zuzuhören und mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Das geht nicht nebenbei. Und deshalb bereitet sie sich innerlich darauf vor: Bevor sie ihren Dienst antritt, kocht sie sich in der kleinen Küche der Telefonseelsorge einen Kräutertee. Auf dem Tisch liegen Plätzchen, der Raum ist weihnachtlich geschmückt. Ein Kalender mit christlichen Motiven, ein Mistelzweig im Flur und das rote Lämpchen vor dem Zimmer, in dem das Telefon steht. Wenn Margot telefoniert, leuchtet die Lampe. Es ist ein geschützter Raum. Hier darf kein Fremder hinein. Ein Raum, in dem Probleme besprochen werden, die dort bleiben und die Margot nicht mit nach Hause nimmt. Das hat sie in der Ausbildung zur Telefonseelsorgerin gelernt. Wenn sie bereit für die Anrufe ist, drückt sie einen Knopf und gibt die Leitung frei.

Dorotheé Vilmin von der Telefonseelsorge Fulda: „Die Gespräche sind so lang, wie es die Leute brauchen“

Vier bis fünf Gespräche hat sie während ihrer Schicht. Manchmal sind sie kurz, manchmal auch länger. „Die Gespräche sind so lang, wie es die Leute brauchen. Wir schauen da nicht auf die Uhr, achten aber schon darauf, dass sich das Gespräch nicht im Kreis dreht und der Anrufende am Ende noch weiß, was erarbeitet worden ist“, sagt Vilmin. Das sei bei 45 Minuten gut möglich, nicht aber nach einem mehrstündigen Gespräch. „Wir schauen, was erst einmal nötig ist, zu tun. Es ist ein Weg der kleinen Schritte“, sagt Vilmin, und Dagmar Scheer ergänzt: „Probleme werden bei uns in Worte gefasst, wir sprechen Dinge an und fragen auch das, was sich der Nachbar vielleicht nicht traut.“

Dagmar Scheer ist eines der Gesichter der Telefonseelsorge in Fulda.

Was thematisch besprochen wird, das wird statistisch erfasst: Zwischen 7. bis 13. Dezember ging es in 20 Prozent der Fälle um depressive Stimmungen, zu 14 Prozent um Ängste und zu 25 Prozent um Einsamkeit. „Wir haben hier Menschen, die sagen, dass wir neben dem Pflegedienst die einzigen sind, mit dem sie Kontakt haben“, sagt Scheer. Durch Corona werde vieles noch verstärkt.

Telefonseelsorge Fulda: Ehrenamt erst ab 25 Jahren

In 14 Prozent der Fälle ist Corona der Grund für den Anruf. (Lesen Sie hier: Auch bei der Telefonseelsorge im Main-Kinzig-Kreis ist der Gesprächsbedarf wegen Corona gestiegen) „Aber eigentlich schwingt das Thema bei jedem Gespräch irgendwo mit. Wir alle erfahren dadurch eine Begrenztheit und werden noch stärker auf uns selbst zurückgeworfen. Menschen mit psychischen Problemen fühlen sich ohnehin schon außerhalb der Gesellschaft. Diese Distanz zur Gesellschaft ist durch Corona und die Maßnahmen noch größer geworden“, erklärt die 56-Jährige. Die Hilfesuchenden seien bunt gemischt: „Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Alle Alterstrukturen sind vertreten, etwas mehr Frauen als Männer“, sagt Vilmin. Auch bei den Ehrenamtlichen ist das so. Ab 25 Jahren kann man als Ehrenamtler bei der Telefonseelsorge Fulda tätig werden.

Margot ist seit mehreren Jahren mit dabei. Aus ihrem Umfeld wissen nur ganz wenige von diesem Ehrenamt. Als sie an diesem Tag ihren Dienst beendet, geht sie noch einmal in die Küche, atmet durch und schaut aus dem Fenster. Ihr Kollege, der nach ihr Dienst hat, ist schon da. Als Margot die Räume verlässt, leuchtet das rote Lämpchen schon wieder.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema