Annette Leimbach macht regelmäßig einen Antikörper-Test. Ihr Wert liegt derzeit bei über 250 U/ml, so hoch wie bei einem Geimpften.
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Annette Leimbach macht regelmäßig einen Antikörper-Test. Ihr Wert liegt derzeit bei über 250 U/ml, so hoch wie bei einem Geimpften.

Eine Betroffene berichtet

Ist Sechs-Monate-Regel nach Corona-Infektion sinnvoll? Antikörper bei Genesenen länger nachweisbar

  • Daniela Petersen
    VonDaniela Petersen
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In Hessen sollen etwa Gastronomen und Veranstalter die Möglichkeit haben, nur noch Geimpfte oder Genesene zu bedienen. Das stellt Annette Leimbach aus dem Kreis Fulda vor ein Problem: Sie hat zwar Antikörper im Blut, zählt seit dem 18. Mai 2021 aber nicht mehr zu den Genesenen.

Hofbieber/Petersberg - Annette Leimbach hat es schwarz auf weiß: In ihrem Blut haben sich Antikörper gebildet. Der Wert ist am 18. August 2021 größer als 250 U/ml. Im November 2020 hatte sie Corona. Ein leichter Verlauf, wie sie erzählt. Zwei, drei Tage Schnupfen, später dann Geschmacks- und Geruchsverlust. „Als das auftrat, habe ich einen PCR-Test machen lassen, der positiv ausfiel.“ Am 19. November 2020 durfte sie die Quarantäne verlassen. Exakt ein halbes Jahr lang galt sie als Genesene. Seit dem 18. Mai 2021 nicht mehr.

Um weiterhin zum Beispiel zur Chorprobe gehen zu können, muss sie nun jedes Mal einen Test machen. Oder sich impfen lassen. Doch das lehnt die 64-Jährige ab – eben weil sie noch Antikörper hat. „Ich bin gegen Corona geschützt, genau wie jemand, der geimpft ist. Ich bin kein Impfgegner, aber es ist mir nicht ganz klar, warum man nur ein halbes Jahr als genesen gilt, obwohl ausreichend Antikörper vorhanden sind.“ (Lesen Sie hier: Arbeitgeber dürfen nach dem Impfstatus fragen - In der Region gibt es Lob und Kritik)

Corona-Genesene bemängelt Sechs-Monate-Regel: Ausreichend Antikörper vorhanden

Daher sei es sinnvoll, dass mit einem sogenannten Titer-Test erst einmal geschaut werde, wie hoch die Antikörpermenge im Blut ist, sagt Leimbach. „Dadurch dass ich momentan einen Wert von über 250 U/ml habe, habe ich Sorge, dass mein Immunsystem bei einer Impfung zu heftig reagiert und ich zunächst mit Nebenwirkungen zu kämpfen habe, wie es mir auch die Hausärztin erklärt hat. Ich nehme ja auch keine Kopfschmerztablette, wenn ich genau weiß, dass ich keine Kopfschmerzen bekommen kann“, erklärt sie.

Es gibt wahrscheinlich nur wenige, die so viele Titer-Tests gemacht haben wie Leimbach. Sie war viele Jahre Facharzthelferin und arbeitet jetzt freiberuflich als Heilpraktikerin. Die Tests, die jedes Mal um die 25 Euro kosten, schickt sie zu dem Labor Bio-Diagnostik nach Iserlohn. „Den ersten Test habe ich noch vor der Corona-Infektion im April 2020 gemacht, weil ich eine starke Erkältung durchgemacht und mich in Italien aufgehalten hatte. Es war kein Corona und ich hatte keine Antikörper“, erklärt sie.

Im November 2020 infizierte sie sich mit Covid-19 und machte zwei Monate später erneut einen Titer-Test: Der Wert lag bei 184,3 U/ml. Am 14. April stieg er an auf 221,5 U/ml, und im Juni 2021 wurde ein Wert von größer als 250 U/ml festgestellt. „Bei diesem Labor ist der Referenzwert bei 0,8 U/ml. Wer mehr als 0,8 hat, der hat Antikörper im Blut“, betont Leimbach. Dass sie zukünftig ohne Impfung womöglich nicht mehr an Veranstaltungen, bei denen die 2G-Regel gilt, teilnehmen kann, findet sie fatal. Und auch wenn die 3G-Regel gilt – und sie ab dem 11. Oktober für die Tests selbst bezahlen muss – könne sie ihre Freizeit nicht mehr gestalten. „Wenn ich für jede Chorprobe einen Test zahlen muss, dann kann ich mir das nicht leisten.“

Annette Leimbach hat auch nach Ablauf der sechs Monate noch Antikörper im Blut

Wilhelm Christian Koch aus Petersberg hat ein ähnliches Problem: Auch er gilt trotz Antikörpern im Blut nicht als Genesener. „Ich bin beim Gesundheitsamt nicht registriert, weil ich die Infektion gar nicht groß bemerkt habe“, erklärt der 78-Jährige. Anfang 2021 hätten er und seine Frau eine Art Erkältung gehabt. Beim Arzt seien sie deswegen nicht gewesen. Als sie sich im April impfen lassen wollten, machten sie vorher einen Antikörper-Test. Das Ergebnis: Beide hatten Antikörper im Blut. „Nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt konnte mir aber kein Genesenen-Ausweis ausgestellt werden, da bei mir kein PCR-Test gemacht wurde und ein solcher Fall in der Bundesverordnung nicht vorgesehen ist“, erklärt der 78-Jährige.

Er ärgert sich, dass das eigene Immunsystem bei der Fragestellung, ob jemand als genesen gilt oder nicht, nicht berücksichtigt werde. „Ich halte die AHA-Regeln ein und lasse mich auch regelmäßig testen. Diese Tests brauchen nach neuer Bundesverordnung bei geimpften Personen nicht mehr durchgeführt zu werden, da sie angeblich keine Viren mehr verbreiten können. Das ist jedoch nach neuesten Studien nicht der Fall, sondern ein Trugschluss“, betont Koch. (Lesen Sie auch: Kein Zutritt für Ungeimpfte? Das sagen Gastronomen zum 2G-Modell)

Video: Corona: Darum sollten sich auch Genesene impfen lassen

Auch Geimpfte, die sich nicht testen lassen müssen, könnten das Virus verbreiten. Bei steigenen Corona-Fallzahlen wären aber vor allem die Nichtgeimpften der „Sündenbock“. „So entsteht eine Gesellschaft mit verschiedenen Bürgerrechten, eine Zweiklassengesellschaft“, sagt Koch.

Auch der Landkreis Fulda spricht sich dafür aus, dass das Robert Koch-Institut die Sechs-Monats-Regelung noch einmal überdenkt: „Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig, dass das RKI eine Regelung trifft, um den Genesenenstatus für Personen zu verlängern, die vor mehr als sechs Monaten eine gesicherte Sars-CoV-2-Infektion durchgemacht haben und gleichzeitig noch immer einen hohen Antikörperwert haben“, erklärt Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt (CDU) auf Nachfrage unserer Zeitung.

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